Die Ahnen nicht als Täter sehen

Es ist seit Jahrzehnten eine weitverbreitete Ansicht, in der Bundesrepublik habe es lange keine angemessene Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur und mit den zwischen 1933 und 1945 im Namen Deutschlands an Deutschen und an Angehörigen zahlreicher europäischer Völker begangenen Verbrechen gegeben. Die gebotenen personellen und strafrechtlichen Maßnahmen seien nicht getroffen worden, an der politisch-pädagogischen Aufklärung habe es gehapert und an der nötigen Trauerarbeit gefehlt – Alexander und Margarete Mitscherlich sprachen in diesem Sinne 1967 von der „Unfähigkeit zu trauern“. Genau zwanzig Jahre später nannte Ralph Giordano die angebliche Verleugnung und Verdrängung der Verbrechen unter Hitler und die fast restlose Eingliederung der nationalsozialistischen Täter in die bundesrepublikanische Gesellschaft „Die zweite Schuld“. Dieser Buchtitel wurde rasch häufig und zustimmend zitiert, Giordano fand aber auch vielfachen und wohlbegründeten Widerspruch. An erster Stelle ist hier die Dissertation von Manfred Kittel über die „Vergangenheitsbewältigung“ in der Ära Adenauer zu nennen, die 1993 unter dem Titel „Die Legende von der ‚Zweiten Schuld'“ als Buch publiziert wurde. Seitdem beschäftigte sich Kittel, inzwischen Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München, weiter mit dem Themenkreis. In seiner jüngsten Veröffentlichung dazu bietet er einen deutsch-japanischen Vergleich für die Jahre 1945 bis 1968. Was die deutschen Aspekte angeht, so kann er nur in einigen Details und im Ausblick mehr sagen als in seiner profunden Studie vor elf Jahren: Die These von der Verdrängung ist unhaltbar. Unmittelbar nach dem Kriege begannen die Besatzungsmächte mit der Ahndung der von Deutschen begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Kriegsverbrechen – die deutsche Justiz setzte das später fort – und setzten die Entnazifizierung in Gang. In der öffentlichen deutschen Diskussion wurde sogleich eine entschiedene Distanzierung vom Nationalsozialismus ausgesprochen und ein Bekenntnis zur deutschen Schuld abgelegt, mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Dritten Reiches begonnen, das Thema in Lehrpläne und Schulbücher übernommen und in der Folge eine breite Erinnerungskultur aufgebaut. Frühzeitig, ab 1952, begannen auch Entschädigungszahlungen an die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahnes, sie erreichten im Laufe der Jahrzehnte einen Betrag von mehr als einhundert Milliarden Mark. All das geschah aus eigenem Antrieb. Die alliierten Maßnahmen in der Besatzungszeit und die Rücksichtnahme auf das Ausland seit Gründung der Bundesrepublik spielten nur eine sekundäre Rolle. Mit vollem Recht konnte Alfred Grosser 1990 sagen, wohl nirgendwo sonst auf der Welt habe „eine Gemeinschaft in vergleichbarem Ausmaß akzeptiert und gewünscht, daß die dunkle Vergangenheit in der Gegenwart eine so zentrale Stellung einnimmt.“ Für Japan, dem er mehr Platz einräumt als Deutschland, stützt Kittel sich auf die in englischer und deutscher Sprache vorliegenden Quellen und Darstellungen zum Thema und wertet sie sehr sorgfältig aus. Mit der Vergangenheitsbewältigung sah und sieht es dort sehr viel anders aus als hier, wiewohl auch Japaner ein gerütteltes Maß an Schuld auf sich luden. Im Japanisch-Chinesischen Krieg ab Juli 1937 und während des Zweiten Weltkriegs, an dem Japan seit dem 7. Dezember 1941 teilnahm, ging das Militär außerordentlich brutal vor und betrieb zugleich in den eroberten Ländern eine harte Besatzungspolitik. Die Härte galt als Ausdruck besonderer Loyalität gegenüber dem Kaiser. Annähernd vier Millionen chinesische Zivilisten und Kriegsgefangene starben, fast drei Millionen Zivilisten wurden verschleppt, Hundertausende aus südastasiatischen Staaten, bis zu 200.000 „Trostfrauen“ wurden zur Prostitution in Militärbordellen gezwungen. Unter den Kriegsgefangenen aus westlichen Armeen war die Todesquote mit 27 Prozent sehr hoch. Das Unrechtsbewußtsein wegen dieser Taten war nur sehr gering ausgeprägt. Es bestand keine Bereitschaft, die Rolle des Landes während des achtjährigen Krieges wahrheitsgemäß zu erfassen und in den Schulen und den Medien angemessen darzustellen. Die von den USA, der einzigen Besatzungsmacht, geforderte Säuberung hatte keinen sehr großen Umfang, zudem kehrten die meisten „Gesäuberten“ bald in ihren früheren Wirkungskreis zurück. Einer von ihnen, Ichiro Hatoyama, brachte es bereits 1954 zum Ministerpräsidenten. Den sieben nach dem Hauptkriegsverbrecher-Prozeß in Tokio (1946 bis 1948) Hingerichteten wurde bereits 1960 auf private Initiative ein Denkmal errichtet, aber beim Yasukuni-Schrein, in dem die für den Tenno gefallenen Soldaten verehrt werden, waren auch sie und die anderen etwa 950 nach Militärgerichtsurteilen Exekutierten mitgemeint; ihm stattete das Kabinett am 15. August 1985, vierzig Jahre nach Beendigung der Kampfhandlungen, einen offiziellen Besuch ab. Sehr lange taten sich Repräsentanten Japans schwer damit, gegenüber den während des Krieges besetzten Ländern Worte des Bedauerns zu finden. Entschädigungen wurden zwar ab 1955 gezahlt, aber nur in geringem Umfang. Auf der anderen Seite gab es wegen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ein ausgeprägtes Opferbewußtsein, und das wieder hatte zur Folge, daß sich in der Einstellung zum Krieg ein radikaler Wandel vollzog. Ende der sechziger Jahre hielten etwa fünfzig Prozent der Japaner selbst die Führung eines Verteidigungskriegs für nicht statthaft. Der im Vergleich mit Deutschland ganz andere Umgang mit der Vergangenheit wäre mit den unterschiedlichen Rahmenbedingungen – Japan hatte stets eine eigene Regierung, die Besatzungspolitik war von Anfang an großzügig, das Land gewann nach dem Sieg der Kommunisten in China für die USA hohe Bedeutung, und der Außendruck war gering – nur unzureichend erklärt. Entscheidend waren die tiefen kulturellen Unterschiede, namentlich die religiöse Sinngebung der Vergangenheit, derzufolge die Gefallenen mit ihrem Opfertod für das Wohlergehen der Hinterbliebenen sorgten und die erfolgreiche Entwicklung der Nachkriegszeit möglich machten. Bei einer solchen Denkweise ist es schwer, die Ahnen als Täter zu sehen. Immerhin schwächt sich diese Haltung allmählich ab. Parallel dazu vollzieht sich sehr langsam ein Wandel in der Einstellung zur Vergangenheit. Kittels Buch bietet auf knappem Raum eine Fülle von Informationen und Anregungen. Die Lektüre lohnt sehr. Manfred Kittel: Nach Nürnberg und Tokio. „Vergangenheitsbewältigung“ in Japan und Westdeutschland 1945-1968 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd.89), R.Oldenbourg-Verlag, München 2004, VI-201 Seiten, broschiert, 24,80 Euro Prof. Dr. Hans Fenske lehrt Neuere und neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg/Breisgau. Foto: Japanische Veteranen am Yasukuni-Schrein in Tokio 2003: „Säuberung“ hatte keinen großen Umfang

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles