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An Bord der Gustloff

Vielleicht sind kurzsichtige Menschen gewohnt, genauer hinzuschauen, den Blick auf Details zu richten, die andere um des vermeintlichen „Überblicks“ willen leicht übersehen. Jedenfalls war eine solche Sehschwäche dafür verantwortlich, daß dem 1926 geborenen Heinz Schön die angestrebte Karriere bei der Kriegsmarine versagt blieb, die ihn zunächst als Kadett auf das Segelschulschiff „Horst Wessel“ geführt hatte. Nach seiner Freistellung von der Kriegs- trat Schön 1943 in die Handelsmarine ein – als Aspirant bei der Reederei Hamburg-Süd. Seit dem Februar 1944 versah er als Zahlmeister-Assistent Dienst auf der „Wilhelm Gustloff“, die in der Danziger Bucht lag und wie ihre Besatzung kriegsverpflichtet war. In dieser Funktion erlebte Schön die dramatischen Versuche der Evakuierung vor der Roten Armee, die chaotischen Verhältnisse an Bord; und er überlebte als einer von nur 1.239 Menschen die Torpedierung des Flüchtlingsschiffs am 30. Januar 1945 und das unfaßbare Leid, welches sich seitdem mit dem Namen „Gustloff“ verbindet und stellvertretend steht für die 245 Schiffe mit 40.000 deutschen Flüchtlingen, die 1945 von britischen Fliegern und sowjetischen U-Booten in der Ostsee gejagt und getötet wurden. Unmittelbar nach seiner Rettung meldete sich Schön auf die „General San Martin“, die ebenfalls zur Flüchtlingsrettung herangezogen worden war. Elfmal noch war Schön auf der Ostsee im Einsatz, bevor er nach der Kapitulation von den Engländern an Bord interniert wurde. Seine mittlerweile aus Schlesien geflohene Familie konnte er erst zwei Jahre nach Kriegsende wiedertreffen. Die ganze Zeit über hatte er bereits versucht, von Überlebenden der Flucht über die Ostsee Berichte zu sammeln – die Grundlage seines späteren Archivs. Beruflich führte ihn sein Weg an die Verwaltungsakademie in Göttingen, dort war Schön danach beim Fremdenverkehrsamt tätig. In dieser Zeit verfaßte er zunächst eine Zeitschriften-Serie, die ein überragendes Echo an Zuschriften auslöste. 1952 folgte sein erstes Buch „Der Untergang der Wilhelm Gustloff“. Es diente 1959 dem Regisseur Frank Wisbar als Grundlage des Films „Nacht fiel über Gotenhafen“, der in den Göttinger Filmateliers gedreht wurde. Bis heute finden Schöns Veröffentlichungen großen Anklang bei den Lesern, suchen ihn Journalisten und Autoren aus aller Welt auf. Auch Günter Grass stützte sich für seine Novelle „Im Krebsgang“ auf Schöns Arbeiten. Noch immer verfaßt er neben Büchern auch Aufsätze in verschiedenen Zeitschriften, wie in der Deutschen Militärzeitschrift (DMZ) oder in National Geographic. Andere mögen die Kapitänspatente für Zeitgeschichte innehaben; der Zahlmeister-Assistent Heinz Schön verwaltet mit seinem Archiv die Details, die unabdingbar sind – dafür, wie es eigentlich gewesen ist. Wer ohne Guido Knopps populärwissenschaftliche Leuchtfeuer navigiert, muß eben öfter auch mal gegen den Wind kreuzen.

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