Beschädigte Seelen

Als der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll vor zwanzig Jahren, am 16. Juli 1985, im Alter von nur 68 Jahren in Langenbroich verstarb, trug Günter Wallraff einen eigenwilligen lyrischen Nachruf vor: „Heinrich Böll ist tot. / Es wird dunkler und kälter / mitten im Sommer… / Widerstand leisten! / Nicht erst, wenn’s zu spät ist, / in Diktaturen. / Leben und Werk nicht zu trennen / so wie Du es vorgelebt, / so bist Du nicht tot.“ Man kann über den Schriftsteller Heinrich Böll denken, was man will, man mag gar mit Eckhard Henscheid der Meinung sein – die ihm schließlich gerichtlich verboten wurde -, „was für ein steindummer, kenntnisloser und talentfreier Autor schon der junge Böll war, vom alten fast zu schweigen“, aber Wallraffs Stammeleien eines offensichtlich schwer Betrunkenen hat er nun wahrhaftig nicht verdient. Am 21. Dezember 1917 als achtes Kind des Sakralschreiners Viktor Böll und seiner Frau Maria in Köln geboren, arbeitete Böll nach dem Abitur als Buchhandlungslehrling. Nach Kriegsende – von 1939 bis 1945 war er Soldat – studierte er Germanistik. Seine ersten Kurzgeschichten, vor allem aber die längere Erzählung „Der Zug war pünktlich“ (1949) und sein erster Roman „Wo warst Du, Adam?“ (1951) schildern das Ausgeliefertsein des Menschen im modernen Krieg, die Not der ersten Nachkriegsjahre und das im Kontrast zum früheren, sinnlosen Zusammenbruch aller Erwartungen beengte Leben. Auch in dem in der Nachkriegszeit spielenden Roman „Und sagte kein einziges Wort“ (1953) bewahrt Böll seine Solidarität für den armen, mittellosen Menschen, der sich im aufkommenden Wirtschaftwunder nicht zurechtfindet. Wie er die Mühe eines Ehepaares darstellt, trotz Wohnungs- und Geldnot beisammen zu bleiben im Gehorsam gegenüber den katholischen Postulaten ehelicher Verbundenheit, trug ihm den Ruf eines „katholischen Schriftstellers“ ein. In „Haus ohne Hüter“ (1954), einem seiner besten Romane, beschreibt Böll die Schwierigkeiten der Kriegswitwen und die innere Heimatlosigkeit der Waisen. Auch die Erzählung „Das Brot der frühen Jahre“ (1955) offenbart die Schäden, die eine Seele in drangvoller Zeit erlitt, sie bringt jedoch auch Heilung durch eine spontane Liebesbegegnung. In den sechziger und siebziger Jahren richtete sich seine Kritik gegen die wiedererstandenen Innigkeiten einer restaurativen Gesellschaft, die Böll voller Zorn als „inhuman“ ablehnte. Exemplarisch dafür stehen die Novelle „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974) und die „Berichte zur Gesinnungslage der Nation“ (1975) sowie später die Dokumentation „Bild – Bonn – Boenisch“ (1984).

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