Allegorien aus dem anderen Amerika

Amerika, schrieb Elliot Neaman vor kurzem in dieser Zeitung (JF 37/04), beginne „sich in zwei verschiedene Länder zu spalten. Bushs Welt ist provinziell, patriotisch, fromm und traditionell, Kerrys städtisch, kosmopolitisch, säkular und modern (oder postmodern).“ In ähnlich krassen Kontrasten beschreibt der britische Journalist David Aaronovitch seinen Aufbruch in die „anderen USA“ (The Observer, 29. August 2004): „Das demokratische Amerika kennen und mögen wir; wir besuchen seine Städte an der Ost- und Westküste, und seine Experten sind in unseren Medien mit ihrem Kopfschütteln über George W. Bush ständig präsent. Hier in Colorado jedoch herrscht der gegnerische Stamm.“ Andrea Böhm, ehemalige Washington-Korrespondentin der taz und inzwischen leidenschaftliche New Yorkerin, hat sich im Wahljahr 2004 ebenfalls in dieses den Europäern fremde oder gar befremdliche Amerika begeben, wo die Menschen „ihr Steak noch selbst schossen, Dosen-Bier tranken und Monster-Trucks fuhren, während die weichgespülten Mitbürger östlich der Berge Rucola knabberten, Caffé Latte schlürften und im Fitness-Center radelten“. Ihre zehnwöchige „Reise durch ein unbekanntes Imperium“ führt sie von Paterson, New Jersey, quer durch den Süden und Südwesten bis nach Berkeley bei San Francisco – eine Art Oase der liberalen Vernunft – und dann auf einer nördlicheren Route zurück an die Ostküste. Mit journalistischem Gespür für das alltäglich Bizarre sucht und findet sie Begegnungen, die sich wie kleine Allegorien lesen. Von der deftigen Prise Ironie, auf die der Titel „Die Amerikaner“ Appetit macht, ist nur ab und an ein Hauch zu schmecken – wer es würziger mag, muß sich mit dem Rezept für texanischen Kaviar aus Janis Joplins Stammkneipe Threadgill’s in Houston begnügen. Noch ernster allerdings nimmt es Böhm mit der eigenen Befindlichkeit als Deutsche. „Ich war seit Wochen unterwegs, um das Zerwürfnis zwischen Europa und den USA zu erforschen“, wundert sie sich etwa, „und hatte bislang nicht ein böses Wort über mein Land oder meinen Kontinent gehört. Statt dessen strahlte zuerst der Ruhm von Hitlers Raketenbauern auf mich ab, und nun gratulierte mir ein Texaner zum Handwerk deutscher Porno-Regisseure.“ Sie fragt Museumsführer im U.S. Space and Rocket Center in Huntsville, Alabama, nach den Zwangsarbeitern, die Wernher von Braun in Buchenwald bestellte, und den Inhaber einer kleinen Ölfirma in Präsident Bushs Heimatstadt Midland nach Energiesparmaßnahmen, besucht eine Krankenschwester, die einer lukrativen Nebenbeschäftigung als Leihmutter für unfruchtbare Paare nachgeht, eine von der Armee befriedete Chicagoer Problemschule und einen „christlichen Multimedia-Markt“ mitten im Einkaufszentrum, folgt einem Bruce-Springsteen-Lied nach Youngstown, Ohio, in den „Rostgürtel“ und nimmt gleichsam im Vorbeifahren hübsche Metaphern für den Zustand der Nation mit: Als „Alptraum auf drei Etagen – die perfekte Kulisse für einen Endzeit-Film“ beschreibt sie die Industriewüste am Stadtrand von Paterson, die unter Autobahnkreuzen und Einflugschneise liegt, und philosophiert einige tausend Meilen später: „Seit die amerikanische Ökonomie mit ihren manischen Boomphasen und Abstürzen immer mehr einem Kasino glich, boomte der Tourismus in Reno und Las Vegas.“ Herausgekommen ist ein nettes Buch, das keine weltbilderschütternden Erkenntnisse enthält, aber allemal das sehnliche Verlangen weckt, die angehängte Karte als Routenplaner für eine eigene Reise zu nutzen. Die nicht ganz einfache Kunst, englisch Erlebtes in flüssigem Deutsch wiederzugeben, beherrscht Böhm dabei bravourös. Und ihre offenkundige, gelegentlich schon sentimental zu nennende Sympathie für die Modernisierungsverlierer macht sie selber keineswegs unsympathisch. Andrea Böhm: Die Amerikaner. Reise durch ein unbekanntes Imperium. Herder Verlag, Freiburg 2004, 205 Seiten, gebunden, 19,90 Euro

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