Statthalter der Poesie auf Erden

Mit dem politischen Vaterlande haben wir längst auch das geistige verloren, und die Art, wie man beides jetzt suchen will, läuft doch auf Schatzgräberei hinaus.“ Ein solcher Schatz tat sich zwei Studenten aus Berlin, Ludwig Tieck und seinem Freund Wilhelm Wackenroder, unvermutet auf, als sie 1793 zum Studium nach Erlangen gingen. Bei ihren Wanderungen durch Franken beeindruckten sie die mittelalterliche Reichsstadt Nürnberg und die katholische Glaubenswelt Bambergs tief. Aus diesem Erlebnis erwuchsen die gemeinsam verfaßten „Herzergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (1797), die vier neue, schöpferische Perspektiven offenbaren: die „Liebe zur Kunst und zur alten Zeit, zum Vaterlande wie zur Religion“. Die Schriften bieten eine kleine Sammlung erzählender und theoretischer Texte zur Kunst, zumeist berühmte Renaissancekünstler wie Dürer oder Raphael betreffend in hagiographischer Stilisierung. Hier zeigt sich eine neuartige Sakralisierung der Kunst und Ästhetisierung der Religion, die in der romantischen Andacht ihren Sitz hat. Der Mensch wird aufgefaßt als kosmische Hieroglyphe: „Die Menschen sind nur die Pforten, durch welche seit der Erschaffung der Welt die göttlichen Kräfte zur Erde gelangen, und in der Religion und dauernden Kunst uns sichtbar erscheinen.“ Natur als lebendiger Organismus, Glaube und Kunst als menschliche Symbolformen sind die Mittler des Höheren, während die Sprache nur der pragmatischen Welterschließung dient. „So halte ich die Kunst für ein Unterpfand unserer Unsterblichkeit“, führt es Tiecks Künstlerroman „Franz Sternbalds Wanderungen“ (1798) weiter aus, „für ein geheimes Zeichen, an dem die ewigen Geister sich wunderbarlich erkennen.“ Der „Klosterbruder“, das romantische „Gründungsdokument“, verdankte sich dem intuitiven Auge zweier norddeutscher Protestanten. Die alten Städte waren ihnen wie „Gesamtkunstwerke“ vorgekommen, „als Zusammenhang regelloser, doch organisch zusammengewachsener Teile gleichsam ein romantischer Naturzustand“ (K. Hermsdorf). Das Gegenbild Berlin, samt seiner praktischen Rationalität und Übersichtlichkeit, verkörperte dagegen der Spätaufklärung führender Kopf, Publizist und Verleger, Friedrich Nicolai. In seiner Literaturfabrik begann nun Ludwig Tieck 1795 seine literarische Karriere als erster deutscher Großstadtautor. Romantische Geselligkeit im Zeichen der Bildungsidee Ludwig Tieck ist am 31. Mai 1773 als Sohn eines kulturell umsichtigen Handwerkers in Berlin geboren. Nach dem Studium und der Autorschaft an Nicolais Fortsetzungswerk „Straußfedern“ kommt er im Herbst 1799 nach Jena, wo sich der Kreis der Frühromantiker eben versammelt: August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Caroline und Dorothea, Schelling, Novalis. Shakespeare spielt eine große Rolle, Italienisch und Spanisch werden eifrig gelernt. Witz, Ironie, intellektuelle Debatte bestimmen das Gespräch im Bannkreis des Philosophen Fichte, sowie der ersten romantischen Zeitschrift, des Athenäum (1798-1800). „Freie, durch keinen äußeren Zweck gebundene Geselligkeit wird von allen gebildeten Menschen laut gefordert“, lesen wir in Schleiermachers gleichzeitiger Schrift. „Der Beruf bannt die Tätigkeit des Geistes in einen engen Kreis“ und bringt nur „Einseitigkeit und Beschränkung hervor. Es muß also einen Zustand geben“, der den individuellen Kreis derart mit den Sphären anderer kreuzt, „so daß alle Erscheinungen der Menschheit ihm nach und nach bekannt und nachbarlich werden können. Diese Aufgabe wird durch den freien Umgang vernünftiger sich untereinander bildender Menschen gelöst.“ Man sieht: Theorie und Praxis romantischer Geselligkeit stehen ebenso wie das künstlerische Projekt des Entwicklungsromans im Zeichen der Bildungsidee, vermittels derer der Einzelne zur Universalität hinstrebt: Erst in der Überwindung bloßer Subjektivität gewinnt er sich als „Individuum“. Diesem starken, qualitativen Begriff von Individualität begegnen wir auch bei Tieck: „Das Individuelle, das Eigne, Originale ist mir (…) an jedem Menschen das Interessanteste“, schreibt er. „Ich meine nicht die Sammlung von Zufälligkeiten oder Angewöhnungen, sondern das, wodurch er gerade dieser Geist und kein anderer ist.“ Schon bei Herder wird das Individuelle positiv gefaßt als Abspiegelung der Gottheit, die sich im Konkreten offenbart. Die Historie als Phänomenologie des Individuellen bringt somit fortschreitend das Unendliche zu konkreter Anschauung. Freilich ist der Mensch nur ein Spezialfall. Individualität wird Völkern, Kulturen und Kunstformen beigelegt. Das heißt, daß es hier um überpersönliche, gleichwohl charakteristische Gestaltformen des kollektiven Lebens geht, in denen sich ein ideeller Gehalt sinnfällig ausdrückt. Tiecks Lebensanstrengung galt Shakespeare Seinen früh verstorbenen Freunden Wackenroder, Novalis, Runge, Solger widmete Tieck über viele Jahre hin sein unermüdliches Gedenken, zumal als Herausgeber ihrer Schriften. Tiecks menschliche und geistige Großzügigkeit, Weite und Bonhommie bezog nun auch ältere Zeiten und weitere Nationalliteraturen ein: der Poet als Philologe. Der Mittelalterforschung gab er den großen Anstoß mit seiner Herausgabe der „Minnelieder aus dem schwäbischen Zeitalter“ (1803), das Interesse für die romanischen Literaturen öffnete er mit seiner Übersetzung von Cervantes‘ „Don Quichotte“ (1801), welcher seinen Freunden als der „romantische Roman“ schlechthin galt. Dessen Mischform mit ihren lyrischen und novellistischen Einlagen, die komplizierte Struktur, die Parodie des Ritterromans, die Ironie, der beständige Kampf zwischen Realem und Idealem, ließ ihn zu einem Vorbild der eigenen Produktion werden. Literargeschichtliche Marksteine setzte Tieck zumal mit seiner langjährigen Textforschung am Nibelungenlied und der Lebensanstrengung, die er Shakespeare zuwandte; sie schlug sich in zahlreichen kritischen Schriften nieder, ab 1825 dann im Unternehmen des Deutschen Shakespeare, dessen Vollendung Tieck 1825-1833 unternahm. Zuhörer feierten ihn als genialen Vorleser Von 1802 bis 1818 hält sich Tieck vielfach auf dem neumärkischen Musenhof seines Gönners Finckenstein auf, bis er 1819 Dresden als dauernden Wohnsitz nimmt. Dieser Aufenthalt bis 1842 wird die Spätromantik und dann das schon dem biedermeierlichen Realismus verpflichtete Spätwerk des Dichters umgreifen. In die Dresdner Zeit fällt auch Goethes Tod (1832). Jetzt wurde Tiecks Haus zum Zentrum der deutschen Literatur, eine europäische Institution sogar, sein Hausherr endgültig zum „König der Romantik“ und Statthalter der Poesie auf Erden. Seine Wohnung am Altmarkt zog Besucher aus ganz Europa an. Mehr noch als seinen Werken indes verdankte Tieck diese Prominenz seiner Genialität als Vorleser, der theatralischen Virtuosität seines Ein-Mann-Theaters. Sein stimmliches und mimisches Talent waren geradezu legendär; sie machten den poetischen Zauberer zum gefeierten Vorleser seiner Zeit. Endlos die euphorischen Augenzeugenberichte über das „Welttheater am Altmarkt“. „Es ist dies ein unbeschreiblicher Genuß; man hört jede Rolle vor dem Ohr in der bestimmtesten Individualität spielen, und zwar weit vollkommener, wie dies auf dem Theater geschehen kann. Zu dem tiefen poetischen Gefühl, das sein Lesen durchweht, kommt noch seine so biegsame, vielseitige Stimme, so daß man nicht daran denkt, daß alle diese Stimmen aus seinem Munde hervorgehen“ (Atterbom). „Kaum mag es je einen größern und zugleich liebenswürdigern Meister des Gesprächs gegeben haben“, resümiert sein erster Biograph Köpke. „Es war nicht das lebendige, leicht und anmutig fließende Wort allein, welches diesen Eindruck machte, es war sein bald tiefsinniger, bald humoristischer Inhalt, diese geistige Durchsichtigkeit, die Bewegung, welche man überall fühlte und die sich dem Zuhörer mitteilte. Was er erzählte, auch das Kleinste, gestaltete sich zum anschaulichen Bild, zu einer mündlichen Novelle.“ Auch literarisch wandte er sich nun der Novellistik zu. Er entwickelte eine Novellentheorie und lenkte sein poetisches Spätwerk auf diese Gattung hin, ästhetisch jetzt schon dem bürgerlichen Realismus und thematisch den sozialen Zeitfragen geöffnet. 1833 kam das Unternehmen des Deutschen Shakespeare ans Ende, die bis heute populäre Schlegel-Tiecksche Übertragung. Abschließend äußert sich Tieck zum grundlegenden Problem der Übersetzung, das die Romantik seit Jahrzehnten beschäftigt hatte: „Die Sprache selbst ist ein Individuum, das seinen Charakter, Geist, Laune, Gemüt und eigentümlichen Humor ausgebildet hat. Es kann also nur Sache des feinsten Taktes und des gebildeten Geschmacks“ für den echten Übersetzer sein, mit sensibler Verantwortung und energischer Umsicht das „Wahre, Notwendigste“ aus dem Original ins eigene Idiom hinüber zu retten. Sein literarisches Schaffen umfaßt fast alle Gattungen 1842 übersiedelte Tieck wieder nach Berlin, wo jetzt Friedrich Wilhelm IV. regierte, der „Romantiker auf dem Thron“, und ihm beste Arbeitsbedingungen bot. Dort lebte er nun umgeben von seiner 30.000 Bände umfassenden Bibliothek. Wir sehen ihn als Dramaturg späte Triumphe feiernd, unermüdlich als Herausgeber und im Gespräch mit alten Freunden wie Alexander von Humboldt – der Prospero einer verdämmernden Kunstperiode. Ludwig Tieck starb am 28. April 1853 und wurde auf dem Berliner Dreifaltigkeitsfriedhof neben Friedrich Schleiermacher begraben; dies zu einer Zeit, als der „Kampf gegen die Romantik“ schon lange im Gang war. Tiecks ausgedehntes Werk zu überschauen, fällt schwer, zumal bis heute keine zuverlässige Werkausgabe existiert. Sein literarisches Schaffen durchspielt fast alle Gattungen und Formen, vernetzt und collagiert diese oft miteinander. Als Lyriker hat er mit Formeln wie der „mondbeglänzten Zaubernacht“ und der „Waldeinsamkeit“ plakative Stimmungswerte der romantischen Ikonographie eingezeichnet und damit bis heute wirksame Klischees mitproduziert. Er hat literargeschichtliche Marksteine gesetzt mit seinen Romanen: Gestaltet er im „William Lovell“ (1796) einen modernen Helden mit „problematischem Charakter“, der an seiner inneren Zerrissenheit zugrunde geht, so entwirft er im „Sternbald“ (1798) den Prototyp des romantischen Künstlerromans im Anschluß an Goethes epochalen Bildungsroman Wilhelm Meister“. Früh schon fällt die ausgedehnte Märchenproduktion in Tiecks Schaffen auf: Er griff alte Legenden und Volksbücher auf, erzählte sie nach, travestierte sie aktualistisch als Zeitsatiren oder komponierte sie szenisch um. Auch reine Kunstmärchen sind ihm gelungen, darunter der seiner poetischen Qualität wegen vielgerühmte „Blonde Eckbert“ (1797). Übernatürliche Mächte brechen ins Drama ein Das Theater hatte stets Priorität für ihn besessen; vor allem als Dramenautor hat Tieck Geniales vollbracht. Sein eigentliches Verdienst auf diesem Gebiet liegt auf dem Feld des experimentellen Theaters. So verfaßte er mit dem „Gestiefelten Kater“ oder der „Verkehrten Welt“ Satiren, die mit der Illusionsästhetik brechen. In ihnen erwachen soziale Umwelt, das Bühnengeschehenspektakel selbst und der Literaturbetrieb zu Eigenleben und greifen als personifizierte Akteure ins Geschehen ein. Die eigentliche Dramenhandlung behauptet sich nur mühsam, entwickelt sich doch durch sie hindurch und an ihr entlang ein zweites Spektakel mit zornig diskutierenden Zuschauern, revoltierenden Schauspielern und verzweifelten Autoren. Das „Spiel im Spiel“ und „Spiel mit dem Spiel“, also den Spielebenen, zerstört die herkömmliche Logik und versetzt alle Komponenten in Reflexivität und Dynamik, erzeugt damit Turbulenzen und Komplexionen, wie sie das absurde Theater des 20. Jahrhunderts angewandt hat. Als Gegenstück zu diesen universalpoetischen Paradoxien aus Laune, Witz und abgründiger Ironie baut Tieck sein gewaltiges szenisches Tableau der „Heiligen Genoveva“ (1799), ein ganz undramatisches Lesedrama, dessen Legendenstoff er dem alten Volksbuch entnimmt, zu dessen Bauform er sich von Calderon anregen läßt. Wie im katholischen Barockdrama gibt es hier einen Einbruch übernatürlicher Mächte, es treten allegorische Figuren auf, alles kreist um Schuld, Gnade, Erlösung. In Kontrast zur erhabenen Architektur der Dramen Schillers wirkte das neuchristliche Mysterienspiel verblüffend und innovativ. Das entspezifizierte „Drama“ bildet vielmehr eine gattungsmäßige Mischform, in der epische und lyrische Elemente stark hervortreten, ja sogar musikalische Töne und malerische Effekte angestrebt sind. Man scheint schon die unendliche Melodie hindurchzuhören, und tatsächlich hat Richard Wagner Jahre später (1847), just als er am Lohengrin arbeitete, Tieck in Berlin besucht. Ein Leben lang war Tieck als Übersetzer, Kritiker, Herausgeber tätig gewesen. Viele Kenner geben dem essayistisches Werk sogar den Vorrang vor dem poetischen. Tatsächlich hob die Romantik die kritische Literatur auf ein völlig neues Niveau. In der Abkehr vom ästhetischen Normativismus der aufklärerischen Regelpoetik haben die Romantiker „Kritik“ zum Verstehen einer Sache aus den ihr ureigenen Prinzipien, ihrem geistigen Kern und ihrer Genese konzeptionell vertieft. Einer Sache kritisch gerecht werden, hieß nun, sie von innen heraus zu rekonstruieren. Doch wäre es zu wenig, im „König der Romantik“ nur den Verfasser seiner vielen Schriften zu sehen: „Über dem Ganzen seines Werkes“, schrieb einst Friedrich Gundolf, „in keiner Einzelheit völlig verfangen, doch in jeder fühlbar, liegt ein unbeschreiblicher Schimmer von geistiger Helle, Weite und Anmut, ein Duft von Bildung und Poesie, angeweht aus den Gärten der Weltliteratur, die er durstig und spielend durchflog, eine persönliche Güte und Ver­bindlichkeit, der Zauber einer durchaus empfänglichen und verschwenderischen Seele.“ Foto: Ludwig Tieck (1773-1853), Lithographie von Ludwig Zoellner nach Carl Kuechler: Ein-Mann-Theater

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