Wallfahrende Vertriebene

Trotz wechselhaften und kühlen Wetters nahmen etwa 1.500 Besucher an der traditionellen Wallfahrt der Heimatvertriebenen, Flüchtlinge und Spätaussiedler auf dem Schönenberg bei Ellwangen (Ostwürttemberg) teil. Auf Einladung der Katholischen Vertriebenenorganisationen der Diözese Rottenburg-Stuttgart zelebrierte und predigte Bischof Josef Werth aus Nowosibirsk die diesjährige Wallfahrtsmesse. Ein Frauenchor aus Ungarn gestaltete die Meßfeier mit. In seiner Predigt schilderte der Jesuit, der im Baltikum studierte und vom Papst zum Hirten über das flächenmäßig größte Bistum ernannt wurde, unter welch katastrophalen und menschenverachtenden Umständen die an der Wolga siedelnden Rußlanddeutschen nach Kasachstan und Sibirien umgesiedelt wurden. Viele tausend Menschen kamen dabei ums Leben. Auch die einst blühende katholische Kirche der Wolga-Republik stand nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Sommer 1942 vor dem Nichts. Während nach Stalins Tod viele ebenfalls deportierte Balten in ihre angestammte Heimat zurückkehren durften, sei dies den Deutschen weiterhin versagt geblieben. Trotzdem haben viele der in Rußland verbliebenen Deutschstämmigen inzwischen neue Hoffnung geschöpft; auch das kirchliche Leben habe eine gute Entwicklung genommen, so der Bischof, der Mitte Juni auch beim Katholikentag in Ulm predigen wird. Der baden-württembergische Staatsminister Christoph Palmer (CDU) würdigte bei der Glaubenskundgebung den Beitrag der Heimatvertriebenen, ohne die die Erfolgsgeschichte Baden-Württembergs so nicht stattgefunden hätte. Er erinnerte an das Leid der Flüchtlinge und sprach sich vehement für ein in Berlin zu schaffendes Zentrum gegen Vertreibungen aus. Es habe nichts mit Aufrechnen zu tun, wenn man Tod und Elend der Deutschen nach 1945 zur Sprache bringe, vielmehr trage man nur so zur Wahrhaftigkeit und damit zum Frieden bei. Palmer warnte davor, die Türkei und die Maghreb-Staaten als Vollmitglieder in die EU aufzunehmen. Das geistige Fundament Europas ruhe auf Golgotha, der Akropolis und auf den kapitolinischen Hügeln Roms, unterstrich Palmer in Anlehnung an ein Zitat Theodor Heuss‘; man dürfe den Bogen der Union nicht überspannen. Wir Deutschen sollten uns mehr für die Geschichte und die Menschen Mittel- und Osteuropas interessieren, als Freizeitvergnügen in exotischen Ländern nachzujagen. Mit einer feierlichen Maiandacht in der Basilika St. Vitus ging die Wallfahrt zu Ende.

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