Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Medium der Weltaneignung

Am 15. November 1905 notierte Graf Kessler: „Mir überlegt, welche Wirkungsmittel ich in Deutschland habe: der Deutsche Künstlerbund, meine Stellung in Weimar (…), die Verbindung mit der Reinhardtschen Bühne, meine intimen Beziehungen zum Nietzsche-Archiv, zu Hofmannsthal, zu van de Velde, meine nahen Verbindungen mit Dehmel, Liliencron, Klinger, Liebermann, Gerhard Hauptmann, außerdem mit den beiden einflußreichsten Zeitschriften Zukunft und Neue Rundschau, und nach der anderen Seite zur Berliner Gesellschaft, dem Regiment und schließlich mein persönliches Prestige. Die Bilanz ist ziemlich überraschend, und wohl einzig. Niemand in Deutschland hat eine so starke, nach so vielen Seiten reichende Stellung.“ Diese stolze Einschätzung war kaum übertrieben und bestätigte sich desto mehr, als der adelige Kulturmanager noch in eine politische Rolle hineinwuchs. So genoß er mit der Zeit selbst im Ausland einen legendären Ruf. Waren in London früher der Kaiser, dann Hugo Stinnes Inbegriff deutscher Prominenz gewesen, hieß es jetzt überall: „Do you know Count Kessler?“ Vor allem kannte er sie alle: In der Person des Harry Graf Kessler (1868-1937) hatten die Renaissance den uomo universale und die Barockkultur den honnête homme im Zeitalter der Massen noch einmal ins Rennen geschickt. Kesslers exklusive Herkunft und soziale Stellung, sein überragender Geist und musisches Talent, die rastlose Umtriebigkeit und Kommunikationsbesessenheit prädestinierten ihn zum proteushaften Moderator im Weltgeschiebe, sodann für eine Karriere ästhetischer Opposition im Kaiserreich, zum Ideengeber, Mäzen und Sammler moderner Kunst, schließlich gar zum kritischen „Weltauge“: dem genialen Chronisten seiner Epoche. Das Subjekt im Vollbesitz seiner Möglichkeiten Nicht allein eminente Sprachkraft, sondern ein Gefühl moderner Zerrissenheit, von Diskontinuität und Relativismus animierten bereits den 12jährigen zu täglichen Notizen, um das Erlebte zu registrieren, zu ordnen, zu deuten. Das begründete eine 57jährige literarische Produktivität. Kesslers Tagebuch wurde zu einem Datum der Weltliteratur – der gewichtigste deutsche Beitrag zu dieser Gattung, einer europäischen Symbolform reflexiver Individualität (Ernst Jüngers einmal beiseite). Hier erscheint das „heroische“ Subjekt im Vollbesitz seiner Möglichkeiten, von denen wir postmodernen „Stummelexistenzen“ (Gottfried Benn) nur träumen können. Kessler mimte nicht den Europäer, den Weltbürger, den brillanten Kritiker, er verkörperte sie. Die literarische Selbstbefragung des journal hat thematisch unterschiedliche Perspektiven historisch ausgeformt: Vom Tagebuch als pietistischem „Beichtspiegel“, als psychologischer Introspektion, als philosophischer Grübelei oder als nur banal privater Registratur unterscheidet sich Kessler typologisch durch den extrovertierten Erfahrungshunger – sein Œuvre: ein Medium der Weltaneignung: große Anschauung, subtile Betrachtung und luzide Analyse von Kunst, Politik, Gesellschaft. Das mußte ihn zu einem Zeitzeugen von gewaltigem Zuschnitt prädestinieren. Richard Dehmel erahnte das 1898 intuitiv: „Ich meine, Sie werden die Memoiren unserer Zeit schreiben. (…) Ich beneide unsere Enkel darum, daß sie das lesen können.“ Diese Prophezeiung hat sich erfüllt. In den Jahren zwischen 1880 und 1937 füllte Kessler 57 Bände auf über 10.000 Seiten mit seinen Notaten, Charakteristiken der Zeitläufte und Zeitgenossen, von der Belle Époque bis zur Machtergreifung der Nazis. Reich und unabhängig, berufslos in einer Konkurrenzgesellschaft der professionals, war er im sozialen Umgang und seinen Entscheidungen so frei als möglich, seltenes Beispiel einer wirklich „autonomen“ Persönlichkeit. Hierin gründet sein souveränes Urteilsvermögen, das universelle Informiertheit ebenso voraussetzte wie Distanzierungsspielräume nach innen und außen. Anders als Snobs und reiche Müßiggänger blieb Kessler indes kein Zuschauer. Er engagierte sich exzessiv in zahllosen Projekten, akribisch und umsichtig, als Schriftleiter, Offizier, Museumsdirektor, Botschafter, Verleger, Parteivertreter, Diplomat. Der Sohn eines deutschen, 1881 gegraften Bankiers und einer irischen Aristokratin, „der schönsten Frau Europas“, wird in Paris geboren, in England (Ascot), dann in Hamburg (Johanneum) erzogen; von 1888 bis 1991 studiert er Jura in Bonn und Leipzig und absolviert 1892/93 seine Dienstzeit bei den Garde-Ulanen in Potsdam. Als polyglotter Europäer und nervöser Weltenbummler dauernd unterwegs, entscheidet er sich jedoch bewußt für Deutschland, macht auch den Weltkrieg auf deutscher Seite mit. Berliner seit 1892, Exponent der Avantgarde und einer jungen Generation, die Historienbild und Programmusik verwirft und den „Attrappenstil“ der Gründerzeit verspottet, vertritt der junge Graf exklusive Geschmackskultur und elitären Individualismus im Zeichen von Impressionismus (Monet, Liebermann) und Nachimpressionismus (Seurat, Gauguin, Maillol, Munch). Von hier soll eine Erneuerung des Lebens ausgehen. Dieser kulturpolitischen Strategie dienen die luxuriöse Jugendstilzeitschrift Pan (1895-1900), die Gründung des Deutschen Künstlerbunds (1903), das Weimarer Reformwerk gemeinsam mit Henry van de Velde (1903-06) oder das buchkünstlerische Engagement der Cranach-Presse (1913-32), die mit ihren kostbaren Erzeugnissen aus der Handpresse das Buch, orchideengleich, zum reinen Kunstwerk steigert. Heroischer Philologenfleiß in exquisiter Gestalt Wirkte solch ein Stilkult schon damals obsolet, blieb der Beobachter Kess-ler hyperagil, stets allem Neuen auf der Spur. Als die Freunde sich der Zeit entfremden, fasziniert den 50jährigen der Expressionismus: „Überhaupt diese neuberlinische Kunst, Grosz, Becher, Benn (…) höchst merkwürdig; Großstadtkunst, von hochgespannter Dichtigkeit der Eindrücke, die bis zur Simultanität steigt; brutal realistisch und gleichzeitig märchenhaft (…), die Dinge wie von Scheinwerfern roh beleuchtet und entstellt und dann in einem Glanz verschwindend. Eine höchst nervöse, cerebrale, illusionistische Kunst; dadurch innerlichst mit dem Varieté verwandt; auch mit dem Kino (…) Blitzlichtkunst mit einem Parfüm von Laster und Perversität wie jede nächtliche Großstadtstraße.“ (1917) Krieg und Nachkriegszeit politisieren den „roten Grafen“. 1919 folgt der Beitritt zur Deutschen Demokratischen Partei (DDP); bis 1924 kritisiert er in zahlreichen Schriften und öffentlichen Auftritten den neugegründeten Völkerbund als Machtform der Entente und wirbt für eine alternative Konstruktion. Der aktuelle Zustand sei ein „Monstrum“, ein „verlängertes Bündnis gegen Deutschland“, „wahrer Hohn gegen wirkliche Abrüstung“ und richte sich nicht bloß gegen feindliche Staaten, sondern auch gegen „unbequeme Klassen“. Der Völkerbund sei das „furchtbarste Instrument, das jemals im Klassenkampf verwendet worden“ sei. Außenpolitik und Kapitalismuskritik verschmelzen argumentativ; seine Anprangerung proletarischen Elends, „Die Kinderhölle in Berlin“ (1920), erregt enormes Aufsehen. Doch befürwortet er außenpolitisch die Wiederannäherung im deutschen Interesse („Wiederaufnahme in den Kreis der Großmächte“, „Schutz vor neuen Vergewaltigungen“, „allmähliche Korrektur der Härten des Friedensvertrags“ und „unbehinderte Teilnahme an der neu aufblühenden Weltwirtschaft“). 1922 wird der Freund Rathenau ermordet. Kessler widmet ihm als erster eine umfassende Biographie (1928). Als Kessler 1937 in Frankreich starb, wurde sein schriftlicher Nachlaß zersprengt. Dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach gelang es, in abenteuerlicher Sammeljagd zwischen 1968 und 1992 das gesamte Textkorpus wieder zusammenzufügen. Schon die Marbacher Jahresausstellung 1988 („H. G. K. Tagebuch eines Weltmannes“) hat dann eine Gesamtedition angekündigt. Jetzt endlich ist es soweit. Eben ist der erste Band einer monumentalen, neunteiligen Edition erschienen, die Klett-Cotta bis 2008 herausbringt. Der königliche Verlag hat sich nicht lumpen lassen und weiß den Autor zu ehren: Er hat weltliterarischen Inhalt und heroischen Philologenfleiß in exquisite Gestalt gebracht: weinrotes Leinen, silberner Prägedruck, Etikettendekore, feinstes Papier, Fadenheftung. Nur 800 Seiten aus Kesslers Walpurgissack waren seit 1961 publiziert; sie hatten den späten Kessler der Weimarer Republik (1918-37) bekannt gemacht. Der nun die Edition eröffnende zweite Band bietet hingegen die ersten Berliner Jahre von 1892 bis 1897. Wir begegnen dem jungen Mann, der sich zur epischen Persönlichkeit entfaltet. So wird jetzt im literarischen Kontrast später und früher Jahre auch ein faszinierender „Bildungsroman“ sichtbar, der im Resultat die Erkenntniskraft der französischen Moralisten mit einer maximal anschaulichen Erfahrungsdichte zum komplexen Zeitbild vereint. 500 Seiten Text werden umrahmt von philologischen Einleitungen, Kommentaren und Themenaufsätzen; dazu spärliche Anmerkungen, jedoch ein integrales Personenregister (240 S.), das Werke, Orte, Schauplätze, Institutionen einbezieht – ein robustes Instrument, um sich im Namensdschungel (total 40.000) durchzufinden. Einziges Ärgernis beim Start: Schlampigkeit, Mißdeutung und Falschinfos in den großen Blättern, bei insgesamt flau wohlwollender Aufnahme. Der Prachtband wurde als kümmerliche Ausstattung beschimpft, den Volltext biete erst die CD-Rom, beides reiner Nonsens. Auch Fritz Raddatz, linker Snob und schwuler Dandy, urteilt, wie er’s versteht. Geschenkt sein Voyeurismus, aber Panne seine Editionskritik. Er proponiert eine Auswahl, just nachdem das Vorwort die Komplettversion als historische Quelle alternativlos begründet hat. Auch hätte er lieber was gelesen vom „roten Grafen“ der Weimarer Zeit. Tja, bloß daß wir den schon seit 40 Jahren kannten! Schade, daß Raddatz ihn verpaßt hat. Der aktuelle Kessler-Band 1892-1997 überrascht und fesselt mit einigen neuen thematischen Akzenten: l Die Weltreise 1892 zeigt die Umschmelzung impressionistischer Ästhetik in eine produktive Sensibilität und Optik: gestaltende Wahrnehmung, die Eindrücke poetisch vertieft. Japan als leuchtender Blickpunkt: dem jungen Dandy die fernöstliche Gestalt der griechischen Idee. l Magisch klar: seine präzisen Architekturbilder altmexikanischer Ruinenstädte (1897): Vignetten einer beschreibenden Völkerkunde. Aus ihnen entstanden die: „Notizen über Mexiko“ (1898) – mit pessimistischer Globalisierungsfanfare: „Unsere Zeit ist vielleicht die letzte gewesen, in der man noch reisen konnte; schon wir kommen kaum noch aus unserer Zivilisation hinaus.“ l Klare Sicht der Rolle der USA als Agent der neuen Zeit. Kesslers amerikanische Beobachtungen, Faszination und Abscheu, reflektieren die Signale urbaner Modernität als Chiffren: allseitiger Tumult, Dynamik und Hektik; Reklame überall, Okkupation der Wahrnehmung, der Alltag – ein einziger Jahrmarkt; die architektonische Monstrosität Manhattans; die unentwegte Meinungsmache: kommunikative Dauerpenetration. 30 Jahre später wieder in New York, bestätigen und vertiefen sich die frühen Eindrücke: „New York ist überwältigend. (…) Hier ist das moderne Rom, die kolossale Welthauptstadt, die Stadt, die das Gesicht hat, Mittelpunkt und Beherrscherin der (…) Welt zu sein. Wie Babylon trägt sie das Kainszeichen auf der Stirn. Es ist die Welt des Dr. Mabuse, die Welt des rücksichtslosen Spiels, die Welt, wo die Zahl, wo alles, was nach Wert oder Größe meßbar, wägbar, spielbar, regulierbar, käuflich, auf der Börse benennbar und beleihbar ist, titanisch und schamlos das Haupt bis zu den Sternen erhebt. Bei Abend unter einem neapolitanischen Himmel, einer zarten, durchsichtigen Vergißmeinnicht-blauen Tiefe, in der ein silberner Mond schwimmt, ist sie schön wie Luzifer.“ l Dagegen die alte Welt – Paris und Berlin! Da Kessler als Begünstigter auf Etagen verkehrt, wo die Entscheidungen fallen, pointieren seine Notizen den feudalen Charakter des kaiserlichen Deutschland – dem Leser ein Stück „historischer Ethnographie“. Breiten Raum nimmt Militärisches ein: Kameraden, Manöver, Kasinoabende, Regimentsbälle. Der soldatische Ehrenkodex ist selbstverständlich. Gemeinsam ist man vom „preußischen Offizier“ als dem tragenden Grund deutscher Kultur überzeugt. l Mit dem jungen Kessler, dem Gesellschaftslöwen, mag der Leser durch das Berlin von 1900 flanieren. Er lernt die exquisite Topographie der Anlässe kennen, bei denen tout Berlin sich traf: bei Borchardt, im Kaiserhof, in Salons und Botschaften, auf Hofbällen, im Theater. l Dieser dahinflutende Eindruckstaumel birgt Komplikationen. Kultureller Pluralismus und soziale Fragmentierung tauchen die Wirklichkeit ins Zwielicht. „Für jemanden, (…) der sich die Fähigkeit bewahrt hätte, alles Sichtbare als Symbol (…) als den sozusagen algebraischen Ausdruck für eine (…) große Anzahl von Kräften, von Wirkungen und Gegenwirkungen zu empfinden, wäre es etwas (…) Unheimliches, daß Ausdrücke so verschiedener, so einander entgegengesetzter Weltanschauungen von Menschen, die zu einer Zeit leben, die sich täglich miteinander verständigen (…) nebeneinander in einem Zimmer sein können.“ „Viel flaniert, gesehen; keine Zeit zu schreiben“ In der Phänomenalität des Alltags spiegelt sich das strukturelle Schicksal der sozialen Welt. Der enzyklopädische Panoramablick des bonvivant registriert Diffusion statt Totalität, vermißt ideelle Einheit, fröstelt metaphysisch. Kess-lers Notizen interessieren uns auch als Zeichen mentaler Befindlichkeit der Intelligenz um 1900: Skepsis nach Nietzsche. Sie zeigen, wie sehr dessen Moral- und Erkenntniskritik die Objektivität des Realen, verbindliches Wissen, authentische Erfahrung etc. ausgehöhlt hatte. Der „ideologiekritische“ Blick auf soziologische und psychologische As-pekte des Lebens verschlingt den Wahrheitsimpuls restlos. Bleibt: die „Subjektivität der Ideale“. Ist nichts objektivierbar und alles „Täuschung“, gibt es nur einen parasitär exklusiven Solipsismus. Der intelligente Autor hat diesen nihilistischen Ich-Kult überwunden; auf einem anderen Blatt steht die Karriere autistischer Nabelschau zum massenindividualistischen Serienprodukt. l Das Individuelle als oberster „Wert“ erhebt das „Genie“ zum zentralen Paradigma. So spiegeln die prägnantesten Notizen Begegnungen mit schöpferischen Menschen, dem alten Paul Verlaine, dem jungen „Kosmiker“ Ludwig Derleth und dem umnachteten Nietzsche, mit dessen Schwester sich der Graf anfreundet; das Engagement fürs Weimarer Nietzsche-Archiv wird eine ganze Seite seines Lebens ausmachen. l Doch steht für die Jahre von 1892 bis 1897 die Leidenschaft für Kunst und Kunstgeschichte ganz im Vordergrund: Reisen zu den Kathedralen Frankreichs, ständiger Umgang mit modernen Meistern wie Böcklin, Klinger, Munch oder Museumsgrößen wie Tschudi und Bode. Julius Meier-Graefe gar! Alle Augenblicke begegnen wir dem weltberühmten Kunstkritiker, dem Herold des Impressionismus, Mitarbeiter Kesslers beim Pan, dessen Geschichte seit ’95 diese Blätter detailliert dokumentieren. „Viel flaniert, gelesen, gesehen; gelebt, und das alles so schnell, daß keine Zeit zu schreiben übrig blieb“, heißt es, aus Paris, auf der letzten Seite dieses Bandes. Man glaubt es gern, und doch berichtet derselbe Eintrag von Galerie- und Konzertbesuchen, kommentiert französische Landschaftsmalerei. Und so über sechs Jahrzehnte. Im ewigen Konflikt von Erlebnishunger und Autorschaft hielt also der Schriftsteller unbeirrt Kontrapost. Die Leser danken es ihm. Harry Graf Kessler: Das Tagebuch 1880-1937 Zweiter Band: 1892-1897, Veröffentlichungen der Deutschen Schillergesellschaft, Bd. 50.2, Hrg. Von Roland Kamzelak und Ulrich Ott, Klett Cotta, Stuttgart 2004, 777 Seiten, Leinen im Schuber, 58 Euro Foto: Graf Kessler: Polyglotter Europäer, nervöser Weltenbummler

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