Joachim Kuhs

 

Behäbiger Sturm und Drang

Helmut Kohl war der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, der zugleich als ihr Geschöpf angesehen werden konnte. Alle seine Vorgänger hatten ihre Sozialisation in einer Zeit erfahren, in der sich noch niemand auszumalen vermochte, daß dieser Staat mitsamt seiner Ordnung dereinst als Zielhafen der Nationalgeschichte angesehen werden würde. Helmut Schmidt wuchs in Erduldung des Dritten Reiches auf und diente ihm sogar als braver Oberleutnant im Weltkrieg. Willy Brandt mußte das Ende der Weimarer Republik als Aktivist der radikalen Linken mit ansehen und setzte seinen emsigen Kampf gegen Hitler in der Emigration fort. Kurt Georg Kiesinger fand arglos in die allzeit fest geschlossenen Reihen der NSDAP, und Ludwig Erhard plante schon im Krieg jenen Wiederaufbau, den er dann, in einer den veränderten Umständen angepaßten Version, maßgeblich ins Werk zu setzen half. Konrad Adenauers politische Anfänge schließlich reichen gar bis in die wilhelminische Ära zurück. Helmut Kohl hingegen ist 1947 erfüllt von Aufbruchsstimmung in die CDU eingetreten und hat seither, was man ihm allerdings schwerlich vorwerfen kann, ein von historischen Kontinuitätsbrüchen und persönlichen Selbstzweifeln unbehelligtes Politikerleben leben dürfen. Schritt für Schritt ist er auf seinem Weg an die Spitze der Politik vorangeschritten, mit Fortune, vor allem aber mit Instinkt und taktischem Geschick. Engagiert er sich in der Kommune, faßt er auch bereits im Bezirk Fuß. Hat er den Bezirk in der Hand, ist er schon im Land präsent. Steuert er das Land, ist er längst ein Faktor in der Bundespolitik. Kurzzeitige Rückschläge verarbeitet er produktiv, indem er ihre Lehren erkennt und beherzigt. Zu guter letzt ist er am Ziel, das sich im Laufe der Zeit herausgeschält hat. Er steht im Deutschen Bundestag und hebt die Finger zum Amtseid. Man schreibt den 1. Oktober 1982, und mit ihm endet der erste Band der Autobiographie dieses Mannes, der in den folgenden sechzehn Jahren, wie man so schön sagt, die Richtlinien der deutschen Politik bestimmen sollte. Es zeugt dabei von einer nicht unbedingt sympathischen Einschätzung der eigenen Bedeutung, daß Helmut Kohl der Vorgeschichte seiner Kanzlerschaft ein eigenständiges und noch dazu schier uferloses Buch gewidmet hat, in dem er überdies kaum etwas preisgibt, was nicht schon längst bekannt oder mit ein wenig Phantasie zusammenzureimen wäre. Zwar erfährt man jetzt zur Abwechslung auch einmal aus erster Hand, daß er Probleme etwa mit Peter Altmeier, Franz Josef Strauß oder Kurt Biedenkopf hatte. Da ihm aber nichts ferner liegt, als den Dieter Bohlen unter den Politikern zu spielen, sind der Informations- und erst recht der Unterhaltungswert auch dieser Passagen seiner Erinnerungen dürftig. Bemerkenswert ist einzig die vorsichtige Distanzierung von Adenauer, als dessen „Enkel“ er doch so häufig gesehen wurde. Kohl erkennt zwar an, daß dieser die Weichen der bundesrepublikanischen Politik richtig gestellt habe, kritisiert aber seine unterentwickelte Sensibilität für die Deutsche Frage. Im Jahr 1955 wäre es die Pflicht eines Kanzlers gewesen, für einen Beitritt des Saarlandes zur Bundesrepublik Deutschland zu plädieren – der Mittzwanziger Kohl hat sich in diesen Monaten, abweichend von der Linie seines Parteivorsitzenden, sogar dazu hinreißen lassen, illegal Flugschriften in das von den Franzosen kontrollierte Abstimmungsgebiet einzuführen. Am 13. August 1961 sei es von Adenauer versäumt worden, ein klares Wort zum Mauerbau zu sprechen, doch schmälert dies selbstverständlich nicht sein Verdienst, durch die Einbindung der Bonner Republik sowohl in die entstehenden europäischen Institutionen als auch – und dies keineswegs konkurrierend – in die transatlantische Verteidigungsgemeinschaft die Voraussetzung dafür geschaffen zu haben, daß es später einmal einen Kanzler der Einheit geben konnte. Es überrascht nicht, daß Helmut Kohl in ebendieser Einheit mehr als bloß unterschwellig seine geschichtliche Leistung sieht. Selbst die Jahrzehnte, in denen es um so biedere Dinge wie Gremienarbeit, Gebietsreformen, Beamtenbesoldung und Hochschulgründungen geht, sind voller wundersamer Fingerzeige auf die große Rolle, die der Hauptperson der Erzählung einmal zukommen wird. Kohl, der sich freut, wie auf einem Parteitag zu Beginn der fünfziger Jahre die dritte Strophe des Deutschlandliedes gesungen wird. Kohl, der mit seiner Familie durch die Ostzone schlendert und mit dem einfachen Volk ins Gespräch kommt. Kohl, der als Oppositionsführer dem kranken Breschnew klarmacht, daß die Deutsche Frage offen ist. Aber natürlich auch Kohl, für den diese Deutsche Frage immer nur eine Frage der Vereinigung von BRD und DDR ist und der für die Vertriebenen zwar viel Lob übrig hat, weil sie sich so hübsch und lautlos integrieren ließen, mit ihren Ansprüchen jedoch nichts anzufangen weiß, weil die Geschichte wohl längst über sie hinweggegangen ist. Helmut Kohl stellt redlich und konsequent nur das in den Mittelpunkt, was er selbst erlebt hat – und das ist bis 1982 gar nicht so viel, wie man vielleicht vermuten könnte. Das Rahmengeschehen wird lediglich dort flüchtig skizziert, wo es zum Verständnis unbedingt erforderlich ist. Die mit dem Autor durchschrittene Epoche erschließt sich dem Leser daher nur sehr selektiv. Kaum eine Banalität alltäglichen Empfindens wird ihm dafür erspart. Die Marotten Kohls ziehen sich leitmotivisch durch das ganze Buch: das Begehren, allüberall immer wieder die Gräber wichtiger Menschen aufzusuchen, die Vorstellung einer Mitte Europas, die mal im Dom zu Speyer, mal auch anderswo zu finden sei, der Spaß an der akribischen Dokumentation von Abstimmungsergebnissen auf Parteitagen, in Parlamenten oder in Fraktionssitzungen, das Bedürfnis, die Wertschätzung für Menschen dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß man ihnen eine tiefe religiöse Bindung unterstellt, der Hang, die immergleichen Textbausteine christdemokratischen Denkens zu immer neuen Grundsatzerklärungen zu kombinieren. So wenig dieser erste Band der Erinnerungen zur Erhellung der Zeitgeschichte beizutragen vermag, so lebendig bringt er dem Leser den Menschen Kohl näher. Darüber hinaus hilft er, besser zu verstehen, wie unsere Parteiendemokratie funktioniert, welche Erlebnisqualität sie ihren Akteuren tatsächlich bietet – und warum die Aufrufe zu mehr Bürgerbeteiligung vielleicht nicht ganz ohne Grund unerhört verhallen. Foto: Helmut Kohl vor seinem Porträt des Künstlers Albrecht Gehse in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, Oktober 2003: Eine nicht unbedingt sympathische Einschätzung der eigenen Bedeutung Helmut Kohl: Erinnerungen 1930-1982. Droemer Verlag, München 2004, 684 Seiten, gebunden, 28 Euro

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles