Auf dem Kasernenhof

Der neue Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, fährt in der Geschichtspolitik wie erwartet einen scharfen Kurs. Das erste Ausrufungszeichen hat er mit dem Rückzug aus der Stiftung Sächsischer Gedenkstätten gesetzt. Durch das neue Landesgesetz über die Gedenkstättenarbeit würden die fundamentalen Unterschiede zwischen den NS-Verbrechen – die eine europäische Dimension besäßen – und den stalinistischen Verbrechen in der SBZ/DDR – die eine nationale Dimension hätten – eingeebnet. Mehrere Verbände, darunter die der Wehrmachtsdeserteure sowie der Sinti und Roma, sind Korn gefolgt. Auch die Bundesvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz hat das Übergewicht der Stalinismus-Opfer in der Stiftung beklagt. Achtzig Prozent der Gelder flössen in Gedenkstätten für die Verbrechen, die nach 1945 verübt worden seien. Zu diesen Agenturmeldungen drei kurze Entgegnungen. Erstens: Die Bevorzugung der Stalinismus-Opfer auf dem Gebiet der früheren DDR ist ganz natürlich und richtig, denn auf diesem Themenfeld besteht der größte Nachholbedarf. Bis zum Herbst 1989 wäre in der DDR jeder, der daran zu rühren gewagt hätte, umgehend im Gefängnis gelandet. Auch im Westen galt es, im Zuge von falsch verstandener Entspannungspolitik und eines sich fortschrittlich gerierenden Anti-Anti-Kommunismus, als unschicklich, viele Worte darüber zu verlieren. Mehr noch: Der „Antifaschismus“ war der wichtigste Gründungsmythos des SED-Staates. Er überlebte das Ende der DDR, indem er sich, nach einer kurzen Phase der Irritation, mit der einschlägigen „Gedenkkultur“ der BRD kurzschloß. Den Versuch der sächsischen Staatsregierung, diese Einseitigkeit zu korrigieren, kann man nur begrüßen. Zweitens: Betroffen waren überwiegend harmlose Mitläufer oder völlig Unschuldige. Von den 122.770 Personen, die zwischen 1945 und 1950 auf dem Gebiet der SBZ/DDR in russischen Internierungslagern einsaßen, starben laut „Schwarzbuch des Kommunismus“ 42.889. Und damit war der Schrecken noch längst nicht zu Ende. Zu denen, die in roten Zuchthäusern und KZs verreckten, gehörten sogar Leute, die eben erst dem Terror des NS-Regimes entronnen waren. Ihre „Schuld“ bestand darin, daß sie unter Freiheit etwas anderes verstanden als die Kommunisten. Sie in der Opferhierarchie – ein furchtbares Wort! – hintanzustellen, wäre obszön. Man darf Ermordete nicht danach bewerten, wieviel politischer Nutzwert und Erbauungseffekt sich aus ihnen schlagen läßt. Joachim Fest beklagte während des Historikerstreits die „Empfindungslosigkeit“, mit der man in Deutschland „an irgendwelchen Professoren-Schreibtischen“ darangehe, „die Opfer zu selektieren“. Genutzt hat diese Ermahnung nichts. Drittens: Es ist sachlich falsch, daß die deutschen Stalinismus-Opfer „nur“ eine nationale Dimension hätten. Das besagt schon der Begriff „Stalinismus“. Auf sich allein gestellt, hätte die DDR keine einzige Stunde bestehen können. Sie war bis zum Schluß eine „Sowjetzone“ und Teil des Moskauer Imperiums, wo mit terroristischen Mitteln eine innerweltliche Erlösungsideologie, die auf die globale Herrschaft zielte, verwirklicht werden sollte. Der Kommunismus war neben dem Nationalsozialismus die zweite verheerende Großideologie des 20. Jahrhunderts, chronologisch und an der Zahl der Toten gemessen sogar die erste. Es gäbe für die CDU-Alleinregierung in Dresden also Argumente genug, die Angriffe mit einer Gegenoffensive zu parieren. Da Deutschland in Fragen der Geschichtspolitik aber einem von PC-Wächtern umstellten Kasernenhof gleicht und die CDU den Blockflöten-Part im antifaschistischen Volksfront-Chor längst verinnerlicht hat, werden wir – jede Wette – schon in Kürze erleben, daß sie klein beigibt.

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