Superwahljahr

 

Verstolpertes Verstehen

Galt Hans Henny Jahnn noch vor einem Jahrzehnt als einer der großen Ungelesenen in der deutschen Literatur (JF 1/2000), geriet mit dem Erscheinen der Hamburger Ausgabe und den Aktivitäten um seinen hundertsten Geburtstag, vor allem aber mit dem von Botho Strauß initiierten Lesewettbewerb, für den der Büchner-Preisträger sein Preisgeld stiftete, der Außenseiter mehr und mehr in den Blick der Insider, also der Literatur- und Theaterwissenschaftler, deren einige die Liste der Sekundärliteratur um notwendige und einige weniger notwendige Positionen verlängerten. Eine neue Biographie über Hans Henny Jahnn also, welche den aktuellen Forschungs- und Rezeptionsstand zusammenfaßte und die umfassende Biographie von Thomas Freeman (1986) wie die darauf beruhende Bildmonographie von Elsbeth Wolffheim (1989) ersetzte, ist längst überfällig. Allerdings scheint Jan Bürger, bis 1987 Mitarbeiter der Arbeitsstelle Hans Henny Jahnn an der Universität Hamburg und Mitarbeiter an der Hamburger Ausgabe, seine Energien weniger auf das Schreiben einer Biographie gerichtet zu haben als auf unterschwellige Auseinandersetzung mit und Abgrenzung von Freeman, der Leben und Werk undialektisch in eins setzte. Zugegeben: Die Erwartungen sind hoch, so kurz nach Erscheinen des maßstabsetzenden Buches über Franz Kafka von Reiner Stach, der Biographie – nach Nicholas Boyle eine „Synthese aus Synthesen“ – zugleich entfaltet und als literarische Gattung reflektiert hat. Und die Erwartungen werden nicht geringer, da der eine Untertitel, „Die Jahre 1894-1935“, den anderen „Die Jahre der Entscheidungen“ ständig im Gedächtnis hält und die Aufgabe des Biographen „zu erklären, wie aus einem Bewußtsein, dem alles zu denken gibt, ein Bewußtsein werden konnte, das allen zu denken gibt“, ja für Jahnn ebenso gilt wie für seinen Wahlverwandten Kafka. Doch in Bürgers Buch steht weder das eine noch das andere zu erfahren. Der Biograph hat sich für die Schilderung einer halben „Lebensreise“ von 1894 bis 1935 entschieden, bei den literarischen Hervorbringungen des Reisenden kürzer oder länger Station machend. Daß er die Jugendjahre (1908-1914) nach dem Beginn der ersten Emigration (1914/1915), die Kindheit (1894-1908) nach der Arbeit an dem Gesellschaftsprojekt Ugrino (1918-1926), den Tod des Geliebten Friedrich Harms (1932) nach einem Kapitel über Jahnns politisches Engagement (1929-1932) abhandelt, mag dabei als immermannsche Münchhauseniade durchgehen. Für das Netz von Bedingnissen und Abhängigkeiten dieses „maßlosen“ Lebens, das in Wahrheit an strengsten Maßstäben orientiert war, die freilich nicht die des Biographen sind, fand dieser keine adäquate Darstellungsweise. Sie scheinen ihm zwar hie und da in das Blickfeld, aber ebenso flink auch wieder aus demselben gehuscht zu sein. „Empathie lautet das Zauberwort des Biographen“, steht bei Stach zu lesen. Doch als ein Biograph, der nur liest, findet sich Bürger damit ab, „nicht das Leben, sondern die schriftlichen Spuren eines Menschen zu erforschen“, wohlgemerkt: eines Menschen im 20. Jahrhundert. Also mißt der Biograph jahnnsches Leben an einem stillschweigend vorausgesetzten, jedoch nicht näher begründeten „Normalfall“ bürgerlichen, nichtjahnnschen Lebens und die jahnnsche Literatur an einem ebensowenig begründeten „Normalfall“ von Literatur. Indem er seine Darstellung ausdrücklich auf den Schriftsteller Jahnn verengt, von Orgelbau, vorbachscher Musik, romanischer Architektur, Hormonforschung und harmonikalem Weltbild zwar handelt, deren vermeintliche wie unvermeidliche Gesetzmäßigkeiten aber nicht als konstitutiv für Jahnns literarische Techniken begreift, verfehlt er auch den Dichter Jahnn, der sich selbst nie als ein Nur-Dichter verstanden hatte. Vor diesem Hintergrund bleiben die Bemerkungen zu Jahnns Dramatik und Epik hinter jüngeren Einzeluntersuchungen und praktischen Erfahrungen mit den Bühnenstücken weit zurück. Da steht dann beispielsweise zu lesen, daß Jahnn die „Richtung eines Theaters“ verfolge, „das die menschliche Existenz radikal in Frage stellt“, mit seinen Theaterstücken auch auf seine Lebenssituation reagiere und der „Beginn von Theaterstücken (…) für ihn von außerordentlicher Bedeutung“ war. Über mehrere Seiten walzt der Biograph seine gewiß verdienstvolle Widerlegung der Legende aus, Jahnns Lektüre der deutschen Übersetzung von James Joyces „Ulysses“ hätte „umstürzende Folgen für seine eigene Arbeit gehabt“. Doch das hätte in einer kurzen Anmerkung Platz gehabt – und der gewonnene Platz im Fließtext darauf verwandt werden können, aufzuzeigen, auf welche gesellschaftlichen Verhältnisse denn die so unterschiedlichen Autoren Döblin, Joyce und Jahnn unabhängig voneinander wie reagierten, kurz: den realistischen Roman neu begründeten. Was Jahnns „Arbeitsmethode“ betrifft, so hält sie sein Biograph offenbar mit einer synchronoptischen Darstellung eines Textauszuges in der ersten und in der Druckfassung des Romans „Perrudja“ für hinreichend erklärt. Wenn naives, soziologisches, historisches und aktuelles Verstehen munter übereinanderstolpern, sind neue Aufschlüsse über Jahnns künstlerische Produktion nicht zu bekommen. Und über die Welt, in der und die Jahnn lebte, auch nicht. Jahnns Kritik der Mehrwertmaschine, seine weit über die zwanziger Jahre hinausweisenden Einsichten in die historische Begrenztheit demokratischer Systeme überhaupt, insbesondere aber der Weimarer Demokratie als „die bürokratische Ausformung einer Massengesellschaft, die den wesentlichen Problemen fortwährend ausweicht“, wie Bürger ganz richtig zusammenfaßt, koinzidieren durchaus auch mit nationalsozialistischen Vorstellungen; Jahnns Konzeption des Einzelleibs dagegen ist der eines nationalsozialistischen Volkskörpers entgegengesetzt. Seinem Biographen ist Jahnn kein Faschist, weil er eben Pazifist war, und Demokratie ein „Wert an sich“, den der „maßlose“ Jahnn halt nicht als solchen zu würdigen wußte. „Nebelwände“ überall! Eine Synthese der Synthesen, den im Werbetext des Verlages versprochenen „Blick auf das Ganze und in die Tiefe“, leistet der Biograph selbst innerhalb selbstgesteckter Grenzen nicht, doch berichtigt er einige falsche Datierungen und fortgeschriebene Irrtümer und bringt neben verheißungsvollen Kapitelüberschriften auch einige bisher unveröffentlichte Briefstellen sowie im Anhang Literaturverzeichnis, Chronik, Personen- und Werkregister. Als hätte es noch eines weiteren Beweises dafür bedurft, daß Biographisches ebensowenig immer nur in Texten vermittelt wird, wie Texte immer nur Biographie vermitteln, daß Literatur nicht von Literatur kommt – und insbesondere jene Literatur, die ganz danach auszuschauen scheint -, liefert ihn Bürgers kurzer Blick auf das halbe Leben des Hans Henny Jahnn. Ein langer Blick hätte dem Mann und dem Werk standhalten müssen. Jan Bürger: Der gestrandete Wal. Das maßlose Leben des Hans Henny Jahnn. Die Jahre 1894-1935. Aufbau-Verlag, Berlin 2003, geb., 452 Seiten, Abb., 25 Euro

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