Wiederbelebte Kriegspropaganda

Wehrmachtsausstellung dritter Teil? Fortsetzung von Reemtsmas Privatkrieg gegen die Deutschen „unter Einmischung anderer Mittel“? Wenn man Clausewitz auf den Kopf stellt, kann nichts Sinnvolles dabei herauskommen. Dessen Buch „Vom Kriege“ – vor über 150 Jahren erschienen und immer noch ein internationales Standardwerk – zeigt Klarheit in der Analyse auch komplexer militärischer Konfliktlagen, die das Buch von John Horne und Alan Kramer: „Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit“, erschienen in Reemtsmas Verlag Hamburger Edition, so arg vermissen läßt. Auf über 700 Seiten bemühen die Autoren einen gigantischen Archiv- und Wissenschaftsapparat – deutsche „Kooperation“ mit einbeschlossen -, um zu „beweisen“, daß die bei den Kämpfen während des Einmarsches und der Besetzung getöteten 6.500 belgischen Zivilisten allesamt Opfer deutscher Kriegsverbrechen gewesen seien. Tatsächlich aber waren die ganz überwiegend erfundenen „deutschen Kriegsgreuel“ – von der Ermordung friedlicher Bauern auf dem Felde bis zur wilden Massakrierung von Kindern („abgehackte Hände“!) und Frauen („vergewaltigt und verstümmelt“!) – innenpolitisch bei weitem der wichtigste Mobilisierungsfaktor der britischen Regierung, um zur Sicherung und Ausdehnung imperialer Macht das eigene Volk in den Krieg zu treiben. Diese äußerst brutale Propagandastrategie, den Feind zu entwürdigen und zu entmenschlichen („German Atrocities“ – so der englische Titel des Buches, „Hunnen“, „Barbaren“), stellte den ersten großen europäischen Kulturbruch des 20. Jahrhunderts dar und hatte weder auf französischer noch auf deutscher Seite eine Entsprechung. Hinzu kam, auf einer höheren „Argumentationsebene“, die angebliche Verletzung der belgischen Neutralität durch das Deutsche Reich. Angeblich deshalb, weil Belgien nicht wirklich neutral war, sondern politisch wie militärisch eng mit Frankreich und Großbritannien kooperierte und sich in deren gegen Deutschland gerichtete Einkreisungspolitik einbeziehen ließ. Nicht von ungefähr sprach man damals in Europa von den „Krokodilstränen“, welche die britische Propaganda über den deutschen Einmarsch in Belgien vergoß. August 1914, vor 90 Jahren: „In Europa gingen die Lichter aus“, so hieß es später über die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“; und noch später sprach Winston S. Churchill von einem zweiten „Dreißigjährigen Krieg gegen Deutschland“, der 1914 begann und 1945 endete – womit nicht nur er den Zusammenhang, die Kausalität der zweiten mit der ersten Katastrophe benannte. Vorbereitet wurden die Einkreisungspolitik und der Krieg gegen Deutschland lange vor 1914. Manche halten es allerdings hierzulande schon für ein „liberales“ Zugeständnis gegenüber der nach 1918 behaupteten Alleinschuld Deutschlands am Krieg – diese Lüge war das Fundament des Versailler „Friedensvertrages“, der auch kein Vertrag war, sondern faktisch eine neuerliche Kriegserklärung an Deutschland bedeutete -, wenn heute gesagt wird, daß die großen europäischen Staaten allesamt in den Krieg „hineingeschlittert“ seien, ihn also keiner bewußt wollte. So war es nicht, auch wenn Fritz Fischers Großpamphlet „Griff nach der Weltmacht“ für die 68er Generation den Wilhelminismus als eine Art Präfaschismus zu stigmatisieren suchte. Phantasien und Realität: Gewiß gab es imperiale Großmachtträume der „Alldeutschen“, gab es nach Bismarcks europäischer Realpolitik Unsicherheiten und Illusionen über die Rolle Deutschlands im europäisch-globalen Wettbewerb der Mächte. Sehr konkrete Kriegsziele dagegen hatte Frankreich, das seit über vierzig Jahren ununterbrochen Revanche für den von ihm verursachten, dann verlorenen Krieg 1870/71 forderte. Sehr konkrete Kriegsziele hatte Großbritannien, das einen auf dem Weltmarkt immer mächtiger werdenden Konkurrenten noch rechtzeitig ausschalten wollte – sehr konkrete Kriegsziele hatte auch das zaristische Rußland, das seine immer bedrohlicher werdenden inneren Unruhen durch Ablenkung auf einen äußeren Feind einzudämmen suchte und sich gleichzeitig als Vormacht der sich immer stärker zu neuen Staaten herausbildenden slawischen Nationalitäten profilieren wollte. Und Deutschland? Nach dem Attentat von Sarajewo begab sich der „kriegslüsterne“ Kaiser auf seine Nordlandreise in den Urlaub. Konstruierte Fritz Fischer seinerzeit aus (all)-deutschen Phantasien angebliche Realität und verharmloste die Realitäten der Entente zu bloßen Phantasien, so beherrscht solches „erkenntnisleitende Interesse“ auch das Buch von Horne und Kramer: Belgische „Franctireurs“ – „Freischärler“ oder Partisanen – seien nichts weiter gewesen als eine „kollektive Wahnvorstellung“ der Deutschen, ein „Mythos“ und „Massenwahn“! Unzählige Briefe und Tagebücher von Soldaten sowie Berichte einzelner Kommandeure dokumentieren zwar jene Überfälle und Morde, aber auch die entsprechenden deutschen Vergeltungsmaßnahmen – doch dieser von Reemtsma jetzt wiederbelebte, unsägliche Propagandafeldzug zur „Rechtfertigung“ des britischen Kriegseintritts 1914 interessiert sich weitgehend nur für die Folgen, kaum aber für die vorangegangenen Ursachen. Dieses bewußte Hinwegsehen über kausale Bedingungen, die Unwilligkeit – wie auch wohl oft die Unfähigkeit – zur Differenzierung sowie generell die (vorgebliche?) Ahnungslosigkeit gegenüber historischen Fakten und Zusammenhängen scheint immer noch das Wesensmerkmal einer bestimmten zeit- geschichtlichen Literatur zu sein, zumal wenn es um Deutschland geht. Besonders problematisch werden solche ideologisch wie machtpolitisch bedingten Perspektivverengungen, wenn das Ziel die Konstruktion von Feindbildern, von negativen nationalen Mentalitäten ist. So behaupten die Autoren Horne/Kramer: „Doch erkannten Zeitgenossen im Lager der Alliierten nicht zu Unrecht in den deutschen Gewalttaten eine gewisse Systematik. Diese ergab sich aus den Militärdoktrinen und operativen Annahmen sowie aus den Mentalitäten und Anschauungen, die überhaupt erst den kollektiven Wahn eines zivilen Widerstandes hervorbrachten. Es war diese kulturelle und politische Prädisposition, die nicht nur einfache Soldaten, sondern auch die gesamte Militärhierarchie innerhalb kürzester Zeit dazu hinriß, ihre eigenen rechtlichen und selbst die geltenden moralischen Grenzen einer Gewalt gegen Zivilisten zu überschreiten.“ Diese schier unglaublichen Aussagen – ganz abgesehen da- von, daß die Tatsachen völlig verdreht werden – bewegen sich auf derselben abgründigen Linie wie die Unterstellungen eines Daniel Goldhagen über die offenbar genetisch (rassisch?) bedingte Bösartigkeit der Deutschen. Die „Einzigartigkeit deutscher Greuel von 1914“ wird von den Autoren sodann auch im Vergleich mit anderen Kriegen behauptet: Es seien zwar „in den Bürgerkriegen in Rußland (1918-1920) und Spanien (1936-1939) in erheblichem Umfang Massaker an Zivilisten verübt“ worden; gleichwohl waren „diese Morde möglicherweise nicht von derselben Intensität“ wie bei den Ereignissen der zweiten Augusthälfte 1914 in Belgien und Frankreich. In der dazugehörigen Anmerkung errechnen die Autoren für jene Bürgerkriegsopfer eine Zahl von fast einer Million! Aber diese bewußt geplanten und durchgeführten Massenmorde von fast einer Million seien eben wohl deshalb „nicht von derselben Intensität“ wie die 6.500 bei Kriegshandlungen und Partisanenbekämpfung umgekommenen Zivilpersonen, weil hier ja die „Täter“ Deutsche waren. Allein diese ungeheuerliche Absurdität, die wohl durch nichts mehr zu überbieten ist, macht dieses Buch mit dem englischen Originaltitel „German Atrocities, 1914. A History of Denial“ zu einem – von unserem politisch korrekten Rezensionskartell hochgelobten – Produkt des reaktionärsten Chauvinismus und Revisionismus unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Immerhin erwähnen die Autoren im Kontext zeitgenössischer Kriege den imperialen britischen Eroberungskrieg gegen die Buren – der damals erst ein Dutzend Jahre zurücklag – und auch die zivilen Opfer in den „concentration camps“. Hier kamen etwa 45.000 Menschen um. Dazu die „Erklärung“ der Autoren: „Die zahlreichen Todesfälle in den Lagern waren eher das Resultat der britischen Mißwirtschaft als einer gezielten Politik der Vernichtung …“ Angesichts solcher grotesken, um nicht zu sagen unmenschlichen Rabulistik ist es wegen der offensichtlichen Parallelen an der Zeit, die Brücke zum anglo-amerikanischen Bombenkrieg 1944/45 zu schlagen – zur auch heute noch fortdauernden Rechtfertigung des Massenmords an einer dreiviertel Million Zivilisten und der bewußten Strategie der Auslöschung der deutschen Städtekultur wenige Wochen und Monate vor dem Ende des Krieges. Horst Boog hat exemplarisch für diese Kulturbarbarei hier (JF 18/04) das Buch von Frederick Taylor „Dresden: Tuesday 13 February 1945“ kritisch analysiert. In der britischen Presse dagegen erhielt dieses Buch – und indirekt die Bombardierung Dresdens – Lobeshymnen: „Mission erfüllt“ (Guardian), „Warum wir recht daran taten, Dresden kaputtzubombardieren“ (Daily Express), „Dresden rechtfertigen“ (Times). Dazu die Frankfurter Allgemeine vom 16. Februar 2004 in einem Kommentar: „In den vergangenen Jahren gab es gerade in Deutschland allerhand verträumte Ideen über die heilenden Kräfte eines vereinten Europa. Man sollte sie bald wieder vergessen.“ Postnationale Utopien in allen Ehren – aber so wenig die Tschechen sich die Benes-Dekrete ausreden lassen, so wenig wird Polen ein Zentrum gegen Vertreibungen tolerieren. Ein wenig muß man also den Briten dankbar sein, daß sie den deutschen Träumern ihre Grenzen klargemacht haben. Was die wissenschaftliche Qualität dieses Buches von Horne/Kramer betrifft, so sollte Reemtsma vielleicht die Mahnung zur Kenntnis nehmen, die Ulrike Jureit, Sprecherin des Wissenschaftlerteams seiner zweiten „Wehrmachtsausstellung“, kürzlich in seiner eigenen Hauszeitschrift Mittelweg 36 (Februar/März 2004) selbstkritisch formulierte: „Widersprüchliche, uneindeutige oder gar ‚entlastende‘ Aspekte blieben ausgespart. Die Ausstellung folgte damit einer zur Beweisführung reduzierten Argumentation, die sich insbesondere in einer selektiven Quellenauswahl und Interpretation äußerte.“ John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit. Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2004, 741 Seiten, 40 Euro Britische Greuel-Propaganda über deutsche Massaker an belgischen Zivilisten („Punch“, 26. August 1914): Die Entwürdigung des Feindes als „Barbaren“ und „Hunnen“ zu innenpolitischen Zwecken

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles