Pankraz, der Kurzschluß und die Lichtverschmutzung

Man spricht immer öfter, besonders jetzt in der Weihnachtszeit, von Lichtverschmutzung. Damit ist keine Verschmutzung, Verfärbung, Eintrübung des Lichtes selbst gemeint, vielmehr eine Verschmutzung der Umwelt durch Licht. Die riesigen Illuminationen der trüben Winterabende in den Einkaufszonen, aber zunehmend auch an den Fronten und in den Vorgärten von Privathäusern, seien nicht nur Energieverschwendung, sondern sie machten die Städte auch häßlich und beleidigten das ästhetische Empfinden, heißt es.

Das ist nun ganz etwas Neues. Jahrtausendelang hat sich die Menschheit nach Licht gesehnt, nach Licht und immer mehr Licht. Alles, was mit Licht, mit Erleuchtung und Strahlenkranz zu tun hatte, wurde gepriesen, gefeiert, angesungen, in Verse gefaßt. Sämtliche Religionen auf Erden sind Lichtreligionen. "Es werde Licht, sprach der HERR, und es ward Licht". Im Lichte zu wandeln, war identisch mit Erlösung und ewigem Leben.

Aber auch die Religionsverächter verstanden sich durch die Bank als Beleuchtungsspezialisten. Sie kamen als Lichtbringer, als "Aufklärer", die den religiösen "Obskuranten", den "Dunkelmännern", den Kampf ansagten und ihnen "heimleuchteten". Das "Licht der Wissenschaft" strahlte mindestens so intensiv wie das "Licht der Offenbarung". Es drang noch in den letzten Winkel vor und zog Dinge ans Licht, von denen die wenigstens geahnt hatten, daß es sie gab.

Unsere Alltagssprache ist bis oben hin mit Lichtsymbolik angefüllt. Alle nasenlang geht jemandem "ein Licht auf", und töricht ist, wer sein eigenes Licht "unter den Scheffel stellt". Als höchste Tugend in der Mediengesellschaft gilt, etwas "ans Licht der Öffentlichkeit" zu ziehen. Verbrecher und Abzocker hingegen "scheuen" dieses Licht, denn "das Böse" ist ein Kind der Finsternis.

Einst dichtete der liebe Adalbert von Chamisso: "Das Licht, das ist das Gute, die Finsternis die Nacht, / Das ist das Reich der Sünde und ist des Bösen Macht". Dabei ist es bis heute geblieben, zumindest in der Politik, wo man allenfalls etwas gegen Licht, Aufklärung und Entlarvung hat, wenn einmal "der Böse", vulgo: der politische Gegner, zur Laterne greift und irgend etwas "aufklärt".

Als vor hundert Jahren mittels Elektrizität die große Beleuchtungssause losging, gab es keine soziale Fraktion, die das nicht begeistert begrüßt hätte. Bald wurde die Nacht zum Tag, und damit weiteten sich die industriellen und kulturellen Möglichkeiten gewaltig aus. Das Unterhaltungsgewerbe kam erst jetzt richtig in Fahrt, verlegte den größten Teil seiner Veranstaltungen, speziell die anrüchigen und degoutanten, in die elektrisch illuminierten Abend- und Nachtstunden. Keinem Kulturkritiker wäre es jedoch eingefallen, deshalb mit aufklärerischem Ingrimm vor Lichtverschmutzung zu warnen.

Wenn sich das heute ändert, so ist das eine klare Folge der Überfütterung mit Licht. Auch der Letzte merkt allmählich, daß "Licht pur" in einer hämischen Kurve zur Finsternis zurückführt, daß das Licht die Finsternis, die Dunkelheit, die Schatten und Halbschatten braucht, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Wir sehen nicht das Licht, sondern nur Beleuchtetes, und wir sehen es einzig deshalb, weil es die Dunkelheit gibt. Erst Licht und Schatten zusammen lassen für uns Welt entstehen. Ein von allen Seiten grell und gleichmäßig angeleuchteter Gegenstand entschwindet aus unserem Auge, sein Vorhandensein muß von anderen Sinnen, in erster Linie vom Tastsinn, bezeugt und sichergestellt werden.

Ein Übermaß an Licht hat physiologisch schlimme Folgen. Es schmerzt, wie jeder Häftling weiß, dem beim Verhör die Verhörlampe ins Gesicht gehalten wird. Man kann mit Licht foltern. Man kann mit ihm sogar (Laserstrahl) die härtesten Substanzen zerstören. Und was für die Physiologie, für die Körperwelt, gilt, gilt für die Psyche, die Seelenwelt, nicht minder. Licht, "Aufklärung" und Laserstrahl allein zerstören. Es muß die Möglichkeit zur Verbergung dazutreten, zur Geheimnis-Stiftung, man muß einen schummrigen Absonderungswinkel haben, in dem man ganz für sich oder mit den nächsten Seinen unter sich bleiben kann.

Unser wichtigstes Kommunikationsmittel, die Sprache, ist ein Medium der Aufklärung wie der Verdunkelung gleichermaßen. Elaborierte Sprechweisen wie Poesie oder Liturgie verbergen mehr, als sie enthüllen. Der Zustand von Informiertheit, den sie herstellen, ist mehr eine geheimnisvolle Annäherung an die gemeinte Sache als "Aufklärung" über sie. Man bleibt im Vorhof der Wahrheit, bekommt eine Ahnung von ihr und begnügt sich damit. Licht und Dunkelheit verharren in ausgewogener Schwebe.

Übrigens ist dieser Schwebezustand zwischen Licht und Dunkelheit auch der im seriösen christlichen Weihnachtsfest angepeilte. Es ist ein Fest des Lichts, darüber besteht kein Zweifel, aber es ist auch ein Fest der Verdunkelung, des Sich-nach-Hause-Begebens in selige, ja, behagliche Schummrigkeit. Die Geburt des Herrn soll kein Laserstrahl sein, sondern ein feines Spiel der Halbschatten. Kein Kirchgänger will ausgerechnet in der Weihnachtspredigt einen zeternden Zeloten auf der Kanzel erleben, der seiner Gemeinde mit Donnerwort ins Gewissen redet und sie über das Elend in der Welt aufklärt. Das wäre wirklich Lichtverschmutzung.

Lichtverschmutzung ist es aber auch, wenn auf den Weihnachtsmärkten die Lichträder allzu aufdringlich kreisen, die Weihnachtsbäume vor Hundert-Watt-Kerzen geradezu strotzen und reiche Spießer ihre Privathäuser in protzige Lichtburgen verwandeln. Zu denken, daß dieser ganze Zauber durch einen einzigen Handgriff im E-Werk oder durch einen momentanen Kurzschluß in schwärzeste Finsternis verwandelt werden könnte, bereitet irgendwie Vergnügen. Wahre Erlösung ist eben kurzschluß-resistent.

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