Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Ein Rauhbein von seiner netten Seite

Exzessiver Alkoholkonsum, Pferdewetten, Weibergeschichten und schmutzige Gedichte – kein Gespräch und kein Text über den 1994 gestorbenen Schriftsteller Charles Bukowski kommt ohne stereotype Versatzstücke aus. Der Ruf als dirty old man der US-amerikanischen Literatur klebte zu Lebzeiten wie Pech und Schwefel an dem Zwei-Zentner-Koloß mit Schmerbauch und Säufervisage. Daß dieses Image sich irgendwann verselbständigt hatte und nur noch von Werbetextern und Feuilletonisten bedient wurde, in Wahrheit aber längst zum Klischee erstarrt war, nahm Bukowskis Fangemeinde in Europa, und hier insbesondere in Deutschland, kaum wahr. Für sie blieb er der Gossenpoet, ein kultig-kauziger Außenseiter und misanthropischer Einzelgänger, der Katzen und Hunde lieber mochte als Menschen und sich selbst „am liebsten von allen, besoffen / in meiner Unterwäsche / aus dem Fenster schauend“, wie es in einem seiner Gedichte heißt. Ein gänzlich anderes Bild zeigen die kürzlich veröffentlichen Briefe Charles Bukowskis an seinen deutschen Onkel Heinrich Fett. Bukowski, 1920 als einziger Sohn eines in Deutschland stationierten US-Soldaten in Andernach am Rhein zur Welt gekommen und im Alter von zweieinhalb Jahren nach Amerika verschifft, unterhielt mit dem Bruder seiner deutschen Mutter Katherina, einer geborenen Fett, zwischen Mitte der sechziger und Anfang der achtziger Jahre einen sporadischen Briefwechsel, der das Rauhbein als einen aufgeschlossenen, warmherzigen, mitfühlenden Menschen ausweist. Rührende Einblicke in sein privates Leben Besonders aufschlußreich sind jene Passagen, in denen Bukowski Einblicke in sein privates Leben gewährt. Rührend beispielsweise, wie er immer wieder von seiner damals, 1964, gerade geborenen Tochter Marina Louise erzählt, die sein ganzer Stolz war. „Wir kümmern uns sehr um sie, denn wenn sie glücklich ist, dann sind wir es auch. Sie ist wirklich fröhlich, freundlich und bringt uns zum Lachen und Staunen, und wir lernen auch von ihr. Ein wunderbares Mädchen. Ich habe da viel Glück gehabt“, heißt es in einem Brief vom 2. Dezember 1966. Zu dieser Zeit arbeitete Bukowski bei der amerikanischen Post, veröffentlichte aber schon – seit seinem 35. Lebensjahr – Gedichte und Kurzgeschichten, vornehmlich in Underground-Zeitschriften. Leben konnte er davon allerdings noch nicht. „Was ich schreibe, ist eher literarisch als am Publikumsgeschmack orientiert, eher Kunst als nach dem Geschmack der Masse“, notierte er selbstbewußt in einem Brief an seinen Onkel vom 21. November 1966. Und weiter heißt es: „Wir haben nicht viel Geld, aber wir brauchen auch nicht viel Geld. Wir brauchen nicht die Autos und den Schmuck und die Fernsehapparate und all die Sachen, die alle haben müssen. Wir haben uns. Ich hoffe, daß ich meiner Tochter Marina zu Weihnachten ein Dreirad schenken kann. Ich glaube schon, daß sich das machen läßt.“ Sein langjähriger enger Freund und Biograph Neeli Cherkovski schrieb später, Bukowski habe Marina stets pünktlich von der Schule abgeholt, „egal wie betrunken er die Nacht zuvor gewesen oder wie schlimm sein Kater war“. Cherkovski erinnert sich auch, daß der Schriftsteller ihm gegenüber bereits 1965 von seinem Onkel Heinrich in Deutschland sprach, mit dem er korrespondiere. Bukowski habe ihm auch von dem Wunsch des Onkels berichtet, den damals noch nicht berühmten Neffen in Los Angeles zu besuchen. Zu diesem Besuch kam es freilich nie. Statt dessen trafen sich die beiden erst im Mai 1978 – in Deutschland. Im Jahr davor, am 12. März 1977, schrieb Bukowski seinem Onkel, wie sehr er sich auf den Besuch freue. „Ich bin über meine deutsche Abstammung froh, bin immer stolz darauf gewesen, und es ist schon toll, wieder dorthin zurückzukehren.“ Bukowski war zu einer einzigen, bald darauf legendär gewordenen Lesung nach Hamburg gekommen und besuchte bei dieser Gelegenheit, in Begleitung seiner Frau Linda Lee und des Fotografen Michael Montfort, seinen damals 90jährigen Onkel in Andernach. „Wir denken an Andernach und wie schön es dort ist“ Lebhaft schilderte Bukowski diese Begegnung ein Jahr später in seinem Buch „Shakespeare never did this“ (dt. „Die Ochsentour“, 1980): „Onkel Heinrich kam die Treppe runtergestürzt, voll angezogen, mit geputzten Schuhen, Hosenträgern, allem … Er kam mit ziemlichem Tempo die Treppe runter; er wäre für 60 durchgegangen, sogar für 58, er war 90. Er stürzte ins Zimmer – Henry! Henry! Mein Gott! Ich kann’s einfach nicht fassen! Henry, Du bist’s! Nach all den Jahren ? Henry, Du bist’s!“ Neeli Cherkovski schreibt in seiner 1991 erschienenen Biographie „Hank – The Life of Charles Bukowski“ (dt. 1993), daß Linda Lee in diesem Moment Tränen in Bukowskis Augen gesehen habe. Und er zitiert Bukowski selbst mit der Bemerkung: „Der Hauptgrund der Reise war mein Onkel. Alles andere war okay … Aber die Sehenswürdigkeiten haben mir nichts bedeutet. Auf die hätte ich verzichten können.“ Vor allem von der Vitalität seines Onkels zeigte Bukowski sich schwer beeindruckt. „Ich werde am 16. August 58“, schreibt er ihm nach seiner Rückkehr in die USA in einem Brief vom 2. August 1978. „Aber ich werde mit Sicherheit nicht so alt werden wie du, und das bei deiner glatten Haut, bei deinen klaren Augen, bei deiner aufrechten Haltung und bei der Lebenskraft.“ Bukowski selbst hoffte, achtzig zu werden; es sollte ihm nicht vergönnt sein. Auch seine Geburtsstadt scheint einen bleibenden Eindruck bei Bukowski hinterlassen zu haben. Noch zwei Jahre nach seinem Deutschland-Besuch schreibt er in einem Brief an seinen Onkel: „Wir denken oft an Andernach und wie schön und sauber es dort ist. Wenn du einige kleinere und größere Städte hier in Amerika sehen würdest, würdest du mir recht geben.“ Der letzte abgedruckte Brief Bukowskis datiert vom 17. Mai 1982. Besorgt reagiert er auf ein Telegramm, aus dem offensichtlich hervorgeht, daß es Onkel Heinrich schlecht geht. Genaueres ist nicht zu erfahren. „Brief folgt“, heißt es lediglich, und Bukowski letzter Satz lautet: „Wir hoffen sehr, daß alles jetzt nicht so schlimm ist, was auch immer es ist. Alles Liebe, Henry“. Wann Heinrich Fett starb, erfährt der Leser nicht. Überhaupt nachteilig an dem von der Charles-Bukowski- Gesellschaft (siehe nebenstehenden Kasten) herausgegebenen Briefband ist, daß er ohne jede kommentierende Einordnung, ohne Vor- oder Nachwort, ohne Zeittafel auszukommen meint. Zumal bei selbsternannten Sachwaltern der Erinnerung an einen Schriftsteller, der häufig und zu Recht in einem Atemzug mit Ernest Hemingway und Henry Miller genannt wird, überrascht solche Gedankenlosigkeit. Ein wenig mehr editorische Mühe hätte dem Buch sicher gutgetan und vielleicht auch eine größere Breitenwirkung verschafft. Foto: Charles Bukowski (r.) neben seinem deutschen Onkel Heinrich Fett (1978): „Ich habe meinen Leuten gesagt, daß ich nicht will, daß wir dich aufregen … da wird nicht getrunken, es wird nicht laut werden.“ Charles Bukowski: Los Angeles – Andernach. Briefe an Onkel Heinrich. Hrsg. von der Charles Bukowski Gesellschaft. Ariel-Verlag, Riedstadt o.J., geb., 86 Seiten, 18 Euro „Angemessener Platz“ Die im Februar 1996 von dem Berliner Journalisten, Schriftsteller und Bühnenkünstler Falko Hennig (Jahrgang 1969) ins Leben gerufene Charles-Bukowski-Gesellschaft e.V. (CBG) widmet sich der Erforschung von Leben, Werk und Wirkung des Schriftstellers. Darüber hinaus will sie zur Popularisierung der literarischen Arbeiten von Charles Bukowski beitragen sowie ihm und seinem Werk einen „angemessenen Platz“ in der Literaturgeschichte verschaffen. Außerdem unterhält sie ein Archiv, das Mitgliedern und Bukowski-Forschern zugänglich ist. Veröffentlicht werden die Ergebnisse der interdisziplinären wissenschaftlichen Forschungen in den zweimal jährlich erscheinenden Mitteilungen und im Jahrbuch der Gesellschaft. Der Jahresbeitrag für Mitglieder beträgt 25 Euro, die einmalige Aufnahmegebühr 5 Euro. (tha) Charles-Bukowski-Gesellschaft: , c/o Diana Liebig, Bärensteinerstr. 11, 01277 Dresden, E-Post: diana@bukowski-gesellschaft.de

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