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Im Gemischtwarenladen

In der museologischen Aufarbeitung von historischen Komplexen spielt in Deutschland der Erste Weltkrieg eine sehr untergeordnete Rolle. Nur in sehr wenige Ausstellungen wagte man sich an dieses Thema heran. Zu den bekanntesten und interessantesten Präsentationen der letzten Jahre zählte „Die letzten Tage der Menschheit“ von 1994, in der erstmals umfassend dem Verhältnis von Kunst und dem Erlebnis des Massenkrieges nachgegangen wurde. Nunmehr hat – zehn Jahre später – der wissenschaftliche Beirat des Berliner Deutschen Historischen Museum (DHM) mit „Der Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung“ erneut eine Ausstellung zu dieser Thematik erarbeitet, die bis zum 15. August im Pei-Bau besichtigt werden kann. Die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg stellt nicht nur für den Berufshistoriker immer noch ein äußerst undankbares Thema dar. In der offiziösen Geschichtsschreibung der Bundesrepublik spielt lediglich das letzte Kriegsjahr 1918 wegen der Revolutionsereignisse und der damit verbundenen Gründung der ersten deutschen Republik eine hervorhebenswerte Rolle. Das daraus resultierende geringere Interesse der Politik an diesem Bereich hat wiederum unmittelbare finanzielle Konsequenzen: Im Gegensatz zu den zu einem erheblichen Teil geförderten Ausstellungen des DHM, zum Beispiel über den Holocaust, beteiligte sich die Kulturstiftung des Bundes bei der neuen Präsentation nicht an den entstandenen Kosten. Somit mußten die Lasten in Höhe von rund 1,7 Millionen Euro zur Erarbeitung und Ausgestaltung der Ausstellung vollständig aus eigenen Quellen aufgebracht werden. Angesichts der daraus erwachsenen Eigenverantwortung der Leitung des DHM für die Ausstellung wirkt es um so befremdlicher, in welchem Maße politische Leitlinien Einfluß auf die Konzeption gewonnen haben. Die Präsentation von „Der Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung“ beruht auf drei Prämissen: Zum einen möchten die Ausstellungsmacher unter allen Umständen vermeiden, ein in erster Linie kriegsgeschichtlich interessiertes Publikum anzusprechen. Bereits auf der Pressekonferenz äußerte ein Mitglied des wissenschaftlichen Beirates zur Präsentation unmißverständlich, „die Interessen von Militaristen“ dürften „nicht bedient“ werden. Zum zweiten müsse die Ausstellung „jeder deutschen Nabelschau“ und „jeglicher Form von Deutschtümelei“ entsagen. Ferner soll in der Präsentation der „europäische Aspekt“ mit dem Schwerpunkt auf unterschiedlichen Erinnerungstraditionen in West- und Osteuropa eine eingehende Behandlung finden. Das zwangsläufige Ergebnis ist eine Ausstellung, die auch den gutwilligen Betrachter unweigerlich an den Besuch eines Gemischtwarenladens erinnert. Durch den Verzicht auf die Vermittlung sämtlicher kriegs- und gesellschaftsgeschichtlicher Hintergründe fehlt der Präsentation von Beginn an das Gerüst, welches zur Entwicklung eines Spannungsbogens vom ersten bis zum letzten Objekt zwingend notwendig wäre. Beliebig wird von den Friedensverträgen von 1919 und 1920, die das Fundament eines weiteren Krieges bereits in sich bargen, zur Frage der Kriegsschuld gesprungen; von der Nationenbildung in Osteuropa im Jahr 1918 und 1919 zu Gedenkritualen in den unmittelbaren Kriegsjahren. Bestenfalls der Aufbau des ersten Raumes folgt noch einer gewissen Logik, indem dort der Prozeß der Auflösung der traditionellen bürgerlichen Gesellschaft zu Kriegsbeginn verdeutlicht wird. Was anschließend den Besucher erwartet, ist lediglich eine Aneinanderreihung von Objekten, die in Form von Appetithäppchen präsentiert werden, und durch die fehlende Strukturierung das Erkennen von historischen Zusammenhängen nahezu unmöglich machen. Besonders bedauerlich ist die vollkommen mißlungene Aufteilung gerade dort, wo das DHM mit Hilfe seiner umfangreichen Eigenbestände und in enger Kooperation mit osteuropäischen Museen die Möglichkeit genutzt hat, mit seltenen und weitgehend unbekannten Stücken aufzuwarten. Doch auch in diesen Sektoren wurde vor allem mit Masse statt mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl „inszeniert“. Dabei hätte eine sinnvolle Aufteilung der Gegenstände nach ihrem Gebrauch als kollektives bzw. individuelles Erinnerungsstück der Präsentation einen weitaus höheren Grad an Glaubwürdigkeit verliehen. Die besten und interessantesten Kapitel der Ausstellung sind diejenigen, die sich mit den unterschiedlichen Erinnerungskulturen an den Ersten Weltkrieg in west- und osteuropäischen Staaten beschäftigen. Während in Frankreich, Belgien oder Großbritannien die Trauer um die Toten ebenso wie die nostalgische Verklärung von Kriegserlebnissen im Mittelpunkt des „kollektiven Gedächtnisses“ stehen, werden diese persönlichen Formen der Vergangenheitsbewältigung in Osteuropa vollkommen von der Freude über die „nationale Befreiung“ durch die Erlangung der Eigenstaatlichkeit nach Kriegsende überlagert. Die Präsentation „Der Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung“ ist ein Musterbeispiel dafür, daß noch so geschickte Inszenierungsversuche eine mangelhafte inhaltliche Konzeption kaschieren können. Am Ende bleibt daher lediglich ein schaler Beigeschmack. Die Ausstellung ist bis zum 15. August im Deutschen Historischen Museum Berlin, Ausstellungshalle von I. M. Pei, Hinter dem Gießhaus 3, zu sehen. Der reich bebilderte Begleitband kostet in der Ausstellung 25 Euro. Foto: Alexander Meissner und Hans Bredow bei Funkversuchen im Ersten Weltkrieg (1917): Gerüst fehlt

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