Verweigerte Identität

Der bevorstehende Tag der Deutschen Einheit und das bereits jetzt absehbare Desinteresse, welches die Öffentlichkeit diesem Datum jenseits formelhafter Sonntagsreden entgegenbringt, veranlassen, über die Jubiläumskultur in unserem Lande nachzudenken. Gleich, ob geistig-kulturelle oder politisch-historische Feierlichkeiten – wenn Jubiläen ein Zeichen dafür sind, woran ein Land anknüpfen will und welches Verhältnis es zu seiner eigenen Geschichte hat, dann spiegelt sich in der Jubiläumskultur auch dessen Selbstwahrnehmung und Selbstwertschätzung wider. Diese Jubiläumskultur aber muß sich daran messen lassen, inwieweit sie ihrer Funktion nachkommt, die Heutigen in eine Traditionskette zu stellen und so den Bund zwischen Vergangenheit und Gegenwart neu zu schließen. Die geistig-kulturellen Traditionen, an denen wir uns orientieren, schlagen sich in vielerlei Jubiläen nieder. Fraglich bleibt dabei jedoch, ob diese ihre Funktion tatsächlich für die gesamte Gemeinschaft ausüben oder nicht vielmehr nur auf einen kleinen Kreis beschränkt bleiben. Damit jedoch besäßen sie nur für jene wenigen ein identitätsstiftendes Potential, welche die Bedeutung und Wirkung des Jubilars oder Anlasses glauben einschätzen zu können. Sollte dies zutreffen, so muß die Frage nach dem Wert dieser Jubiläen gestellt werden. Denn wenn geistig-kulturelle Jubiläen ihre Funktion nicht erfüllen, begehen wir mit ihnen kein Jubiläum im eigentlichen Sinne, sondern eine bloße Gedächtnisfeier. Der Unterschied ist beträchtlich, denn in ihm offenbart sich der Gegensatz zwischen konstitutiver Kraft für die Gemeinschaft und dem Interesse einer Minderheit. Vielleicht sollten wir also Identität nicht von den gestrigen Geistesgrößen, sondern vielmehr von den einschneidenden Zäsuren des Staatsbildungsprozesses fordern. Allein die politisch-historischen Jubiläen scheinen es zu sein, welche die Gemeinschaft als Ganzes betreffen und über das Interesse von Randgruppen hinausweisen. Um jedoch derartige Jubiläen feiern zu können, ist eine Auseinandersetzung des Landes mit seiner Geschichte notwendig; denn ein solches Jubiläum wird erst dann seine Funktion erfüllen, wenn ein vorhandener geschichtlicher Bezug durch das Jubiläum erneut beschworen werden kann. Leider ist in Deutschland diese Selbstbegegnung mit sich und ihrer Vergangenheit meist ein Akt der Selbstverstümmelung. Wie pathologisch dieses Verhältnis zur eigenen Vergangenheit bereits geworden ist, zeigt die Tatsache, daß wir uns mit unserer Geschichte weniger beschäftigen, sondern sie vielmehr bewältigen wollen. Dieser kleine Unterschied läßt die Geschichts-Psychose der Deutschen deutlich zutage treten: nicht ungezwungener Umgang, sondern Kampf, nicht neugieriges Kennenlernen der eigenen Herkunft, sondern verkrampftes Begreifenmüssen des Warum und Weshalb. In dieser aussichtslosen Situation flüchtet sich der verzweifelte Bundesbürger in die Selbsterniedrigung – sie hat ihn dazu gebracht, daß er den Begriff „Nation“ vermeidet, daß das Wort „Vaterland“ für ihn nicht mehr existiert, daß er nicht weiß, ob er auf Deutschland stolz sein darf. Ein Volk ohne Geschichte bleibt ein Volk ohne Gesicht In diesem Umfeld freilich muß die Frage nach einem politisch-historischen Jubiläum nicht mehr gestellt werden. Vielmehr führte diese geschichtsverweigernde Haltung zu dem Umstand, daß in diesem Land auf ein identitätsstiftendes Jubiläum verzichtet wurde, das dem durch die Wiedervereinigung neuentstandenem Gemeinschaftsgefühl hätte dienen können. Der markanteste Beleg hierfür sind die jährlichen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit, welche von den politisch Verantwortlichen mit Sonntagsreden, von der Bevölkerung hingegen überhaupt nicht begangen werden. Auf diese Art bleiben Jubiläen bloße Datenhülsen, die nicht mit Inhalt gefüllt werden. Daraus ergibt sich auch die Frage, inwieweit Jubiläen tatsächlich notwendig sind, ob ein wirkliches Bedürfnis nach ihnen besteht. In diesem Zusammenhang wird gern auf „Europa“ verwiesen, was jedoch nichts anderes heißt, als die jahrhundertealten, gewachsenen Unterschiede auch innerhalb des Kontinents zu verklären und zugleich die Notwendigkeit eines nationalen und regionalen Zugehörigkeitsgefühls zu verkennen. Inwieweit der Vorwand „Europa“ jedoch von den Deutschen selbst dankbar aufgegriffen wird, mag die Tatsache verdeutlichen, daß hauptsächlich sie es sind, welche sich Angehörigen anderer Nationen zumeist als Europäer vorstellen, nur um sich nicht als Deutsche erkennen geben zu müssen. Daß dies aufgrund des dadurch offenbar werdenden Mangels an Nationalgefühl von den europäischen Nachbarn mit Mißtrauen aufgenommen wird, stützt die These von der Unentbehrlichkeit eines Gemeinschaftsgedankens, der in anderen Ländern ungezwungen ausgelebt wird. Es wäre befremdlich, sollten die Deutschen von diesem Wunsch nach Einheit und Gemeinschaft frei sein. Auch die Bundesrepublik braucht also nationales Bewußtsein und Jubiläen, welche dieses stärken und erneuern, und so kann es den aufmerksamen Beobachter nicht verwundern, daß häufig der Sport als Ventil dazu dient, nationale Gefühle auszudrücken und eine Identität zu beschwören. Auf diesem unpolitischen Terrain kann sich der mit Komplexen beladene Deutsche seiner Immunität weitestgehend sicher sein. Als Beweis für die identitätsbildende Kraft des Sportes mag gelten, daß während großer Fußballturniere (Welt- und Europameisterschaften) ganze Straßenzüge mit bundesdeutschen Farben geschmückt sind, während selbst an den höchsten nationalen Feiertagen oft kaum die behördlichen Gebäude beflaggt werden. Von sportlichen Großereignissen unabhängig konnte ein ähnliches Gefühl des Zusammenrückens auch während des katastrophalen Elbehochwassers gespürt werden. Nun sind Sportereignisse oder Unwetterkatastrophen freilich keine Jubiläen, sie übernehmen allerdings – zumindest in der Bundesrepublik – deren Funktion. Daß der Charakter dieser spontanen Feierlichkeiten Züge eines nationalen Festtages trägt, ist dabei kein Zufall, sondern Zeichen dieser Kompensation. Das notwendige nationale Einheitsgefühl basiert in Deutschland also nicht auf der Beschäftigung mit der eigenen Geschichte und Kultur, sondern auf unpolitischen Ereignissen, in welchen sich identitätsstiftende Emotionen entfalten können. Die den Deutschen verweigerte, aber von ihnen oft auch nicht gewollte geschichtliche Identität stimmt bedenklich: Mag die nationale Gemeinschaft durch Sportereignisse oder Katastrophen in regelmäßigen Abständen neu heraufbeschworen werden, so bleibt ein Volk ohne Geschichte doch ein Volk ohne Gesicht.

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