Jüngers Lektüren

Die Literatur gleicht einem Walde mit vernarbten Stämmen, Unterholz und moosigem Grund. Man wird nicht müde, Tag und Nacht bei jedem Wetter in ihm zu streifen – sei es allein oder, besser noch, in Gesellschaft; sie kann nur gut sein, wenn man sich dort trifft.“ In diesem Zitat Ernst Jüngers aus „Autor und Autorschaft“ (1981) sind brennglasartig wichtige Elemente des Jünger’schen Werks erfaßt: die Literatur, in deren Räumen sich sein Werk entfaltet, der Wald, in dessen Raum der Autor die Philosophie des „Waldgängers“ entwickelt, und das Moment des Austauschs, der Kommunikation, der Weitergabe. Und wollte man dieses Bild fortschreiben, so müßte man die Brücke zur „Autorschaft“ schlagen, die im Schnittpunkt von Literatur, Natur und Dialog ihren Nullpunkt hat, die dort entsteht, wo sich ein Gedanke oder eine Stilfigur in der Replik kristallisiert. Zeit seines Lebens war der Jahrhundertschriftsteller Ernst Jünger (1895-1998) ein großer Waldgänger und ein noch größerer Leser. „Ich habe lange Strecken meines Lebens mehr in Büchern als in Häusern und Staaten gelebt“, notierte er in „Sgraffiti“ (1960). Und in seinem Alterstagebuch „Siebzig verweht V“ heißt es: „Den wesentlichen Teil meines Lebens habe ich als Leser verbracht. (…) Seitdem ich lesen konnte, ist kaum ein Tag vergangen, in dem mich nicht ein Buch oder deren mehrere beschäftigten.“ Ja, mehr noch: Lektüre stellte einen Teil seiner geistigen Existenz dar. Sie war ihm existentiell. Spuren dieses Lesens durchziehen sein Werk – von den „Stahlgewittern“ bis zu „Siebzig verweht V“. Zu keinem Zeitpunkt seines Lebens hat Ernst Jünger auf Lektüre verzichten können – und gerade im Unterstand wurde sie zur conditio sine qua non. Sie hat sich derart deutlich in das Jünger’sche Opus eingezeichnet, daß man das Zitat und die Anspielung als eines der wichtigsten Stilmerkmale dieses Werkes bezeichnen kann. Es wird wohl kaum einen halbwegs engagierten Jünger-Leser geben, der nicht schon diesen Lektürespuren gefolgt ist, der sich nicht Listen für die eigene, fortgesetzte Lektüre aus Jünger’schen Texten exzerpiert hat. Dort finden sich dann üblicherweise die „Geschichten aus 1001 Nacht“, Ariosts „Orlando furioso“ in der Gries’schen Übersetzung und mit den Illustrationen von Doré, Nietzsche, Hamann, Baudelaire, die Kirchenväter, Dostojewski, Huysmans, Heraklit, Schopenhauer, Weininger, Barrès und so weiter. Hartgesottene folgen sogar den Spuren entomologischer Fachliteratur, die sich ebenfalls wie ein roter Faden durch Jüngers Texte ziehen, angefangen von Reitters klassischer „Fauna Germanica“ bis hin zu den diversen Mitteilungsblättern entomologischer Vereine, denen Jünger in seinem Tagebuch Platz einräumt, weil er die Zunft schätzt. Dies alles ist natürlich kein Selbstzweck. Ein solches konzentrisches Umkreisen der Texte von außen, ein Abschweifen und wieder Zurückkommen bietet einen guten Zugang zum Werk Ernst Jüngers. Denn mehr als bei den meisten anderen Autoren – Arno Schmidt vielleicht ausgenommen (der aber charakteristischerweise ähnlich gelagerte aficionados hervorgebracht hat) – leben Jüngers Texte von der Hereinnahme und von der Zitation anderer Texte. Jüngers Aphorismen, Urteile und Einsichten fußen sehr oft auf Lektürenotaten, die Quelle, aber auch Zielpunkt einer Überlegung sein können. Im kontinuierlichen Austausch, im Interagieren mit dem Lektürekosmos bilden sich Standpunkte, historische und meta-historische Urteile, Vergleiche und Pointen. Hier verdichten sich Erinnerungen und werden Parallelen im eigenen Erleben deutlich. Das Zitat als zentrale Stilfigur ist mehr als nur Stichwort für das eigene Denken. Es bindet die Texte Jüngers zurück an die Geschichte, an das Bereits-Gesagte, es vergesellschaftet sie sozusagen, und es leitet sie zugleich weiter in einem imaginären Dialog, der zur „Autorschaft“ führt. Um Jünger zu verstehen, muß man also diesen Zitaten und Anspielungen folgen. Sie korrespondieren miteinander und weisen auf Bedeutungsräume, die hinter dem Text verborgen liegen. Jünger lesen heißt „Spuren-Lesen“. Die in der kommenden Ausgabe der JUNGEN FREIHEIT beginnende Artikelserie, die in monatlichem Rhythmus erscheint, versucht, einige der weniger bekannten oder bislang wenig beachteten Fährten aufzunehmen und ansatzweise zu entziffern. Und sie versucht natürlich auch, zur Lektüre von Jüngers Lektüren anzuregen – Tag und Nacht und bei jedem Wetter, allein oder in Gesellschaft. Ganz im Sinne Ernst Jüngers: „Solange noch ein Buch zur Hand und Muße zum Lesen da ist, kann eine Lage nicht verzweifelt, nicht gänzlich unfrei sein.“ Dr. Alexander Pschera ist Germanist und arbeitet derzeit an mehreren Ernst-Jünger-Projekten.

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