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Jene Begegnung des Menschen mit der Gottheit

In einem einzigen Satz seines Buches „Die freudlose Gesellschaft“ ist versammelt, was Hans Jürgen Syberberg vom bundesdeutschen Kulturbetrieb trennt: „Ich lebte außerhalb der Nazi-Gesellschaft und darf mich heute unbeschädigt von ihren Folgen bewegen, immunisiert, ohne mich durch protestierende Profilierung von den Eltern absetzen zu müssen und ohne Racheabsichten gegen die ehemaligen Verfolger.“ Diese Haltung bestimmt seine Ästhetik und seine Ansichten über Kultur und Kunst. Wo sie öffentlich werden, konfrontieren sie die Gesellschaft mit deren Paralyse, und diese, ertappt, rächt sich mit Ausschließung. Eine Würdigung zu Syberbergs 70. Geburtstag wie 2003 in Paris, wo im Centre Pompidou eine Retrospektive seiner Filme stattfand und die Herrichtung seines Elternhauses im vorpommerschen Nossendorf per Videoinstallation übertragen wurde, zum Beispiel im Filmmuseum am Potsdamer Platz in Berlin und finanziert aus dem Hauptstadtkulturfonds – sie ist undenkbar. Syberberg, Sohn eines Gutsbesitzers, der nach dem Krieg enteignet wurde – auch diese beiden Umstände bestimmen seinen Blick, doch dazu später -, durfte 1953, gerade siebzehnjährig, am Berliner Ensemble die Proben Brechts zum Ur-Faust filmen. Bereits diese frühen Schwarzweiß-Aufnahmen zeugen von großer visueller Kraft. 1965 drehte er „Romy Schneider – Anatomie eines Gesichts“, einen Interview- und Dokumentarfilm über einen der wenigen deutschen Weltstars, der, um es zu werden, ins Ausland gehen mußte. Kameraführung, Schnitt, eine hintergründige Fragetechnik, die weite Assoziationsräume eröffnet, machten hinter der Fassade des mondänen Stars, der um seine Qualitäten weiß und keineswegs uneitel ist, einen seltsam gebrochenen, unsicheren Menschen kenntlich, der durch diese Enthüllungen aber nichts von seiner Einmaligkeit und seinem Geheimnis verliert, sondern dessen auratische Wirkung sogar noch größer wird. Im fünfstündigen Film über und mit Winifred Wagner zehn Jahre danach zeigte Syberberg im Personenporträt sogar die Physiognomie eines deutschen Jahrhunderts. Letzte Romantiker in der rationalisierten Welt Die Filme über Karl May und Ludwig II., den bayerischen Märchenkönig, sind Arbeiten über letzte Romantiker in der rationalisierten Welt. Auch „Hitler – ein Film aus Deutschland“, in dem Syberberg seine Schnitt- und Montagetechnik perfektioniert hat, zählt dazu. Der Film ist eine Reise ins Herz des Nationalsozialismus, den er als Amalgam aus Mythenresten, ästhetischen Versatzstücken des 19. Jahrhunderts ­- Hitler entfährt dem Grab Richard Wagners – und dem technischen, egalitär-demokratischen Massenzeitalter versteht. Anläßlich dieses Films ist Syberberg als Virtuose der Avantgarde beschrieben worden und gleichzeitig als Vertreter der Antimoderne. Wurde die Montage ursprünglich als Konstruktion zur Erkenntnisvermittlung gebraucht – Realitätspartikel werden in neue Zusammenhänge gestellt, um ihre Bedeutung zu erschließen und ideologische Verblendungszusammenhänge aufzusprengen -, folgt sie bei Syberberg der Irrationalität des Traums. Irrig, der Geschichte Sinn, Moral oder Fortschrittsideen zu entlocken. Sie hinterläßt einen Haufen Trümmer, und alle Versuche, sie sinnvoll zu strukturieren, führen zu neuen Verblendungen. Die Aufgabe der Kunst ist daher nicht die Aufklärung, sondern die Entbergung der kollektiven Mythen, die unter dem Trümmerberg ruhen, als kulturspendende Kraft. Ihre einzig angemessene Haltung ist die der Andacht und Trauer über die Verluste, auch die eigenen, und die Zelebrierung der Aura ist das Mittel, um sie zu vermitteln. Das über Deutschland verhängte Trauerverbot tötet, so Syberberg, seinen Geist und seine Kunst. Spätestens damit ist Syberberg den Kulturauguren verdächtig geworden. Seine Filme waren ohnehin stets unterfinanziert, seit den achtziger Jahren ist er für die zuständigen Instanzen persona non grata. Auf diese Ignoranz hat er 1990 mit der Streitschrift „Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege“ geantwortet. Sie wurde verfaßt in der Hoffnung, mit dem Mauerfall würde „die eigentliche Stunde Null“ anbrechen und der selbstbefreite Osten ein Gegengewicht zum „vernutzten Leben des Westens“ bilden, das er mit unvergleichlicher Schärfe analysierte. Während Adorno, Benjamin, Kracauer, Marcuse usw. als die „geistigen, von Hitler unbefleckten“ BRD-Gründungsväter etabliert seien, habe global die Phase der „jüdische Weltinterpretation“ begonnen, die ähnlich bestimmend sei wie früher die christliche, römische und griechische. Hollywood sei das Medium und Europa zur geistigen und kulturellen „Enklave zwischen dem neuen und dem alten gelobten Land (…), USA und Israel“, geworden. Deutschland, indem es den ihm zugewiesenen Part verinnerlichte, sei aus dem Kreis schöpferischer Kulturnationen ausgeschieden: „Was auch die Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege jagte, war der Fluch der Schuld, die sich als Werkzeug der Einschüchterung von links anbot, da sich die Linken als schuldfrei verstanden, nun in unseliger Allianz einer jüdisch linken Ästhetik gegen die Schuldigen bis zu Langeweile und alles kulturelle Leben lähmenden Lügen“. Syberberg hatte zur Attacke geblasen, doch niemand folgte. Verbal nahm er sich künftig zurück, sachlich sah er dazu keinen Grund. Die Schließung des Berliner Schillertheaters 1993 interpretierte er im Essay „Der verlorene Auftrag“ als symbolisches Ende des subventionierten Theaterbetriebs, der sich auf „Aufklärungsprotest, Engagement“ und das „etablierte Tabu“ berufe und schuldbewußte „Ablaßkunst“ darbiete. Die entscheidende Frage für die Kunst in Deutschland laute daher, „ob die letzte große Geste unserer Existenz in der Kultur zugrunde geht mit Hitler und seinen Folgen nach der Wiedergutmachungsvergangenheits- und Umerziehungsästhetik (…) Oder ob wir auch ohne ihn noch uns annehmen und etwas sind und dafür einen Ausdruck finden, eine Haltung, den Rahmen, das Exerzitium der Kunst. Jener Begegnung des Menschen mit der Gottheit.“ Weil es für Filme an Geld fehlte, ist Syberberg auf andere Kunstformen ausgewichen, auf Theaterproduktionen, Foto- und Video-Arbeiten und Installationen. Aufmerksamkeit erlangte er 1997 mit der „Cave of memory“ (Höhle der Erinnerung“), die im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin und dann auf der Documenta zu sehen war: Es handelte sich um einen dunklen, begehbaren Raum, eine Art Platonscher Höhle, die erfüllt wurde von Tönen, Fotos und Videofilmen. Ihr Zusammenspiel ergab eine Fülle von Assoziationen und Bedeutungsschichten. Eine Kamera fuhr die Berliner Wilhelmstraße, die alte Machtmeile Preußens und des Reiches entlang, die heute von Plattenbauten gesäumt wird. Überblendungen zeigten die alten, im Krieg zerstörten Palais. Auf einem anderen Monitor sah man das engelhaft schöne Gesicht des jungen Oskar Werner in G. W. Pabsts Film „Der letzte Akt“. Er spielte einen Offizier und Ritterkreuzträger, der sich im Führerbunker voller Verzweiflung auf Hitler stürzt und erschossen wird. Oskar Werners letzte Rolle war der „Prinz von Homburg“, der ebenfalls gezeigt wurde. Das Kleist-Stück hatte 1809 eine Voraufführung im Palais Radziwill erlebt, Wilhelmstraße 77, der späteren Kanzler-Wohnung, deren letzter Bewohner Adolf Hitler hieß. Seine Fähigkeit, die geschichtliche und kulturelle Mehrdimensionalität aufzuzeigen, unterscheidet Syberberg von den Durchschnittskünstlern und -historikern, die sich als Trüffelschweine durch die deutsche Kultur und Geschichte wühlen und jedesmal, wenn sie glauben, fündig geworden zu sein, grunzen: „Hitler! Auschwitz!“ Trüffelschweine, die jedesmal grunzen: „Hitler! Auschwitz!“ Von hier aus erscheint Syberbergs Vorschlag, in einem Neubau des Berliner Stadtschlosses mittels Installationen ein „virtuelles Preußen“ zu errichten, gar nicht mehr skurril, sondern logisch, logischer jedenfalls als die Idee, das Areal der alten Staatsmitte mit einem politisch korrekten Völkerkundemuseum zu bestücken. Trotzdem ist er hoffnungslos, denn er appelliert an ein kulturelles und historisches Hintergrundwissen, das nicht mehr existiert. Seit einigen Jahren pendelt Syberberg zwischen München, seinem Wohnsitz, und Nossendorf, wo er sein Elternaus nach jahrelangem, qualvollen Gezerre zurückerhalten hat: kein Junkerschloß, sondern ein zweistöckiges Gebäude mit schrägem Dach, das er knapp vor dem endgültigen Verfall retten konnte. In einem Internettagebuch kann man seit 2001 den Fortgang der Arbeiten mitverfolgen ( www.syberberg.de ) . Weit über drei Millionen Mal wurde das Tagebuch von Benutzern aufgerufen. Es enthält alte Schwarzweiß- und neue, von Webcams aufgenommene Farbfotos, Notate, Collagen, Reflexionen, Arbeitsberichte, Kommentare zur Zeit, die das reale Nossendorf zu einem virtuellen, auratischen Ort machen. Im Erdgeschoß hat Syberberg einer Kopie der Doppelstatue der preußischen Prinzessinnen von Schadow aufgestellt. Drei Wünsche und Vorhaben scheint Syberberg mit diesem Haus zu verknüpfen. Erstens ist Nossendorf als Refugium persönlicher Genugtuung gedacht, wo die rastlose Suche nach der verlorenen Zeit zur Ruhe kommt. Ein zweiter Gedanke war wohl, ein neues „Haus Wahnfried“ als Synthese von Leben und Kunst zu konstituieren. Und drittens soll Nossendorf zum quasi-mythischen Artefakt in der pommerschen Ebene werden, das die Botschaft neugewonnener Harmonie von Mensch, Natur, Kultur, Geschichte auf elektronischem Wege in die Welt sendet. Vom Neubau der Scheunen mit gläsernen Wänden war die Rede, von Räumen für Installationen, Austellungen … Das würde Millionen kosten. Wer in Deutschland hat für solche Verstiegenheiten noch einen Sinn? Der Unzeitgemäße erdreistet sich, schöpferisch zu sein Inzwischen ist Syberberg die Traumlandschaft der Kindheit – wirtschaftlich und sozial die wohl trostloseste Gegend Deutschlands – zum „Anus horribile der deformierten Seelen“ geworden. Am Anfang stand der Streit mit alten LPG-Funktionären, die das Haus unbedingt abreißen wollten, um Subventionen dafür zu kassieren. 2001 wurde ein Brandschlag verübt, dann wurden Scheiben eingeworfen, und seit 2003 werden immer wieder Anpflanzungen vergiftet. Man erfährt im Tagebuch von Schikanen der jetzt demokratisch gewandeten Obrigkeit und von der bedrohlichen Nachbarschaft eines Skinheads, der sich als Medium des Mehrheitswillens fühlt. Das Neueste ist die richterliche Anordnung aus der Kreisstadt Demmin, die Kamera im Südfenster des Hauses abzustellen, sonst drohen Haft oder eine horrende Geldstrafe. Es ist das Syberberg-Fenster der Kindheit, das er in seinen Kunstproduktionen und Schriften immer wieder zitiert. Nun sollen Gutachten aus Berlin und Schwerin über den Kunstwert der Aufnahmen befinden. Instinktiv vollzieht die vorpommersche Landbevölkerung nur nach, was der bundesdeutsche Kulturbetrieb vorgegeben hat: die Ausstoßung eines Unzeitgemäßen, der sich sogar erdreistet, schöpferisch tätig zu sein. Syberberg steht dem Zeitgeist von Nossendorf-Deutschland genauso in der Quere wie der Gutsbesitzer aus Balzacs Roman „Die Bauern“, der von einem mächtig gewordenen, gierigen Kleinbürgertum und einer nicht weniger gierigen Bauernschaft in die Zange genommen und von Haus und Hof vertrieben wird. Danach werden der Park und die Alleen abgeholzt, das Land parzelliert. Sogar ein fortschrittlicher Journalist wird wehmütig bei diesem Anblick: „Das sieht aus, wie eine Seite aus dem ‚Contract social‘ von Jean Jacques! Und an diese soziale Maschinerie, die so arbeitet, habe ich mich gekettet … Mein Gott, was wird in kurzer Zeit aus den Königen werden? Und was soll bei diesen Zuständen in fünfzig Jahren aus den Völkern selbst werden?“ Hans Jürgen Syberberg kann und will sich nicht damit abfinden, daß ein falscher „Contract social“ das Schöne endgültig ermordet. Am 8. Dezember wird er 70. Die Frage nach neuen Vorhaben beantwortet er in der ihm eigenen kryptischen Weise. „Nächsten Pläne Brüssel 2007. In Verbindung mit N. und H. (abarbeitend).“ N. steht für Nossendorf und H. für Hitler. Was denn auch sonst. Foto: Hans Jürgen Syberberg: Trauer über die Verluste, auch die eigenen

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