Superwahljahr

 

Ein tierisches Versprechen

Erinnert sich noch jemand? Eine der letzten Großtaten des weiland DDR-Staatsratsvorsitzenden und SED-Generalsekretärs Erich Honecker war die öffentliche Präsentation eines angeblich in der DDR entwickelten (in Wirklichkeit aus dem Westen eingeführten) EDV-Chips, mit dessen Hilfe das Zeitalter der Informatik endlich auch im Osten beginnen sollte. Der Generalsekretär wurde bei der Vorstellung richtig poetisch und sprach mit feierlichem Tremolo den selbstverfertigten Vers: "Den Sozialismus in seinem Lauf / halten weder Ochs noch Esel auf."

Unweit des Honecker-Auftritts, in der Gethsemane-Kirche in Prenzlauer Berg, wo schon die Bürgerrechtler ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatten, schrillten die Alarmglocken. Was sollte das Bild vom Ochsen und vom Esel in derart prominentem Zusammenhang? Stand etwa eine neue, verschärfte Kampagne gegen die im Schutz der Kirche sich bergenden oppositionellen Kräfte bevor? Oder gar eine Kampagne gegen die Kirche insgesamt? Schließlich sind "Ochs & Esel" ein Hauptmotiv in der christlichen Ikonographie. Wenn sich nun ein Mächtiger in aller Form über Ochs & Esel lustig machte, konnte das nur Schlimmes bedeuten.

Im nachhinein darf man vermuten, daß sich Honecker der Brisanz seines Verses gar nicht bewußt war. Er sah in Ochs & Esel wohl lediglich Symbole der Dummheit, was selber dumm war, da die beiden Tiere bei den Völkern keineswegs als Inbegriff von Dummheit gelten bzw. galten. "Dummer Ochse", "dummer Esel" – solche Redeweisen sind erst seit der "Aufklärung" in Gebrauch gekommen und blieben strikt auf Europa beschränkt. Sie hatten am Beginn tatsächlich eine antichristliche Spitze, waren Travestien auf die scheinbare Begriffsstutzigkeit von Ochs & Esel, die bei der Geburt Christi dabei sind und in den Augen der Kritiker die geistige Flachheit und Ignorantenhaftigkeit der Szene bezeugen.

In Wahrheit verhielt es sich genau umgekehrt. Die Anwesenheit von Ochs & Esel bezeugte avancierteste Geistigkeit und machte die zum Glauben Bereiten auf die ungeheure Wichtigkeit des Vorgangs aufmerksam. Der "Ochs", der junge Stier in der Fülle seiner Kraft, war damals allerorten ein gewaltiger Gott und spielte im Mithraskult, der direkten Konkurrenzbewegung zum frühen Christentum, die zentrale Rolle. Die ihm gewidmeten Bilder waren von überwältigender Schönheit. Er hatte ein rein weißes Fell, rosige Nüstern und goldene Hörner und Hufe. Sein Blut war heilig und wurde zum Wohle der Gläubigen vergossen.

Auch der Esel galt als ein von Heil umflanktes Geschöpf. Er war das Reittier bei der Flucht nach Ägypten wie beim Einzug Jesu in Jerusalem. Im Alten Testament, in der Erzählung von Bileam und seiner störrischen, sprechenden Eselin, ist es diese, die den Willen Gottes begreift und Bileam, der gekommen ist, um die Gemeinde zu verfluchen, dazu bringt, Segen zu sprechen. Nicht die Eselin ist dumm, sondern Bileam, was sich auf den zahlreichen Verbildlichungen der Episode darin zeigt, daß er immer nur ein Auge geöffnet hat, die Eselin indes alle beide.

In der frühchristlichen Kunst Europas tauchen Ochs & Esel förmlich als Standard-Attribute des in der Krippe liegenden Christkinds auf. Maria und Josef fehlen oft, Ochs & Esel fehlen nie. Die Daueranwesenheit des Duetts war voll beabsichtigt. Man wollte kundtun, daß die Erlösung durch Christus nicht nur die Menschenwelt betraf, sondern die Welt des Lebendigen im Ganzen, speziell die Welt der Tiere. Ochs & Esel an der Krippe sind keineswegs begriffsstutzig und unempfindlich für die Außergewöhnlichkeit des Geschehens. Von Christi Geburt geht ein Fluidum aus, das auch sie ergreift und sie auf ihre Art dem Heiland huldigen läßt. Ihre ständige Anwesenheit bei der Krippe ist ein Versprechen.

Von daher läßt sich die Haltung des Christentums zum Tier überhaupt gut erklären. Tiere wurden von ihm nicht mehr als Götter verehrt, auch nicht mehr – wie im Buddhismus – als mögliche Gehäuse wandernder Menschenseelen mit Samthandschuhen angefaßt, sie wurden jedoch in den Gang des Heilsgeschehens einbezogen. Sie waren geduldige und demütige Helfer und Ernährer des Menschen und hatten wenn nicht vollen Rechtsstatus, so doch Anspruch auf respektvolle Behandlung und sogar liebende Zuwendung.

Wenn der Respekt vor den Tieren epochenweise in Vergessenheit geriet und eine rohe, rein funktionalistische Einstellung um sich zu greifen drohte, tauchten früher oder später stets Mahnprediger auf, die den brüderlichen oder wenigstens befreundeten Status der Tiere in Erinnerung riefen und zu Reue und Umkehr aufforderten. So im vierten Jahrhundert der Kirchenvater Basilius der Große, so im Hochmittelalter Franz von Assisi, so in der Neuzeit, nachdem die Rationalisten die Tiere als empfindungslose mechanische Uhrwerke hingestellt hatten, Fjodor Dostojewski mit seinen gewaltigen "Aufzeichnungen des Staretz Sossima" in den "Brüdern Karamasow".

Es gab im Christentum keine "unreinen" Tiere mehr wie früher bei den Juden und später bei den Muslimen. Was es freilich gab, war eine fein abgestufte Hierarchie der Aufmerksamkeit und der Zuwendung, derer sich die einzelnen Tierarten erfreuen, respektive nicht erfreuen durften. Jede Tierart "bedeutete" etwas über ihren materiellen oder sentimentalen Nutzen hinaus, symbolisierte existentielle oder theologische Konstellationen, die sich in ihrem jeweiligen Artverhalten kundgaben, und danach richtete sich ihr Rang in der Hierarchie des Ansehens.

An der Spitze standen Ochs & Esel, dicht gefolgt von der Vögeln, an die ja einige Predigten Franz von Assisis direkt gerichtet sind. Der Adler symbolisierte den Evangelisten Johannes und dessen Offenbarung, den jugendlichen, dynamisch zur Sonne der Erkenntnis strebenden "Liebling des Herrn". Der Pelikan, der sich scheinbar die Brust aufriß, um seine Kinder zu füttern, war Sinnbild des am Kreuz leidenden Herrn selbst. Der sehr hübsche, feenhaft bunte Eisvogel mit seinem ewigen Ein- und Auftauchen ins und aus dem Wasser stand für Auferstehung und Erlösung.

Auch die Fische durften einen hohen symbolischen Rang beanspruchen, nicht zuletzt weil ihr (griechischer) Name, "Ichthys", der Buchstabenfolge nach als Kürzel für "Jesus Christus Gottes Sohn Heiland" gelesen werden konnte. So stiegen sie, als das Christentum im römischen Reich verfolgt wurde, zu Geheimabzeichen der Dazugehörigkeit auf, mit mannigfachen Variationen. Wenn die staatlichen Aufseher eine bestimmte Fischdarstellung als Bestandteil der "Symbolkriminalität" enttarnt hatten, wichen die Christen einfach auf eine andere aus. Das Meer barg unendlich viele Gestalten und Verhaltensweisen.

Ganz unten auf der Skala, noch hinter Affen und Schlange, rangierte ausgerechnet das niedliche, harmlose Eichhörnchen, weil es mit seinem roten Fell und seinen Pinselohren angeblich dem Teufel glich. Armes Eichhörnchen! Erich Honecker hätte es ohne weiteres als Symbol für den ersten erfolgreichen DDR-Chip einsetzen können.

Foto: Gentile da Fabriano, "Anbetung der Heiligen Drei Könige" (um 1423): Ochs & Esel sind ein Hauptmotiv in der christlichen Ikonographie

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