Lyriker aus dem Buchenland

Paul Celan (1920-1970), deutsch-sprachiger Jude aus dem bukowinischen Czernowitz, gehört zu den bedeutendsten Lyrikern deutscher Sprache (JF 48/00). Ganz gewiß keine Übertreibung ist es zu sagen, daß mit „Der Sand aus den Urnen / Mohn und Gedächtnis“ der wohl wichtigste Doppelband der historisch-kritischen Bonner Celan-Ausgabe vorliegt. Die vorzügliche kommentierte, einbändige Gesamtausgabe von Barbara Wiedemann (JF 46/03) gab, unter Verzicht „auf die Dokumentation von Hinzufügungen und Streichungen (…) die letzte Textstufe als Lesetext“ wieder, wohingegen die Tübinger Gesamtausgabe (sämtliche bei Suhrkamp) Textzeugen – das sind Vorstufen, Manuskripte, Drucke – in exemplarischer Auswahl enthält, also Vollständigkeit weder beabsichtigt noch erreicht. Der Tübinger Band zu „Mohn und Gedächtnis“ soll in diesem Jahr noch erscheinen. Die Bonner Ausgabe berücksichtigt alle relevanten Textzeugen, Manuskripte, Änderungen in den verschiedenen Auflagen und die Korrekturen Celans in seinen Handexemplaren. Weshalb gerade dieser Doppelband so wichtig ist: Paul Celan hatte seinen Gedichtband „Der Sand aus den Urnen“ (Wien 1948) gleich nach Erscheinen zurückgezogen, zu viele entstellende Setzfehler hatte er darin entdeckt, die er selbst nicht zu verantworten hatte, da Freunde die Ausgabe überwachten. Auch war er mit den nicht abgesprochenen Illustrationen von Edgar Jené alles andere als einverstanden: Celan empfand sie als „Beweise äußerster Geschmacklosigkeit“. Die meisten der Gedichte aus „Der Sand aus den Urnen“ gingen ein in den 1952 erschienenen Band „Mohn und Gedächtnis“ (DVA). Diese Information ist deshalb wichtig, weil sie ins Zentrum des dunkelsten Kapitels in Celans Biographie führt. Nach dem Erscheinen von „Mohn und Gedächtnis“ zettelte die Witwe des expressionistischen Dichters Yvan Goll, Claire Goll, eine unheilvolle Debatte an: Celan, der kurze Zeit mit den Golls befreundet war, habe Goll plagiiert, verkündete sie. Sie bezog sich dabei auf Ähnlichkeiten, die sie vor allem zu dem 1951 erschienenen Goll-Band „Traumkraut“ ausgemacht haben wollte. Dabei wurde geflissentlich verschwiegen, daß sich erstens ihre Übersetzung der Gedichte Yvan Golls stark an die von Celan angefertigte Übertragung dieser Poeme anlehnte und zweitens die vermeintlichen Plagiate längst vor der Niederschrift von „Traumkraut“ in Celans eingezogenem Band „Der Sand aus den Urnen“ gedruckt vorlagen. Goll besaß zeitweise ein Exemplar des Bandes. Ihr blieb nichts anderes übrig, als von Publikation zu Publikation den Nachlaß über die Texteingriffe hinaus zu manipulieren, indem sie die Gedichte Golls immer weiter vordatierte. Obwohl der Vorwurf des Plagiats auf die Dichterwitwe zurückfallen mußte, findet er sich bis heute in zahllosen Sekundärpublikationen. Die hier angezeigte Ausgabe zeigt gründlich die Textgenese auf, von frühen Fassungen aus den vierziger Jahren bis hin zu den verschiedenen Veröffentlichungen. Damit ist nun ein solides Arbeiten auf philologisch gesichertem Terrain möglich. Freilich bleiben einige Fragen offen, die das editorische Vorwort nicht beantwortet, was auch nicht unbedingt seine Aufgabe sein kann. Etwa die Frage nach der Auflagenhöhe von „Der Sand auf den Urnen“: Laut Druckvermerk erschienen fünfhundert Exemplare; doch ist solcher Verlagsprosa nicht unhinterfragt zu glauben. Die Verlagsabrechnung benennt eine Auflage von 334 Exemplaren, zu denen Freiexemplare hinzugerechnet werden müssen, andere Quellen sprechen von nur dreihundert Exemplaren. Oder die Frage nach dem genauen Zeitpunkt, zu welchem Celan den Band aus dem Handel ziehen ließ: Der Herausgeber der Bonner Ausgabe, Andreas Lohr, schreibt, daß Celan „sofort nach Erhalt“ der Belege den Band zurückzog. Das erscheint als das Wahrscheinlichste, ein Brief Celans an Max Rychner vom Oktober 1948, einen Monat nach Erscheinen des Buches, bestätigt das. Warum aber finden sich selbst in soliden Monographien ganz andere Daten? John Felstiner beispielsweise suggeriert in seiner Celan-Biographie, der Band sei bis 1952 im Handel gewesen, und selbst Celans Hausverlag Suhrkamp, der es eigentlich wissen müßte, informiert auf seiner Homepage, Celan habe „Der Sand aus den Urnen“ erst 1951 makulieren lassen. Das Daten-Wirrwarr wird noch aufzuarbeiten sein, sei es in einer gründlichen Biographie, sei es in einer umfassenden Chronik zu Leben und Werk; beides nach wie vor Desiderate in der ausufernden Celan-Literatur. Für die verläßliche Textgrundlage zu jeglicher Beschäftigung mit den ersten beiden Gedichtbüchern Celans hat der 1959 geborene Germanist Lohr mit der Bonner Ausgabe gesorgt, und das ist rühmenswert. Jedoch bleibt es unerläßlich für denjenigen, der Celan nicht nur lesen möchte, sondern mit den Gedichten oder über sie arbeitet, sich aller drei Ausgaben zu bedienen: der Tübinger Ausgabe mit dem diplomatischem Abdruck ausgewählter Textzeugen und behutsamer Kommentierung, der Bonner Ausgabe mit dem diffizilen Siglenapparat. Für eine Deutungsannäherung lohnt wiederum vor allem die Edition Wiedemanns, die den Celanschen Wortquellen nachgeht, etwa Anstreichungen und Lesespuren in seiner Bibliothek. Denn Aufschluß über die Entstehung der Gedichte bietet die Bonner Ausgabe nicht. Foto: NRW-Ministerpräsident Franz Meyers (links), sein Kultusminister Paul Mikat (daneben) überreichen am 22. Oktober 1964 den Großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen an (v. l. n. r.) Paul Celan, Ernst Krenek, Emil Steffann und Hans Arp: Einige Fragen bleiben offen Paul Celan: Der Sand aus den Urnen. Mohn und Gedächtnis. Werke. Historisch-kritische Ausgabe, begründet v. Beda Allemann. I. Abteilung: Lyrik und Prosa. Hg. v. Andreas Lohr unter Mitarbeit v. Holger Gehle, i.Verbindung m. Rolf Bücher. Bd. 2-3.1: Text, Bd. 2-3.2: Apparat. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, 149 und 272 Seiten, Leinen, 98 Euro

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