Das Sammeln ist mehr als nur ein Ritual

Einige Naturvölker trommeln Fliegen herbei. Denn wenn Fliegen kommen, kündigt das Regen an. Das nennt man dann ein Ritual. Wirklich bewirken tut es nichts. Auch das Sammeln von Biomüll wird man leicht als ein Ritual bezeichnen können, das in Deutschland seit nunmehr 20 Jahren praktiziert wird. Teebeutel werden dreigeteilt: in Papier, Metall und Kompost. Aus Sicht eines Naturvolkes ist das ein sehr seltsames Ritual. Nicht Regen soll das Biomüllsammeln auslösen, sondern die überquellenden Müllhalden entlasten. Denn in Zeiten der Hochindustrialisierung wird schon lange nicht mehr nur im Kreislauf der Natur gewirtschaftet, wie das in Jahrmillionen Menschheitsgeschichte üblich war. In dem genannten natürlichen Kreislauf aber soll nach heutiger Erkenntnis möglichst viel Müll verbleiben oder in diesen zurückgeführt werden. Denn dann braucht dieser Abfall nicht verbrannt oder zu Bergen aufgetürmt werden. Müllnotstand machte vor zwei Jahrzehnten erfinderisch. Der Erfinder der Biotonne ist der seinerzeitige Kasseler Professor Hardy Vogtmann, der heute Präsident des Bundesamtes für Naturschutz ist. Als erste Stadt hat Witzenhausen die Biotonne eingeführt, damals 500 Stück. Mittlerweile setzen 80 Prozent der Kreise und kreisfreien Städte auf diese Art getrennter Müllsammlung. Im Sommer kommt es manchmal zwar zu Geruchsbildung, Schimmel und Fruchtfliegenschwärmen, die aus der Tonne aufsteigen, wenn man in sie etwas hineinwerfen möchte oder wenn sie von den Entsorgern entleert wird. Das ist vor allem schlecht für das Image der Biotonne. Denn heutzutage muß alles immer sauber sein. Die Geruchsempfindlichkeit ist meist bei Stadtmenschen ausgeprägt, die kaum noch wissen, wie ein richtiger Misthaufen riecht. Etwas Kalk über den Biomüll in der Tonne gestreut, wäre das Problem bereits gelöst. Doch wer macht das? Eher schon wird etwas Pappe hinzugegeben, wenn der Inhalt einen zu feuchten Eindruck macht. Auch das hilft. Größere Schwierigkeiten als das, was aus der Biotonne heraus riecht, bereitet ihren Protagonisten, was daran nicht riecht, aber keinesfalls in den Kreislauf der Natur gelangen soll. Das können im Extremfall auslaufende Batterien sein, oder aber Reste von Insektiziden, die sich etwa auf Zitrusfrüchten befinden. Das Kopfzerbrechen ist deshalb groß, weil neue Grenzwerte eingeführt werden sollen, und zwar niedrigere. Denn der aus dem Bioabfall gewonnene Kompost wird zum Beispiel in der Landwirtschaft als Dünger eingesetzt, ebenso zur Rekultivierung ausgedienter Bergbauflächen. Agrarwissenschaftler behaupten sogar, mit Kompost als Dünger könnten die gleichen Erträge wie mit mineralischen Düngemitteln erzielt werden. Bei Rüben zum Beispiel lägen die Erträge gemäß Langzeitversuchen der Universität Bonn sogar höher, als wenn sie konventionell gedüngt würden, meldete der Deutschlandfunk zum Jubiläum der Biotonne im Juli 2003. Die für 2005 angedrohten Grenzwerte würden dazu führen, daß die landwirtschaftliche Klärschlammverwertung verboten werden müßte. Entsprechendes gelte auch für die Bioabfallverwertung im Landbau. Denn kaum eine deutsche Kompostierungsanlage könnte diese Werte erfüllen. Die vorgelegten Grenzwerte liegen angeblich sogar noch unter den Werten, die von der Europäischen Union für den Ökolandbau vorgeschrieben werden. Fünf Millionen Tonnen Bioabfall werden in Deutschland jährlich in Kompost verwandelt und einer natürlichen Verwendung zugeführt. So gesehen ist das Sammeln von Biomüll mehr als nur ein Ritual. An ein Aus durch Grenzwerterhöhungen mag dann auch niemand so richtig glauben, würde es doch den Bau von Verrottungs- oder sogar Müllverbrennungsanlagen wieder notwendig machen. Es müßte also schon mit einer Verschwörung zugehen, wenn den Deutschen ihre Biotonne abhanden gehen sollte. Nach den in den letzten Jahren immer wieder bestätigten Vorwürfen der Verfilzung von Politik und Müllbranche erscheint diese Befürchtung auf den ersten Blick nicht einmal abwegig. Es betrifft konkret aber immer nur die kommunale Ebene, wenn auch in Nordrhein-Westfalen von landesweiter Dimension, wie kurz vor der Sommerpause eine von der Düsseldorfer Landesregierung eingesetzte Untersuchungskommission offiziell bestätigte. Mag das Zeitungsberichten zufolge dem NRW-Innenminister Fritz Behrens (SPD) bereits die Sprache verschlagen haben, berührt das aber noch nicht die Gesetzgebung im Bund. Gleichwohl wird von dem Verwaltungswissenschaftler Hans Herbert von Arnim in seinen Erfolgsbüchern „Fetter Bauch regiert nicht gern“ und „Das System“ schon seit Jahren angemahnt, auch die legalisierte Verfilzung von Wirtschaft und Politik zu beheben, um rationale Entscheidungen in allen Politikfeldern zu gewährleisten und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

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