Falsche Toleranz

Über 300 Demonstranten haben vergangenen Donnerstag in Wiesbaden gegen sogenannte „Ehrenmorde“ protestiert. Während der Abschlußkundgebung auf dem Mauritiusplatz gedachten sie der 20jährigen Türkin Gülcan Karabey, die Mitte Juni in einer Kleingartenanlage in Wiesbaden-Dotzheim von ihrem vier Jahre älteren Bruder erschossen worden war, weil sie einen deutschen Freund hatte und diesen heiraten wollte. Die Tat ist mitnichten ein Einzelfall. Von 1996 bis 2004 sind nach Angaben der hessischen Sozialministerin Silke Lautenschläger 45 solcher Morde registriert worden. „Für Verbrechen, die angeblich im Namen der Ehre begangen werden, darf es keine Toleranz geben“, erklärte die CDU-Politikerin, Aufgerufen zu der Veranstaltung hatte ein Aktionsbündnis Wiesbadener Mädchen- und Fraueneinrichtungen. In ihren Reden forderten die Sprecherinnen nicht nur: „Keine Toleranz für Ehrenmorde“, sondern machten auch deutlich, daß Mißhandlungen oder gar Tötungen „unter dem Deckmantel kultureller, religiöser oder sonstiger Eigenarten“ keinerlei Duldung erfahren dürften. Den Männern und Jungen, die sich solcher Untaten schuldig gemacht hätten, müsse endlich klargemacht werden, „daß sie Verbrecher sind“ und die vollen Konsequenzen ihres Handelns zu tragen hätten. An die Gerichte gewandt, die solche Gewaltverbrechen mit Hinblick auf ihre kulturell-religiösen Motive leider immer noch oft viel zu nachsichtig bewerten, forderte eine Sprecherin, daß das Motiv „im Namen der Ehre“ gerade nicht strafmildernd, sondern vielmehr strafverschärfend zu werten sei, da eine solche Tat „immer geplant und heimtückisch“ sei. Auch die in der Türkei geborenen Schriftstellerinnen Serap Cileli und Fatma Blaser, die selbst von islamischen Fundamentalisten bedroht werden, wandten sich vehement gegen die Gewalt und Unterdrückung, denen Mädchen und Frauen in muslimischen Familien ausgesetzt sind. Entschieden verwahrten sie sich gegen die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck (Grüne), die gefordert hatte, „Ehrenmorde“ und Zwangsheiraten nicht zu thematisieren, da dies angeblich Vorurteile gegen Ausländer schüre und die Integration behindere. Ganz im Gegenteil habe die deutsche Gesellschaft solche Praktiken schon viel zu lange geduldet und nichts dagegen unternommen, daß „Ehrenmörder“ in ihren Familien und ihrer Heimat „als Helden gefeiert“ würden. Mit dieser falsch verstandenen Toleranz müsse nun endlich Schluß sein.

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