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Gefeierter als Einstein

An Dänemark kommt so leicht keiner vorbei in diesen Wochen. Im Zuge der Regierungsneubildung in Schleswig-Holstein und der Rolle der dänischen Minderheit haben wir viel erfahren über Mentalität, Politik, Kultur, Schulen und Kindergärten in unserem nördlichen Nachbarland mit der Kleinen Meerjungfrau als hauptstädtischem Wahrzeichen – da mag sich das Hans-Christian-Andersen-Jubiläumsjahr gut einfügen. Wo dänische Politik sich anschickt, die Landesgrenzen zu überschreiten, wird dem berühmtesten Schriftsteller des Landes dabei eine wahrhaft globale Kulturvermittlungsrolle zugetragen. Allein die hier keinesfalls vollständig wiederzugebende Liste der als „Andersen- Botschafter“ Auserwählten sprengt jeglichen assoziativen Rahmen; hier findet Hans-Olaf Henkel mit Nina Hagen, Roger Moore mit Gitte Haenning, Liz Hurley mit Pele, Katja Riemann mit Prinzessin Mary und John Neumeier zusammen: Die jeweils „kreativsten Stars“ aller Herren Länder sollen Andersens Kunstwerke in alle Welt tragen. Vom Berühmtheitsstatus abgesehen, dürfte diese Auswahl des dänischen „HCA 2005“-Komitees jedoch recht frei von Kategorien getroffen worden sein. Nicht einmal freimütig geäußerte Unkenntnis dürfte dabei ein Problem dargestellt haben: So wird von der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende, gleichfalls Andersen-Botschafterin, berichtet, sie habe den „Rattenfänger von Hameln“ als ihr Lieblingsmärchen von Andersen genannt und eingestanden, von der Existenz eines Landes Dänemark erst durch die ihr zugedachte Botschafter-Rolle gehört zu haben. Die dänischen Ausrichter des Jubeljahres setzen auf Masse: Mit 30 Millionen Euro werden die Feierlichkeiten des Gedächtnisjahres finanziert, dessen Auftaktveranstaltung in Kopenhagen am 1. April 42.000 Zuschauer unmittelbar beiwohnen werden, zuzüglich der mehreren hundert Millionen, die international in den Genuß der Fernsehübertragung kommen werden. Das sind Maßstäbe, die denen einer Fußballweltmeisterschaft gleichen und hinter denen sich die staatsgetragenen Feierlichkeiten zum Schiller- und Einstein-Jubiläum mehr als bescheiden ausnehmen. Dabei scheint Andersen diesen forcierten Popularitätsschub kaum mehr nötig zu haben. Längst hat Hella von Sinnen seine Märchen auf CD gesprochen, Doris Dörrie ihre Version des „Häßlichen Entleins“ offenbart, Elvis Costello eine Andersen-Oper geschrieben und selbst der Chinesische Staatzirkus mit einer Andersen-Show aufgewartet. Hans-Christian Andersen wurde am 2. April 1805 in Odense auf der Insel Fünen geboren. Die Rolle eines künftigen Kulturträgers wurde ihm nicht in die Wiege gelegt, sein Vater war Schuhmacher, die Mutter Alkoholikerin, der Großvater im Irrenhaus, die Tante führte ein Bordell, und seine Schwester hat Andersen zeitlebens verschwiegen. Ihm träumte von Höherem, und so verließ er als Vierzehnjähriger seine Heimatstadt, um sich mit frühreifen Gedichten und egomanischen Monologen unter die Salongesellschaften und Dichterzirkel in Kopenhagen zu mischen. Noch lange war seine Begeisterung für die eigenen Texte selbst unter jenen gefürchtet, die mit dem sonderlichen Emporkömmling sympathisierten. Friedrich Hebbel beschrieb ihn als eine „lange, schlottrige, lemurenhaft eingeknickte Gestalt mit einem ausnehmend häßlichen Gesicht“. Durch Hartnäckigkeit machte Andersen seinen Weg, hielt Einzug auch auf Theaterbühnen, schloß Freundschaft mit literarischen Größen wie Charles Dickens und Heinrich Heine und konnte bald von seiner Kunst leben. Schräge Anekdoten begleiten den Weg des Weltreisenden, der angeblich erst mit 61 Jahren ein eigenes Bett besaß. Gerne wird kolportiert, Andersen habe stets einen Strick mit sich geführt, mit dem er sich im Brandfall aus seiner jeweiligen Herberge abzuseilen gedachte. Es mag an den Interessen unserer Zeit liegen, daß der „sexualfixierte Exzentriker“ heute unangemessen in den Vordergrund tritt. Einzelne Tagebucheintragungen über autoerotische Obsessionen des Junggesellen, der er zeitlebens blieb, legen ein wildes Phantasieleben zwar nahe, doch müßte man arge Spitzfindigkeit walten lassen, um Andersens Werk unter der Folie einer nie eingestandenen Homosexualität lesen zu können, wie es manche Kulturbeiträge derzeit suggerieren. Zum Hans-Christian-Andersen-Jahr 2005 rundet sich in diesem Sommer zugleich der Todestag des Dichters: Andersen starb am 4. August 1875 in Kopenhagen an Leberkrebs. Andersen veröffentlichte Gedichte, Reiseerzählungen, Dramen, Opern, schuf bezaubernde Scherenschnitte, doch seine Berühmtheit verdankt er den knapp 200 Märchen, zu deren populärsten „Das häßliche Entlein“, „Der standhafte Zinnsoldat“, „Das Feuerzeug“, „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, die daueraktuelle Politparabel von „Des Kaisers neuen Kleidern“ und natürlich die längst disneyverfilmte „Kleine Meerjungfrau“ zählen. Kinder lieben die Märchen Andersens oft mehr als die der Brüder Grimm – zumal, wenn es sich bei letzteren nicht um ausgeschmückte Nacherzählungen handelt. Andersen läßt emphatischer mitfühlen, seine Figuren tragen ein individuell umrissenes Gesicht, und ihre Geschichten lassen sich auch in der Originalfassung spannend anhören, da Andersen – das war einigermaßen revolutionär – so schrieb, wie man sprach. Im Zuge psychotherapeutischer Moden ist es ein Jahrhundert nach Freud wieder überaus populär geworden, Erwachsene Märchen zur Selbstfindung und -heilung lesen und interpretieren zu lassen. Dabei wird aus einem Brunnen schnell ein Frauenkörper, aus einer abgeschlossenen Burg eine inzestuöse Handlung und aus Rumpelstilzchen ein Phallussymbol. Frank Castorfs „Schneekönigin“ voller Sex- und Splatterszenen ist nur eines von ungezählten Beispielen, wie auch Andersens Märchen heute, aufmöbliert mit abartigen und niemals vom Dichter intendierten Horrorphantasien, auf die Bühne gebracht werden. Anders als die Volksmärchen der Brüder Grimm sind die oft ebenfalls aus Volksmythen und -legenden rekrutierten Andersens Kunstmärchen tatsächlich bereits mehrschichtig angelegt, soziale und psychologische Komponenten wohnen ihnen inne. Sein Adressat jedoch war das Kind und das kindliche Verständnis – nicht die Psychopathologie. Günter Grass wird nun für seine Illustrationen einer Auswahl von Andersen-Märchen der Hans-Christian-Andersen-Preis 2005 verliehen. Tatsächlich sind die Schwarzweiß-Zeichnungen, die Grass unter dem Titel „Der Schatten“ veröffentlichte, äußerst suggestiv, geradezu hinreißend – Kinder allerdings dürfte hier das bisweilen allzu Morbide gruseln. Unter der Vielzahl ansprechend bebilderter Andersen-Märchen mag „Die Schneekönigin“ von Anastassija Archimpowa, seit 1990 in mehreren Auflagen bei Esslinger erschienen, eines der schönsten Bücher sein. Das Urteil von Teilen der Kulturkritik seinerzeit, Andersens Kunstmärchen seien „schädlich und verderblich“, findet übrigens heute noch seinen – relativierten – Nachhall in anthroposophischen Kreisen. „Den tragischen Ausgang einer Entwicklungskrise kann das Kind erst verstehen, wenn sein Seelenleben eine entsprechende Reife erlangt hat. Viele Andersen-Märchen sind daher für Kinder nicht geeignet“, urteilt dazu ein für Anthroposophen maßgeblicher Gesundheits- und Erziehungsratgeber. Bild: Hans Christian Andersen (1805-1875): „Häßliches Gesicht“

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