Vltava

Nicht nur an der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn, sondern auch an dem der Moldau. Die mythische Burg Vysehrad, erster Sitz der böhmischen Fürsten, wird von den Harfen des Sehers heraufbeschworen, bevor ihr Motiv vom Orchester aufgenommen, gestärkt und schließlich im Fortissimo präsentiert wird. Die Sage geht von Ruhm, Glanz, Turnieren, Kämpfen und von Verfall, der auf dem Gipfel aller Herrlichkeit hereinbricht und nichts als Ruinen hinterläßt. Was bleibt aber, stiften die Harfen des Sehers: eine neue Burg auf den Trümmern der alten als Zeichen nationaler Identität. Mit „Vysehrad“ beginnt ein Zyklus symphonischer Dichtungen, zu dem es – Nikolaus Harnoncourt stellt das nicht als erster fest – kein vergleichbares Werk in der europäischen Musik gibt. Im Schicksalsjahr 1874 beginnt der fünfzigjährige Bedrich Smetana mit der Niederschrift zweier lange schon vorgedachter Tondichtungen, „Vysehrad“ und „Vltava“. Es ist das Jahr, in dem er vollständig ertaubt und die Leitung des königlich böhmischen Interimstheaters aufgeben muß – auf dem Höhepunkt des Kampfes der Jungtschechen gegen die Alttschechen. Ein Jahr später folgen die wilde Mär von dem Mädchen „Sárka“, das sich für die Untreue des Geliebten am Männergeschlecht rächt, indem sie und ihre Gefährtinnen Ctirad und sein Gefolge in einen Hinterhalt locken und niedermetzeln, und „Aus Böhmens Hain und Flur“, wo böhmische und deutsche Themen wie selbstverständlich miteinander auskommen. Erst Jahre später beschließt Smetana den Zyklus mit einem Preislied auf die Hussiten, deren Sitz die Burg „Tábor“ war, und mit einem visionären Bild der bezwungenen hussitischen Kämpfer, die im Berg „Blaník“ schliefen, bis das Vaterland in höchster Not sie dereinst riefe, der Berg sich öffnete und die Hussiten in feierlichem Marsch, aus der Melodie des Hussitenchorals entwickelt, dem Vaterland zu Hilfe eilten und die tschechische Nation erkämpften. In diesen sechs Tondichtungen des Zyklus, der vollständig erst 1883 aufgeführt wurde, ein Dreivierteljahr vor Smetanas Tod, ist also doch nicht alles so naturheile und knödeltümlich, wie es oft gedankenlos daherdirigiert wird. Und das Spiel der Wiener Philharmoniker unter Nikolaus Harnoncourt (RCA Red Seal 82876 54331 2) dürfte damals wie heute kursierenden Vorurteilen hinsichtlich allzuschlicht gestrickter Ideendramen in der Liszt-Nachfolge den Boden entziehen. Vltava heißt übrigens Moldau, und „Vltava“ ist „Smetana’s most famous composition ‚The Moldau'“ – so der „Slogan“ auf dem „Sticker“, der den deutschen Hörer zum Kauf animieren soll. Harnoncourt stellt die Tondichtung nicht als Diva aus, sondern nähert sich ihr überaus zart wie einer Rehabilitandin. Rein und klar perlen die Wasser der warmen und der kalten Moldau aus Klarinetten- und Flötenquelle, die doch wie zwei Farben eines Instruments klingen, und in tausenderlei Farben irrlichtern Holzbläser über gedämpften Streichern zum Nymphenreigen. Nirgends droht die Rondoform unter mystischem Orchesterschwall unterzugehen. Um so überwältigender gelingt der Umschlag ins Symbolhafte: die Befreiung aus den St. Johannes-Stromschnellen und der triumphale, breite Fluß, Prag entgegen, vorbei an Vysehrad. Richard Strauss ist über Entwürfe zu „Die Donau“ nicht hinausgekommen, Richard Wagner läßt im „Ring“ zwar alle – deutsche – Geschichte im Vater Rhein beginnen und enden, nimmt diesen selbst jedoch als Bild für Naturzustand an sich, Mendelssohns und Bruchs Musiken zu Geibels „Loreley“ sind vergessen. Den deutschen Hörer der „Moldau“ mag die Gewißheit trösten, daß alle ihre Wasser sowieso früher oder später in die Elbe fließen.

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