Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Wider das harmlose Denken

Seine Schulzeit verbrachte der am 8. Juli 1890 im sächsischen Seerhausen bei Oschatz geborene Hanns Johst in Leipzig. Daran anschließend arbeitete er als Pfleger in den Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel. In München, Wien und Berlin studierte der junge Mann alsdann Philosophie und Kunstgeschichte. Noch als Student meldete er sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges freiwillig und begann nebenbei zu schreiben. Bereits im ersten Kriegsjahr erschien das Drama „Die Stunde der Sterbenden“, zwei Jahre später die Bauernkomödie „Stroh“. Während die deutschen Truppenverbände auf der von Geschossen, Granaten und Minen zerrissenen Erde in Flandern und an der Somme längst in erbarmungslose Stellungskriege verwickelt waren, erschienen 1916 der Gedichtband „Wegwärts“ und nur wenig später „Der junge Mensch. Ein ekstatisches Szenarium“. Tagtäglich mit dem Sterben seiner Kameraden auf den Schlachtfeldern konfrontiert, schrieb Hanns Johst hier einen Satz, der für sein weiteres Leben große Bedeutung erlangen sollte: „Den Manen meiner ersten Freunde! Es ist eine rasende Wollust: jung sein und um die Verzückung des Todes wissen.“ Am Abend des 30. April 1918 saß Bertolt Brecht im Publikum, als in den Münchner Kammerspielen die Uraufführung von Johsts Drama „Der Einsame. Ein Menschenuntergang“ stattfand. Dem jungen Brecht gefiel das Stück, dessen tragischer Held, der genial-depressive Dichter Christian Dietrich Grabbe, sich weder durch seinen profitgierigen Verleger noch durch machthungrige Politiker korrumpieren läßt und schließlich konsequent im Suff endet, überhaupt nicht. Dennoch wird er später genau jenes expressionistische Ideendrama – allerdings unter völligem Verzicht auf Johsts pathetische Sprache und marxistisch-materialistisch verfremdet – als Vorlage für seinen „Baal“ benutzen. In den Revolutionswirren von 1918/19 begann der Spätexpressionismus sich in zwei feindliche Lager zu spalten. Während jedoch Brecht – nicht ohne gewisse Umwege – sich den Kommunisten annäherte, führte Hanns Johsts Weg in die andere Richtung. Ebenso antibürgerlich und, wie auch die radikale Linke, ständig auf der Suche nach einer Erneuerung des Menschen, fand er im revolutionären neuen Nationalismus jener Jahre seine ideologische Heimat. Seine Enttäuschung, daß aus der gescheiterten Revolution nichts anderes hervorgegangen war als die bürgerlich-parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik mit der von ihm als „Schandvertrag“ und „Schmachfrieden“ empfundenen Versailler Ordnung, während die ordnenden Strukturen des Kaiserreichs zerbrochen im Staub lagen, ließ sein menschliches Sinnbedürfnis zunächst ins Leere laufen. Aber Johst war ein radikaler Intellektueller und zudem ein moralischer Abenteurer, dem zwar im neuen Zeitalter der Massendemokratie vorübergehend das Gefühl von Wirklichkeit abhanden gekommen war, der aber das Aufeinanderprallen der Revolutionäre von links und rechts auch als personifiziertes Ende der Aufklärung, als ihre endgültige Selbstentlarvung und Demaskierung verstand. Geistiges Obdach für einen jungen Mann im moralischen Ausnahmezustand, der gerade das Desaster des verlorenen Krieges erlebt hatte und der die politische, wirtschaftliche und soziale Umwälzung nur als eine Umbruchserfahrung des Nihilismus erfassen konnte, bot da jenes Lager, in dem die alteuropäische Zivilisations- und Individualitätskultur abgedankt hatte zugunsten eines brutalen Vernichtungswahns. Wie andere Dichter – Ernst und Friedrich Georg Jünger, Ernst von Salomon, Arnolt Bronnen, Franz Schauwecker und Gottfried Benn – war auch Johst fasziniert von dem ethischen Nihilismus der jungen Nationalisten. Er teilte ihre tiefe Verachtung für die politische Klasse, die das Vertrauen in die Elite zerstört hatte, und er verabscheute die gutmütigen Bürger mit ihrem harmlosen Denken. Das Leben schien ihm ein in gnadenloser Logik angeordnetes Mysterium, und das Höchste, was man davon erhoffen konnte, war, an den geistigen und politischen Vorbereitungen für eine ganz neue Ordnung mitzuwirken. Seit den frühen zwanziger Jahren lebte Johst als freier Schriftsteller in der Nähe von München. In dieser Zeit veröffentlichte er recht erfolgreiche Dramen, Romane und Gedichtbände. Einem vormodernen und – zu dieser Zeit – modischen Irrationalismus das Wort redend, widmete er den 1924 erschienenen Aufsatzband „Wissen und Gewissen“ den „letzten Goten, den Kreuzfahrern, den Schwarmgeistern und Flagellanten, den Freikorps und Sturmtrupps der deutschen Sehnsucht“. In „Thomas Paine“ (1927) huldigte er dem „Ethos der Begrenzung“ und bekannte sich zu einem unbedingten „Glauben“. Mit dem Drama „Schlageter“ (1933), mit dem er dem 1923 wegen Sabotage durch die französische Besatzungsmacht hingerichteten Freikorpskämpfer Albert Leo Schlageter ein literarisches Denkmal setzte, bekannte sich Hanns Johst endgültig zur Ideologie des Nationalsozialismus. „Adolf Hitler in liebender Verehrung und unwandelbarer Treue“ gewidmet, enthält das Stück den wahrlich atemberaubenden – und später fälschlich oft Reichsmarschall Hermann Göring zugeschriebenen – Satz: „Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver.“ Ein Jahr zuvor hatte Johst in dem Sammelband „Klärung. 12 Autoren, Politiker über die Judenfrage“ den Aufsatz „Volk im Volke“ veröffentlicht, in dem er schrieb, daß „der jüdische Geist gar nicht defensiv, sondern zumindest im deutschen Geistesleben aggressiv eingestellt“ sei. Der deutsche Jude denke nicht voraussetzungslos, denn eigentlich sei er weder ganz deutsch noch ganz Jude, er sei „ein Zwischenträger zwischen allen wahrhaften Polaritäten“. Damit hatte sich Johst zwar einen bedeutenden Teil seines moralischen Fundaments entzogen, aber die Belohnung ließ nicht lange auf sich warten. In Berlin machte er zunächst Karriere als Dramaturg und wurde dann als preußischer Staatsrat zum Präsidenten der Reichsschrifttumskammer und der Preußischen Akademie der Künste berufen. Während der Zeit des Dritten Reiches war er nicht nur mitverantwortlich für Berufsverbote gegen mißliebige Kollegen und die – von wenigen löblichen Ausnahmen abgesehen – einseitig nationalsozialistische Tendenz der deutschen Literatur in jenen Jahren, er hielt es auch für angebracht, Hitlers Blitzkriegsstrategie zu verherrlichen. So schrieb er in „Der Dichter in der Zeit“ (1940): „Mit seinen Soldaten schafft der Führer das Reich … Mit seinen Baumeistern meistert er den gewonnenen Raum – und mit euch, durch eure Wortgewalt, ist er gewillt in die Geschichte einzugehen. Diese Stunde, deutsche Dichter, ist das höchste Aufgebot, das die deutsche Nation je er-gehen ließ! Stellt ihm euch! Schafft geistigen Raum und bevölkert ihn mit euren edelsten Werken, daß es eine Lust ist zu leben, daß die tausendjährigen Klagen über das Jammertal endlich verstummen, und das Reich zum Himmelreich werde.“ Es folgten verschiedene Aufsatzsammlungen wie „Erkenntnis und Bekenntnis. Kernsätze aus den Werken und Reden“ (1940), „Hanns Johst spricht zu Dir. Eine Lebenslehre aus seinen Reden und Werken“ (1941), aber auch weihevolle Gedichtbände wie „Die Straße. Gedichte und Gesänge“ (1942) und das Requiem „Fritz Todt“ (1943). Nach dem Ende des Krieges wurde Hanns Johst von den Siegermächten zunächst interniert und erhielt anschließend ein zehnjähriges Publikationsverbot. Nach dessen Aufhebung erschien im Jahre 1955 der Roman „Gesegnete Vergänglichkeit“, der allerdings von der Literaturkritik kaum beachtet wurde. Am 23. November 1978 starb er vereinsamt und vergessen im hohen Alter von 87 Jahren im oberbayerischen Ruhpolding. Hanns Johst, der einen wichtigen Teil seines Lebens unter opportune Bedingungen stellte, war – wie viele andere junge Intellektuelle – fasziniert von den barbarischen Kräften, die das zwanzigste Jahrhundert entfesselt hatte. Er verstand sich als treuer Nationalsozialist und bewunderte die Macht Adolfs Hitlers mit jenem Überschwang, der ihm im Guten wie im Schlechten eigen war. Dennoch ist gerade in seinem Fall die Trennlinie zwischen Idealismus und Ideologie, Ignoranz und schuldhafter Verstrickung nicht so einfach zu ziehen. Über Hanns Johsts Schuld und seinem Scheitern liegt bis zum heutigen Tag ein dichter Schleier des Unaufgelösten.

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