Zehn Tage bis zur Eiszeit

Wer mit der nuklearen Katastrophe aufgewachsen ist, die nie eintrat, läßt sich vom Weltuntergang nicht mehr so leicht ins Bockshorn jagen. Für Jüngere wiederum, die mit „Independence Day“, „Armageddon“ und ähnlichen Phantasien aus der computergraphischen Trickkiste groß geworden sind, gehört er längst zum Unterhaltungsprogramm. Im Februar veröffentlichte die britische Sonntagszeitung The Observer die Inhalte eines im Auftrag des Pentagon erstellten Geheimberichts. Mit Naturkatastrophen und Verteilungskriegen um knappe Ressourcen wie Öl, Wasser und Boden werde sich der Klimawandel innerhalb der nächsten zwanzig Jahre als größere Bedrohung als der Terrorismus erweisen, hieß es dort. Die mediale Aufregung legte sich schnell, nachdem bekannt wurde, daß die Horrorszenarien schon im vergangenen Herbst in einem amerikanischen Blatt „gelaufen“ waren: Schneeschmelze von gestern sozusagen. Was den professionellen Miesmachern nie gelungen ist – uns den Spaß am Konsum zu verderben -, hat sich nun ein Meister der bombastischen Illusionen vorgenommen: Roland Emmerich, der Regisseur von „Godzilla“ und „Independence Day“ (siehe Porträt Seite 3), will kein „rechtslastiger Oberpatriot“ mehr sein, wie er in Interviews sagte. Wenn überhaupt politisch, sei er „links von liberal“ und im übrigen bekennender Grünen-Wähler. Deshalb bedrohen in seinem neuen „holzhammergroben Brüller“- wie der FAZ schon drei Wochen vor Kinostart schwante – keine Außerirdischen oder sonstigen Monster die Erde, sondern der Mensch selbst, genauer gesagt die USA mit ihrer aberwitzigen Umweltverschmutzungspolitik. „Nur Hollywood kann uns vor der Klimakatastrophe schützen“, titelte die Süddeutsche Zeitung allen Ernstes: Emmerich habe „der Menschheit wahrscheinlich einen großen Dienst erwiesen“. Die Süddeutsche und auch die Verleihfirma in Ehren, die mit Taschenkontrollen bei der Pressevorführung und Metalldetektoren am Kinoeingang wieder einmal so tat, als gelte es ein kostbares Einzelstück vor Piraten zu beschützen: „The Day After Tomorrow“ kommt vom Fließband der Traumfabrik. Das tut seiner filmischen Qualität keinerlei Abbruch, seinem politischen Anspruch schon eher. Inmitten des Presserummels drängt sich der Verdacht auf, „The Day after Tomorrow“ sei in Wirklichkeit für ein Ein-Mann-Publikum im Weißen Haus gedreht, dem man die Welt erfahrungsgemäß am besten in großen bunten Bildern erklärt. Die beiden Schlüsselsätze fallen in der allerersten Szene, auf einem wegbrechenden Eisschelf in der Arktis: „Ich habe gar nichts getan“, beteuert der junge Arbeiter, der den Eisbohrer bedient hat, seine Unschuld – „Es ist zu spät“, wissen seine erfahrenen Kollegen. Dann geht das Spektakel richtig los, und der ernste Anlaß, zu dem man sich heuer im Kino versammelt hat, ist ruckzuck vergessen. Die Polkappen schmelzen, durch die Zufuhr an kaltem Süßwasser reißt der Golfstrom ab und bringt das Wetter aus dem Gleichgewicht, auf der UN-Klimakonferenz in Neu-Delhi schneit es, in Tokio und Los Angeles wüten Tornados mit Hagelbrocken. Schnell steht fest: Bis zum Anbruch der nächsten Eiszeit bleiben höchstens zehn Tage, sämtliche Klimaforscher haben sich in ihren Berechnungen geirrt – womit der Regisseur jede Kritik an seinen unrealistischen Szenarien gleichsam vorwegnahm. Emmerichs löbliches Anliegen wird alsbald unter gigantischen Wasserwällen und Schneedünen begraben. Wenn so der übermorgige Tag aussieht, ist es tatsächlich zu spät, dann bleibt als Konsequenz nur noch, so schnell wie möglich gen Süden auszuwandern. Da hilft es gar nichts, daß der Klimatologe, Regierungsberater und Held des Filmes Jack Hall (Randy Quaid) statt in der üblichen Statussymbol-Karosse in einem emissionsarmen Kleinstwagen vorfährt, um seinen Sohn zum Flughafen zu bringen. Ansonsten gibt es schaurig-schöne Bilder, viel menschlichen Heldenmut und ein paar ganz nette Pointen: Drei Wissenschaftler trinken ihren letzten Scotch auf Manchester United, ein Atheist rettet eine Gutenberg-Bibel vor dem überlebensnotwendigen Feuer, um von der westlichen Zivilisation wenigstens ihre Sternstunde zu bewahren – daß man als erstes die Steuergesetzbücher und dann Nietzsche verbrennt, bedarf kaum einer Diskussion -, US-Amerikaner überqueren zu Hunderttausenden illegal den Rio Grande, nachdem der mexikanische Präsident die Grenze geschlossen hat. Bis auf ihr kaputtes Ökosystem ist bei Emmerich die Welt noch in Ordnung: der Vater, der sich über Eis und Schnee von Washington nach New York durchkämpft, die Mutter, die ihren krebskranken Patienten nicht im Stich läßt, der Sohn, der seiner Angebeteten gleich mehrmals das Leben rettet. Daß letzterer von dem dunklen Grübler Jake Gyllenhaal gespielt wird, der jedem Unglück gewachsen ist, seit ihm in „Donnie Darko“ ein Flugzeug aufs Dach fiel, macht diesen Film zum idealen Freizeitvergnügen zu zweit: jede Menge Action für ihn, ein bißchen Schmachten für sie. Gegenteiligen Versprechen des Regisseurs zum Trotz gibt es dann doch noch ein Happy-End, das man bei allem Zynismus den wackeren Protagonisten von Herzen gönnt. Schließlich hat die Menschheit schon die letzte Eiszeit überlebt, und dem Planeten kann die jungfräuliche Schneeschicht über seiner nördlichen Hemisphäre erst recht nichts anhaben. Offensichtlich ist die Klimakatastrophe doch kein Weltuntergang. 150.000 Dollar (126.000 Euro) zahlte Emmerich als Ablaß für während der Dreharbeiten begangene Umweltsünden an die Londoner Firma Future Forests, die Privatleuten und Unternehmen ermöglicht, „CO2-neutral“ zu wirtschaften ( www.futureforests.com ): Mit Spenden für Wiederaufforstungsprojekte, Wind-, Wasser und Biomassekraftwerke oder die Entwicklung von Solartechnologien werden – als wäre die Erde bestechlich – Kohlendioxid-emissionsrechte erkauft. Wer das Klima schonen will, dreht eben keine Filme – erst recht keine 125-Millionen-Dollar-Produktion mit ungeheurem technischen und energetischem Aufwand, die nun in unzähligen ohne Auto kaum erreichbaren Multiplex-Kinos an den Rändern unzähliger amerikanischer Städte spielt, wo sich die Popcorn-Maschinen heißlaufen und die eisgekühlte Cola literweise fließt. Denn in den Geschichten, die Menschen erzählen, um sich über ihr Dasein hinwegzutrösten – von den großen Schöpfungsmythen bis hin zu den fiesesten Computerspielen -, steht die Apokalypse als Sinnbild für das allzu vorstellbare Unvorstellbare: Tod, kosmische Gerechtigkeit, Ende und Neuanfang in einem. Den „Jüngsten Tag“ plötzlich nicht mehr metaphorisch, sondern wörtlich zu verstehen, überfordert die Kunst ganz einfach – und das Hollywood-Kino sowieso, da nützen alle noch so grandiosen technologischen Effekte nichts. Allerdings war die Fernsehserie „The Day After“, nach der Emmerich seinen Film benannt hat, eigentlich auch nur eine Seifenoper mit Atomkrieg und löste dennoch Anfang der achtziger Jahre auf beiden Seiten des Atlantik Diskussionen über den Rüstungswettlauf aus. Warum sollte ein eisbohrergrober Brüller für die Ökologie nicht dasselbe bewirken wie Mel Gibsons Horrorfilm über die Kreuzigung für die Theologie, nämlich ein eher uncooles Thema plötzlich zum Gesprächsstoff auf jeder Party zu machen? Fotos: New York versinkt erst im Wasser, dann im Schnee: Wenn so der übermorgige Tag aussieht, bleibt nur die Auswanderung gen Süden / Sam (Jake Gyllenhaal): Action für ihn, Schmachten für sie

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