Wiglaf, hilf!

Berlin-Beschimpfungen gibt es wie Sand am Meer. Schon vor zwölf Jahren hat Wiglaf Droste, damals Redakteur beim Frankfurter Satire-Magazin Titanic, eine alles andere als satirisch gemeinte Breitseite gegen die Stadt und ihre Bewohner abgefeuert. Ausgerechnet im Playboy schrieb er sich unter dem Titel „Bolle, wie er brüllt und bellt“ seinen Frust von der Seele. „Mit dem Charme eines Mastinos pflügt der Berliner durch seine Stadt, knurrend, bellend und schnappend, chronisch übellaunig. (…) Stumpfsinnig beharrt Berlin darauf, etwas furchtbar Besonderes zu sein, und zeigt sich gerade darin als piefige Provinz-Currywurst-Bude …“ Ähnlich wie der aus Herford (Westfalen) stammende, seit Jahren aber in Berlin lebende Droste haben sich jetzt fünf andere Zugereiste an der Stadt abgearbeitet. „Hier spricht Berlin – Geschichten aus einer barbarischen Stadt“ heißt der programmatische Titel eines Sammelbandes, in dem fünf Feuilleton-Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von ihren Berliner Erlebnissen und Eindrücken erzählen. Ihr Wortführer ist Claudius Seidl, geboren 1959 in Würzburg und vor seiner – offenbar von ihm so empfundenen – Strafversetzung nach Berlin Kulturredakteur beim Spiegel und der Süddeutschen Zeitung. Ihm sekundieren der gebürtige Münchner Georg Diez (Jahrgang 1969), Nils Minkmar (Jg. 1966, geboren in Saarbrücken) sowie die aus Dresden stammenden Peter Richter (Jg. 1973) und Anne Zielke (Jg. 1972). An Berlin – bzw. dem Mikrokosmos der Bezirke Mitte und Prenzlauer Berg, gelegentlich noch Charlottenburg – mißfällt ihnen so ziemlich alles: die Gastronomie, der öffentliche Nahverkehr, Taxifahrer, Verkäufer, Nachbarn. Die knapp 60 Geschichten lesen sich zwar streckenweise recht amüsant, wirken unter dem Strich aber doch allzu bemüht. Wiglaf, hilf! Claudius Seidl, Georg Diez, Nils Minkmar, Peter Richter, Anne Zielke: Hier spricht Berlin – Geschichten aus einer barbarischen Stadt. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, 224 Seiten, 8,90 Euro.

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