Wassertropfen sind nun mal keine Feuerfunken

Bei allem Respekt für Benjamin von Stuckrad-Barre, ein zweiter Goethe ist er nicht (noch nicht?). Sein soeben verfilmter Roman „Soloalbum“ reicht nicht an „Die Leiden des jungen Werther“ heran. Daran hat letzten Mittwoch auch der „Welttag des Buches“ nichts ändern können, als in einigen deutschen Städten von öffentlichen Podien herunter sogenannte „Lesebotschafter“ Klassiker der Vergangenheit mit thematisch ähnlichen Werken der Gegenwart verglichen und dabei zu dem Schluß kamen, daß sich die Neuen, also zum Beispiel Stuckrad-Barre, sehr wohl mit den Klassikern, also zum Beispiel mit Goethe, messen könnten. Was waren das für „Lesebotschafter“? Nun, es waren nicht einfach Dichter oder Literaturprofessoren, es waren, wie uns die Medien versicherten, „echte Promis“, darunter Nina Ruge, Gerhard Delling, Hellmuth Karasek. Die müssen es natürlich wissen. Trotzdem bleibt es dabei: „Soloalbum“ hat kein Goetheformat, weder als Buch noch als Film. Der (im Film von Matthias Schweighöfer gespielte) Held des Buches, der Popmusik-Redakteur Ben, dem die Freundin davonläuft und der deshalb in allerlei Skrupel verfällt, ist nichts als ein kleiner Quietscher. Die Lächerlichkeit des Vergleichs ergibt sich gar nicht aus dem (verschiedenen oder gleichrangigen) Können der jeweiligen Autoren, sie liegt schon im Genre. Der „Werther“ war ein Feuerfunke, der mitten ins Stroh vertrockneter Konventionen und Üblichkeiten hineinfiel und damit einen europaweiten Flächenbrand der Gefühle und der literarischen Richtungen entfachte. „Soloalbum“ ist nicht einmal ein Knallbonbon, es ist ein kleines Genrebildchen, ein Wassertropfen im Meer der sogenannten Popkultur, den man als einzelnen gar nicht wahrnehmen kann. Der „Werther“ war ein Selbstläufer. Er wurde in vielen Ländern verboten und kursierte vielerorts lange Zeit nur als Konterbande. „Soloalbum“ wird von unseren lieben Promis, die hier sogar als Botschafter auftreten, unter voller Billigung der vereinigten offiziellen Kräfte unter die Leute gebracht. Darin besteht der ganze Unterschied.

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