Von Troja nach Bagdad

Als im Jahr 1741 „Deidamia“ uraufgeführt wurde, war das ein echter Mißerfolg, denn schon nach nur drei Aufführungen versank die Oper sang- und klanglos für 200 Jahre in Vergessenheit. Nicht einmal zu einem Skandal reichte es; das Londoner Publikum, der italienischen Opern müde geworden, nahm einfach keine Notiz von „Deidamia“. Für den heutigen Hörer unverständlich, denn Händel hatte die musikalische Charakterisierung der Figuren sorgfältig ausgearbeitet. Die Arien sind von größter Virtuosität und wechseln zwischen zärtlichen Liebesschwüren und grandiosen Wutausbrüchen, zwischen Verzweiflung und Hoffnung hin und her. Der englische Musikhistoriker Charles Burney schrieb schon 1770: „Händels Kraft scheint in ‚Deidamia‘ größer als die irgendeines anderen Opernkomponisten wie Hasse, Graun, Galuppi etc. zu sein. Man findet zwar bei diesen zahllosen Arien, aber nicht jene wohlüberlegte Abwechslung der Gedanken wie bei Händel“. In „Deidamia“ entfernt sich Händel vom Typ der Opera seria, der ersten Oper und nähert sich in einigen Szenen schon der Opera buffa, der komischen Oper an. In „Deidamia“ wird geschildert, wie Odysseus den in Mädchenkleidern versteckten Achill bei König Lycomede sucht. Dem griechischen Helden hatte ein Orakelspruch geweissagt, daß er im Kampf um Troja fallen würde. Doch dem listenreichen Odysseus gelingt es, den verkleideten Achill zu entlarven und zum Kriegszug nach Troja zu begeistern. Lycomedes Tochter Deidamia ist in Achill verliebt und bittet ihn, bei ihr zu bleiben. Auch Odysseus findet Deidamia begehrenswert – was würde Penelope dazu sagen? Trotz der Liebe zueinander wird Achill mit gen Troja ziehen. Das gab dem Regisseur Peer Boysen die Gelegenheit, eine moderne Version der Barockoper auf die Bühne des Deutschen Theaters zu stellen. Dabei scheute er sich nicht, in den deutschen Übertiteln die Griechen als „Kriegstreiber“ zu bezeichnen oder von „Schurkenstaaten“ zu sprechen. Im Libretto findet sich davon nichts. Boysen wollte wohl mit Gewalt eine Parallele zwischen dem trojanischen und dem irakischen Krieg ziehen. Aber all diese Ungereimtheiten verblassen vor Händels wunderbar reifem Spätstil, der von LA Stagione Frankfurt und ihrem Dirigenten Michael Schneider hinreißend interpretiert wurde. In der Titelrolle brillierte Heidrun Kordes mit einem Sopran von engelhafter Zärtlichkeit. Claron Mcfadden als kokette Nerea begeisterte mit halsbrecherischen Koloraturen und munterem Spiel. Der junge Sopranist Michael Maniaci, ein neuer Händel-Star, verzauberte das Publikum mit weicher glutvoller Stimme in der Partie des Odysseus. Der zweite Sopranist Robert Crowe zeigte als Achill stimmliche Stärke und barockgeschulten Stil. Nils Cooper war mit edlem Bariton des Odysseus Begleiter Fenice. Den Lycomede sang Harry van der Kamp mit schwarzem Baß. Enthusiastisch feierte das Göttinger Publikum Sänger und Musiker für diese großartige Leistung.

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