Verspotteter Held

Vermutlich wurde kein Thema so oft vertont wie der Roman „Don Quixote“ des Miguel de Cervantes aus den Jahren 1605 bis 1615. Die Liste der bekannteren Komponisten reicht von Purcell (1694), Caldara (1733), Paisiello (1769), Salieri (1770), Piccinni (1773), Kienzl (1898), Massenet (1910), de Falla (1923), Richard Strauss und Henze bis zu dem Musical „Der Mann von La Mancha“ von Leigh und Wasserman. Zahlreich sind Ballettversionen wie zum Beispiel von Minkus oder Ibert. Sogar eine Operette von Heuberger zum Don-Quixote-Stoff gibt es. Insgesamt wurde der Stoff etwa 55mal musikalisch bearbeitet. Eine zu Unrecht vergessene Oper ist die musikalische Tragikomödie „Don Quixote“ von Wilhelm Kienzl, die zum 350. Geburtstag des großen spanischen Dichters vollendet und ein Jahr später 1898 an der Berliner Staatsoper uraufgeführt wurde. Als junger Musiker lernte der 1857 in Oberösterreich geborene Kienzl in Bayreuth Richard Wagner kennen, der ihn zu seinem Assistenten machte. Obwohl Kienzl stark von ihm beeindruckt war, gehört er zu den wenigen, die sich aus dem Bann des Bayreuther Meisters befreien konnte. Im „Don Quixote“ tritt im Gegensatz zum bekannteren „Evangelimann“ seine „persönliche musikalische Physiognomie“ – so der Komponist – deutlich hervor. Es ist ein durchaus eigenständiges Werk, eine großartige Musizieroper mit prachtvollen Orchesterzwischenspielen und einer raffiniert angelegten Ballettmusik im 2. Akt. Doch trotz humorvoller oder auch romantischer Szenen und eines von Kienzl selbst nach Cervantes‘ Roman gut aufgebauten Librettos war die Oper kein rechter Erfolg. Kienzl hatte sich lange mit der Lektüre befaßt. Er straffte und kürzte, um eine dramatische Entwicklung zu erreichen. Von ihm stammt auch die Idee, den Tod des Helden durch ein eigentlich gutgemeintes Komplott herbeizuführen. Dabei fühlte sich Kienzl wie sein verspotteter Held, der an alten Idealen und Heldenträumen festhält und sich der neuen Zeit verschließt. „Don Kienzl“, nannte ihn ein Kritiker spöttisch. Im Kriegsjahr 1941 ist Wilhelm Kienzl „verstimmt und verjagt“, wie er in seinem Lebenserinnerungen schreibt, in Wien gestorben. Ungekürzt wurde „Don Quixote“ nur noch 1905 in Graz gegeben, später gab es nur wenige verstümmelte Aufführungen. 1998 erlebte ein begeistertes Publikum im Berliner Konzerthaus die Wiederentdeckung dieser vergessenen Oper. Die CD-Firma CPO in Georgsmarienhütte, immer auf der Suche nach Raritäten, hat jetzt die „Berliner Sternstunde“ ungekürzt herausgebracht (CPO 999873-2). Schwungvoll und mit spürbarer Zuneigung zu dem Werk dirigiert Gustav Kuhn das aufwendig verstärkte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und den klangschönen Rundfunkchor Berlin. Ausgezeichnet sind die Solisten. Thomas Mohr als Ritter von der traurigen Gestalt beeindruckt mit einem edelgeführten Bariton und ritterlichen Noblesse. Tiefberührend ist die Sterbeszene des enttäuschten Don. Neben ihm begeistert der warm timbrierte Mezzo der jungen Südafrikanerin Michelle Breedt als Don Quixotes Nichte Mercedes. Ihren Verlobten Carrasco singt Matthias Henneberg mit kraftvollem Bariton. Der Baß Thomas Hey gibt eine köstliche Persiflage als eine von einem bösen Riesen verfolgte Dame in fistelnden Tönen; doch auch sein Baß kann sich hören lassen. Dem tumbtreuen Sancho Panso leiht James Wagner seinen heldischen Tenor. Die kleineren Partien sind rollendeckend gut besetzt. Besonders gefällt der helle Sopran von Kirsten Blanck als Wirtstochter Maritorness. Ein informatives Begleitheft mit Text und Kienzls Regieanweisungen begleitet diese Ersteinspielung einer glücklich entdeckten Oper.

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