Concordia

Als Max Bruch im Jahre 1920 starb, da war er sich selbst schon historisch geworden. Das Bismarcksche Deutsche Reich, Thron und Altar waren dahin, der Leu geweckt, Weiber zu Hyänen geworden, Männer zu ihren Schlächtern, und der Gute hatte seinen Platz dem Bösen räumen müssen. Der Guten einer, das war Max Bruch, der preußische Nationalkonservative, der „über alles deutsche Elend der nächsten 50 Jahre“ in eine „bessere Zukunft“ sah, „wo sich dies Volk wieder auf sich selbst besinnen und sich wieder finden wird und muß“. Wie Deutschlands Zukunft, so lag für Max Bruch auch die Zukunft des Komponierens in der Vergangenheit. Doch die Häupter seiner Lieben, der mit ihm verbundenen Musiker und Dirigenten, waren weniger und weniger geworden, und wer noch nicht gestorben war, mit dem hatte es sich der Alte garantiert verscherzt. So richtig reichstreu diatonisch komponierte ohnehin keiner mehr. Auf den an Mendelssohn, Hiller und Schumann orientierten Akademismus, dem sich Bruch bis an sein Lebensende verpflichtet fühlte, waren die Neudeutsche Schule Liszts und Wagners und auf diese die „radikalsten Sudler und Schmierfinken“ Strauss und Reger gefolgt, in den Ohren des Herrn Professor Bruch: „musikalische Sozialdemokratie und Anarchie“. Das also waren die Bösen. Es nimmt nicht wunder, daß Max Bruch 1877/78 jenes Lieblingsgedicht der Deutschen in Töne setzte, Schillers „Das Lied von der Glocke“, dessen Bild von einem Gemeinwesen als „Heil’ge Ordnung“, zusammengehalten durch den „Trieb zum Vaterlande“, in der neuen deutschen Wirklichkeit des 1871 gegründeten Kaiserreichs seine schönste Verwirklichung gefunden zu haben schien. Fast aussichtslos will es heute scheinen, dem Oratorium – Bruch hat eine genaue Gattungsbezeichnung vermieden – seinen wilhelminischen Helmbusch abzuschneiden, ohne zugleich peinlichst zu unterschlagen, daß die Friedensbotschaft seines Schlußgesangs in jenen vor Selbstbewußtsein berstenden Jahren wie eine Drohung klingen mußte und wohl auch als eine Drohung gemeint war. Zumindest diese Botschaft erklang im Juni 1985 in der Dresdner Kreuzkirche ohne drohenden Unterton, dabei durchaus selbstbewußt und kraftvoll. Unter der musikalischen Leitung von Hans-Christoph Rademann gelang es der Dresdner Philharmonie, der Singakademie Dresden und Mitgliedern des Staatsopernchores, imperial auftrumpfende und einfältig liedhafte Teile sorgfältig zu tarieren, auf daß sich Schlegels hämische Worte über das Gedicht, „weil im Takte da klingt alles, was sittlich und platt“, nicht an der Bruchschen Musik bestätigen. Ebensowenig wie die Potentiale gesellschaftlicher Kräfte lassen sich die Potentiale künstlerischer Kräfte durch bloße Addition bündeln. Also führt Rademann Chöre, Orchester, die vier Solostimmen Ute Selbig, Elisabeth Graf, Matthias Bleidorn und André Eckert und den nicht genannten Organisten in eine höhere Ordnung differenzierten Sanges und Spiels, „die das Gleiche frei und leicht und freudig bindet“, zusammen. Wenngleich auch diese Aufführung Bruchs Werk für das Konzertrepertoire nicht zu retten vermochte, so kann ihre Dokumentation auf CD (Thorofon DCTH 2291/2) doch sehr wohl Anlaß geben, über die bloße Rückversicherung hinaus mit Schillers Gedicht in Dialog und Bruchs Musik in Streit zu treten über das Ineinssetzen von menschlichem Lebensgang und dem Werdegang einer Glocke, Gesellschaftsmodelle aus dem Geiste handwerklicher Formgestaltung oder über Terrorangst und Gegenterror musikalischer Schlußapotheosen. Dazu aber müßten wir Schillers Gedicht wieder lernen, Wort für Wort!

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