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Karl Mannheim zur Abschreckung

Wie Sancho Pansa trottet der eselsgeduldige Leser hinter Reinhard Laube her, absolut im unklaren darüber, wohin die Reise mit diesem Don Quijote geht. Nach fast zweihundert Seiten steiniger Wegstrecke endlich ein Hinweis: Der Autor scheint entschlossen, uns zwar nicht mit der liebreizenden Dulcinea, aber mit Karl Mannheim bekannt zu machen. Schön, daß das einmal ausgesprochen wird. Also Karl Mannheim, 1893 als Sohn jüdischer Eltern geboren, sozialisiert im Budapest des versinkenden Habsburgerreiches, fast zwangsläufig befreundet mit einem anderen Sprößling der dort kulturelle Hegemonie ausübenden assimilierten jüdischen Oberschicht, Györgi von Lukács, dem bedeutendsten Theoretiker des nicht-orthodoxen Marxismus. Ein Mann, der wohl den Namen „die Katze“ verdient hätte, da seine sieben Leben ausreichten, um selbst im Schatten der Lubjanka dank zungenfertiger „Selbstkritik“ alle „Säuberungen“ zu überstehen. Lukács stieg während des blutigen Karnevals der ungarischen Räterepublik 1919 zum Volkskommissar für Bildungswesen auf, verschaffte Mannheim eine Professur. Als Admiral Horthy den Spuk beendete, gelang Mannheim die Flucht ins liberale akademische Weltdorf Heidelberg. Gefördert von Alfred Weber, habilitierte er sich 1926 mit einer Analyse des deutschen „Altkonservativismus“, ein Thema, das seiner Herkunftswelt nicht hätte ferner liegen können. Das war sein erster „Beitrag zur Soziologie des Wissens“, und diese Kreation der „Wissenssoziologie“ blieb seitdem Mannheims Markenzeichen, begründete, trotz der Vorläuferschaft Max Schelers, seinen Ruhm, den er 1929 mit seinem Hauptwerk „Ideologie und Utopie“ festigte, das ihm 1930 die Berufung nach Frankfurt eintrug. Dort Tür an Tür mit den Exponenten der sich formierenden „Kritischen Theorie“ um Max Horkheimer, fiel Mannheim die Rolle des „Relativisten“ zu, weil seine Wissensoziologie zwar im Basis-Überbau-Schema die Funktion der Wissenschaft innerhalb gesellschaftlicher Arbeitsteilung aufzuzeigen bemüht war, er aber im Marxismus nicht jene Heilslehre akzeptierte, die mit der Aufhebung der Klassenherrschaft auch die Instrumentalisierung von Wissenschaft beenden könnte. Für Mannheim waren zum Kummer Horkheimers eben alle historisch und sozial bedingten Wahrheiten „relativ“, ihre Gültigkeit an ein Verfallsdatum gebunden, also auch die marxistische Ideologie, die für den Stammvater der Frankfurter Schule ein Reservoir „geschichtlicher Wahrheit“ blieb. Dagegen findet sich die Quintessenz der Wissenschaftssoziologie in der Behauptung, daß alles Denken Ideologie sei, Bemäntelung von Interessenlagen jedweden Ursprungs. Damit schwamm Mannheim in einer gewaltigen geistigen Strömung, die seit Ende des 19. Jahrhunderts Angst und Schrecken verbreitete, weil sie „alles“ ins Wanken brachte: dem Historismus. In den Geisteswissenschaften und dann im Alltagsbewußtsein hatte sich die Auffassung durchgesetzt, daß jede Kultur mitsamt der „absoluten Werte“ von Religion und Moral geschichtlich bedingt sei. Das hatte die Relativierung aller Denk- und Wertungsformen zu vergänglichen Erscheinungen im Fluß der Geschichte zur Folge, jene Pluralisierung der Wertsysteme und Weltbilder, die noch dem „Anything goes“ der „Postmoderne“ ihren Stempel aufdrückt. Das Bewußtsein historischer Bedingtheit aller Kultur, die Einsicht in ihre Relativität und die Akzeptanz weltanschaulicher Pluralität – das sind immer noch zentrale Merkmale „nordatlantischen“ Selbstverständnisses. Die Göttinger Ideenhistorikerin Annette Wittkau hat die „Geschichte des Begriffs und des Problems“ Historismus in ihrer Dissertation von 1992 dargestellt, das ganze Spektrum der Kontroversen von Nietzsche, Burckhardt und Dilthey bis zur Rezeption des historistischen „Stachels“ in den weltanschauungsrelevanten Wissenschaften wie Jurisprudenz und Nationalökonomie. Das ist die Ausgangslage. Laube versucht nun, seinen Helden Mannheim in dieser Geisteslandschaft irgendwie zu verorten. Daß er dabei die ersten zweihundert Seiten seiner bei Otto Gerhard Oexle, Wittkaus Doktorvater, in Göttingen eingereichten Dissertation verschwendet, um alles das noch einmal zu erzählen, was Wittkau uns schon so überaus konzise mitgeteilt hat, nur eben viel wirrer, geradezu gedankenflüchtig, den Leser bis aufs Blut quälend und langweilend, ist schon schlimm genug. Daß er dann aber, endlich Mannheim und dessen relativierende „Perspektivierungen“ am Wickel, völlig den roten Faden verliert, Anmerkungen zu weitschweifigen Exkursen ausbaut, in Mannheims ohnehin nicht leicht verständlichen, oft fragmentarisch wirkenden Texten hin- und herspringt, jeder argumentativen Stringenz Valet sagt, dazwischen noch mit sprachlichen Gespreiztheiten nervt, führt letztlich zur Resignation des Lesers: Sancho Pansa läßt Don Quijote seiner verschlungenen Wege gehen. Der Wälzer Laubes kommt zum Verstauben ins Regal. Der erschöpfte Leser merkt sich, daß er, will er über den Historismus etwas wissen, das Bändchen von Frau Wittkau zu Rate ziehen muß, und greift ansonsten zu Wilhelm Hofmann: „Karl Mannheim zur Einführung“ (1996). Foto: Karl Mannheim um 1930: Jede Ideologie hat ein Verfallsdatum Reinhard Laube: Karl Mannheim und die Krise des Historismus. Historismus als wissenssoziologischer Perspektivismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, 676 Seiten, gebunden, Abbildungen, 92 Euro

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