Gelebtes Leben

Der Vorhang geht hoch, es betreten nacheinander die Bühne: Altbundeskanzler Helmut Schmidt (85), Joachim Fest (77), Wolf Jobst Siedler (78), Martin Walser (77). Die vier älteren Herrschaften gehören kraft eigener Feder zu den Hauptdarstellern des diesjährigen Bücherherbstes; zu ihnen gesellt sich in einer Nebenrolle der 74jährige Hans Magnus Enzensberger mit seinem publizistischen Engagement für eine Wiederentdeckung Alexander von Humboldts (JF 40/04). Es ist ein starker, bewegender Auftritt, formvollendet in Stil und Haltung, gelebtes Leben. Da ist nichts Gekünsteltes, Aufgesetztes, Eingeübtes oder Angelerntes, das einem sonst im Literatur- und Medienzirkus oft begegnet. Statt dessen umweht diese Männer eine Aura der Authentizität. Sie müssen sich nicht produzieren und krampfhaft ins Licht der Öffentlichkeit drängen, um gehört zu werden. Wenn Helmut Schmidt die politische Weltlage analysiert und sich Gedanken über die globale Machtverteilung im 21. Jahrhundert macht (siehe Seite 16), ist ihm die Aufmerksamkeit des Publikums allein deswegen sicher, weil dem Altkanzler weithin mehr Sachverstand zugetraut wird als dem kompletten derzeitigen politischen Personal in Berlin. Und wenn Publizisten wie Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler aus erster Hand von Begegnungen mit Geistesgrößen wie Ernst Jünger, Thomas Mann und Hanna Arendt erzählen (Seite 17), ist das allemal spannender als jede Faktenhuberei in der Schule. Vielleicht reibt sich das durchweg jüngere Publikum deswegen so verwundert die Augen. Nur in den hinteren Reihen geht bald das Getuschel los, und nur wer genau hinhört, kann einzelne Wortfetzen aufschnappen. Da ist despektierlich von „Altherrenriege“ und „Gruftieprosa“ die Rede, gar vom „Club der toten Schreiber“. Daß Alter auch ein Aussichtsturm ist, vom dem herab sich die Dinge leichter und genauer überblicken lassen, auf diese Idee kommt keiner der jungen Schnösel. Dabei eint die betagten Herren ja nicht nur, daß sie der gleichen Generation angehören. Was sie darüber hinaus miteinander verbindet, ist etwas, das Jüngeren hierzulande häufig fehlt: Geschichtsbewußtsein oder auch, wie Martin Walser es nennt, ein Geschichtsgefühl. „Eine Zugehörigkeit muß man erleben, nicht definieren“, schreibt Walser. „Auch die Zugehörigkeit zu einem Geschichtlichen hat man nicht zuerst als Erkenntnis parat, sondern als Empfindung, als Gefühl.“

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