Am damastenen Hungertuch

Mit dem Wort arm gingen Aristokraten und Snobs, in Deutschland mittlerweile fast das gleiche, schon immer verschwenderisch um. Jeder, dem etwas Unerwartetes widerfährt, kann arm genannt werden. Des Grafen Alexander von Schönburg-Glauchau Einübung in „Die Kunst des stilvollen Verarmens“ – so der Titel seines Bestsellers – richtet sich deshalb nicht an die vielen, die sich unter den Bedingungen der „neuen Armut“ zurechtfinden müssen, sondern an die „nouveaux pauvres“, die im Gegensatz zu den „nouveaux riches“ ungeahnte Lust daran gewinnen, gleichsam am damastenen Hungertuch zu nagen, also dem Luxus zu entsagen und sich der Vorzüge des einfachen Lebens in paritätischen Kreisen zu vergewissern. Der Graf entdeckte die Anmut des Verzichtens und die Wonnen des Unscheinbaren, als die FAZ in die Krise geriet, ihn entließ und dem Freigesetzten damit die kostbare Chance verschaffte, den Charme der Arbeitslosigkeit kennenzulernen. Heil sei dem Tage dieses Unheils, ruft er allen Medienfiguren zu, die sich vor einer solchen Stunde fürchten. Denn jetzt hebt sich erst das Leben an, das wahre, das sinnvolle, jenseits der Hohlheit des Kulturkonsums! Es gibt ein Maß in allen Dingen, wie der Lateiner mit Horaz sagte, und dieses Maß haben wir verloren, die temperantia. Kein Wunder, wenn keiner mehr Latein lernt! „Vor nicht so langer Zeit mußte man noch mindestens Latein können, um zur geistigen Oberschicht zu gehören.“ Immerhin, unser Graf kann noch Latein und bestätigt damit, zur geistigen Oberschicht zu gehören. Die muß nicht reich sein, wenn sie nur reich an Bildungs- und Seelenschätzen ist, dem wahren Reichtum, weil nichts so arm macht wie der seelenlose Reichtum. Das lehrten schon die Lateiner, das wußte der Apostel Paulus, ganz gewiß kein bedauernswerter „Nur-Grieche“ in klassischer Zeit, weil er sich sonst den Zugang zur geistigen Oberschicht unnötig versperrt hätte. Alexander Schönburg, dieses vielversprechende „junge Talent“ – so etwas bleibt man in Deutschland mindestens bis zum 50. Geburtstag -, dieser indessen unmerklich Jahr an Jahre aneinanderreihende junge Herr aus gutem Hause reifte durch das Purgatorium vorübergehender Arbeitslosigkeit. Uns allen, Nochlateinern, die wir möglichst mit den Medien zu tun haben, mit der geistigen Oberschicht und vielleicht auch noch aus der Oberschicht überhaupt kommen, die leider, leider seit Olims Zeiten verarmt, was die unteren Ränge das Maß vergessen ließ, uns allen also versichert er: Fürchtet Euch nicht. Man braucht keine Zeitungen und Zeitschriften, eine Stunde Deutschlandfunk genügt, und man weiß mehr, als man überhaupt wissen will. Man muß nicht in Bayreuth sein oder in Salzburg, vor allem muß man nicht Essen gehen. Überall gibt es nur Rauke, indessen Rucola genannt. Champagner ist ohnehin minderwertig, die Rotweine werden immer gröber, so vulgär wie Cartier-Uhren oder so aufdringlich wie Kouros, dessen Duft an einem Kellner ihm verständlicherweise den Appetit beim Abendessen in einer Botschaft verschlug. Zuweilen muß man sich wirklich um ihn sorgen: Er kennt Leute, die Drucke von Miró und Keramiken von Picasso besitzen. Dergleichen hat doch jeder längst der Sprechstundenhilfe seines Zahnarztes geschenkt. „Unsere Prosecco-Jahre“ sind vorbei, jetzt wird Wasser und Bier getrunken, die einzig reinen Getränke. Leider verrät uns Graf Schönburg nicht, obschon er sonst nicht sparsam mit deutlichen Hinweisen ist, welches Wasser und welches Bier unbedingt nicht vernachlässigt werden sollte. Kann man sich immer noch aufs Berliner Bürgerbräu verlassen, seit Harrod’s es im Angebot hat? Warum gibt es gerade bei Einladungen entlassener Journalisten, nicht nur von der Tante FAZ mißhandelter, nie Eau de Spa, sondern die sattsam bekannte Marken von Aldi oder Lidl, ein schrecklicher Hinweis auf stilloses Verarmen? Diesen Armen müßte doch wirklich geholfen werden! Kopien von Luxusgütern sind leicht herzustellen, leicht zu kaufen, aber täuschend ähnliche Kopien vom reinsten Wasser und edelsten Bier gibt es immer noch nicht. Oder vielleicht doch? Über solche Ungewißheiten hilft auf jeden Fall ein „gutes Buch“ hinweg. Wer Zeit hat, soll lesen, viel lesen, und wer keine hat, soll sich endlich auf die Muße besinnen. Das heißt, sich bewegen, laufen, Treppensteigen und anschließend lesen. Großherzig teilt uns Alexander von Schönburg mit, was er bei berühmten Autoren gefunden hat. Andere lohnen sich offensichtlich nicht, selbst wenn sie wegen ihrer Lateinkenntnisse zur geistigen Oberschicht gehören. Anderenteils ist es ja nicht tadelnswert, sich an berühmte Männer zu halten, um sich an deren Vorbildlichkeit aufzurichten, wenn man an einem trockenen Text sitzt, „der überarbeitet werden will“. Fällt einem gar nichts mehr ein, dann fallen einem doch die Studien und Untersuchungen ein, die berühmte Männer etwa über unsere Eßgewohnheiten verfaßt haben. Denn nicht Hunger, vielmehr Armut ist der beste Koch. Wir lernen unter ihrer Anleitung bewußt zu leben und sorgsam auf die Gaben der Natur als Obst und Gemüsegarten zu achten. Der zum Lebensgenuß aufmunternde Graf wird, wenn es ums Essen geht, streng wie jede deutsche Kleinbürgerin, die ebenfalls zuviel über Vitamine und ähnlichen Unsinn liest. Auch er hält es mit der deutschen Aufforderung: Greifen Sie zu, denn es ist sehr gesund. Dabei will man doch eigentlich nur essen, weil es schmeckt, unbehelligt von Kommentaren aus der geistigen Oberschicht. Der Graf, weder sozial noch geschmacklich „auf der Brennsupp’n dahergschwommen“, raunt zuweilen wie einer, der im Schweiße seines Angesichtes mit sozialem Aufstieg beschäftigt ist, weil er den Abstieg so fürchtet wie schlechten Rotwein oder ungeheuerliche Tischdekorationen. Er redet ununterbrochen von Stil und allen möglichen Stilarten, aber bleibt fixiert aufs Geld, aufs Reichsein, aufs Dabeisein, um eine erfolgreiche Gegenwelt zur Welt der Reichen und Erfolgreichen zu entwerfen, die sich vorzugsweise darin unterscheidet, daß in ihr nicht Rauke, sondern Bärlauch in allen Variationen auf den Tisch kommt. Der Ruhm des kleinen Mannes ist der Erfolg. Das Buch des Grafen Alexander ist sehr erfolgreich. Es ist so erfolgreich, weil es mit den Worten einer verarmten Baronin, die sich als Schneiderin nach dem Krieg bei den „Gattinnen“ von Professoren und Industrieangestellten um deren Eleganz bemühte, „kolossal bürgerlich“ ist. Darunter rechnete sie alles Übertriebene, Gezierte, Eitle und den Effekt Berechnende, alles was die Spanier „cursi“ und wir verschmockt nennen. Unser Arbeitsloser ist längst nicht mehr arbeitslos. Er gibt eine Zeitschrift heraus für die armen Reichen, Park Avenue (JF 25/05), die gar nicht die Kunst des stilvollen Verarmens erlernen möchten, was aber ihn hoffentlich erfolgreich und reich macht. Drum ein fesches Glück auf! bei dieser kolossal bürgerlichen Anstrengung. Denn wie der Volksmund sagt, ohne die geistige Oberschicht lange zu fragen: Sich regen bringt Segen. Dr. habil. Eberhard Straub , Historiker, arbeitete unter anderem als Kulturredakteur der FAZ. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „Vom Nichtstun. Leben in einer Welt ohne Arbeit“ (wjs Verlag, Berlin 2004). Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens. Wie man ohne Geld reich wird. Rowohlt, Berlin 2005, gebunden, 239 Seiten, 17,90 Euro Foto: Grand Café in Koblenz: Die Prosecco-Jahre sind vorbei, jetzt wird Wasser und Bier getrunken. Fragt sich nur, welche Sorten?

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles