Für jede Stele ein Bier

Beim Richtfest für das Berliner Holocaust-Denkmal am Montag dieser Woche waren der Architekt Peter Eisenman und Vertreter der Jüdischen Gemeinde, aber kaum Bundesprominenz anwesend. Nur Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der dem Kuratorium vorsteht, durfte sich die Teilnahme nicht versagen. Als Vertreterin des Staates sprach die Berliner Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer (SPD), die außerhalb der Stadt völlig unbekannt ist. Für die Gefühle und Gedanken, die das Projekt begleiten, kann der Bericht der Tageszeitung Die Welt als repräsentativ gelten: „Das Überraschendste: Trotz seiner immensen Ausdehnung von knapp vier Fußballfeldern drängt sich das Mahnmal nicht auf eine alles beherrschende Weise auf. Man kann es mühelos links oder rechts liegenlassen auf dem Weg zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz.“ Das beste an diesem Denkmal besteht also darin, daß man es mühelos übersehen kann und es stadtplanerisch nicht allzuviel verdirbt. Wozu hat man es dann überhaupt erst gebaut? Dann folgt ein Dank an Altkanzler Helmut Kohl, denn „dessen Intervention ist es zu danken, daß Eisenman sein Stelenfeld nochmals verkleinerte. Und was noch wichtiger ist: daß die im ersten Wettbewerb prämierte, in der Tat monströse Betonplatte einer Künstlergruppe um Christine Jackob-Marks nicht gebaut wurde“. Übersetzt man diese journalistische Sklavensprache ins Deutsche, dann besagt sie: Seien wir dankbar für die jetzige Denkmalsgestalt – es hätte noch weit schlimmer kommen können. Deutschland, das Land der feigen Kompromisse! Erheiternd sind dagegen die Verse, die der Polier der Baufirma bei dem Festakt zum Vortrag brachte: „Für den Schweiß, den wir hier ließen, soll nachher kräftig Bier fließen.“ Na, dann Prost! Foto: Das Richtfest setzte in der Tristesse des deutschen Sommers 2004 einen grauen Akzent.

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