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Von der Freiheit einer Filmfigur

Wir schreiben das Jahr 1505. Seit vier Jahren studiert der aus einer Bergarbeiterfamilie stammende Martin Luther (Joseph Fiennes) in Erfurt mit dem Ziel, Jurist zu werden. Als er in einem gewaltigen Unwetter fast von einem Blitz getroffen wird und nur knapp dem Tode entrinnt, entschließt er sich, Mönch zu werden, und zieht sich in ein Augustiner-Kloster zurück. Eine Pilgerfahrt führt ihn 1510 nach Rom, wo Papst Leo X. (Uwe Ochsenknecht) zur Finanzierung des Neubaus des Petersdoms einen schwunghaften Ablaßhandel betreibt. Zurück in Wittenberg ruft Luther zu einer akademischen Disputation über den Mißbrauch kirchlicher Gnadenmittel auf. In 95 Thesen, die er an die Tür der Schloßkirche nagelt, fordert er Rom auf, den Ablaßhandel zu unterbinden. Seine öffentliche Kritik führt schließlich zur Eröffnung des Ketzerprozesses, der mit der Exkommunikation, der Verhängung des Kirchenbanns und der Reichsacht 1521 auf dem Reichstag zu Worms vor Kaiser Karl V. seinen Abschluß findet. Um Luthers Leben zu schützen, läßt ihn sein Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen (Peter Ustinov) scheinbar entführen. Ein ganzes Jahr lebt Luther als Junker Jörg auf der Wartburg bei Eisenach und übersetzt hier das Neue Testament aus dem Griechischen in die deutsche Sprache. Zwar findet seine neue Lehre immer mehr Anhänger, doch der Preis dafür ist hoch. Luthers geistiger Kampf schlägt in offenen Aufruhr um, als aufständische Bauern mit seinem ehemaligen Professor Carlstadt (Jochen Horst) an der Spitze Heiligenbilder zerstören, Kirchen in Flammen setzen und Priester ermorden. Von Luther zur Wiederherstellung der Ordnung ermutigt, lassen die deutschen Landesherren Zehntausende Bauern niedermetzeln. In dieser wohl dunkelsten Stunde seines Lebens begegnet er der nach Wittenberg geflüchteten Nonne Katharina von Bora (Claire Cox), die er 1925 heiratet. Inzwischen hat Kaiser Karl V. die Landesherren nach Augsburg einberufen, um sie dort zur Abkehr von Luthers Lehren zu zwingen. Doch diese lassen sich nicht einschüchtern, und Melanchthon übergibt dem Kaiser das Glaubensbekenntnis der Protestanten, das zum ersten Mal öffentlich verlesen wird. Die Reformation ist nicht mehr aufzuhalten … Eric Tills „Luther“-Film, der am Donnerstag dieser Woche in den Kinos anläuft, eilt gewissermaßen im Schweinsgalopp durch die Geschichte und nimmt es dabei mit der Historie nicht so genau. So hat es ein Treffen zwischen Luther und dem alten Kurfürst Friedrich, bei dem ihm der Reformator seine Übersetzung des Neuen Testaments zum Geschenk macht, nie gegeben. Auch die Freundschaften zu der armen Holzhändlerin Hanna und ihrer behinderten Tochter Grete, zu dem Augustiner-Mönch Ulrich und dem einfachen Maurer Otto sind fiktiv. Und eine der Schlüsselszenen des Films, als Luther Ottos Sohn, der Selbstmord beging, gegen den Willen der Kirche in geweihter Erde beisetzt, ist es ebenfalls. In Wahrheit war es wohl so, daß er sein „Erweckungserlebnis“, die Vorstellung eines gerechten und gnädigen statt eines strafenden Gottes, die zum zentralen Element seines Glaubens wurde, „während Tagen und Nächten der Reflektion über Paulus‘ Römerbriefe“ (Luther) in seiner Zelle im Schwarzen Kloster zu Wittenberg hatte. All dies könnte man dem Film – auch aus dramaturgischen Gründen – noch verzeihen, denn er beruht nun einmal nicht auf geschichtlichen Tatsachen, sondern auf dem gleichnamigen Roman des 1969 geborenen Guido Dieckmann. Was jedoch schwerer wiegt, ist seine einseitige Darstellung des mittelalterlichen Katholizismus, die notorische Verwechslung von Religionsfreiheit und religiöser Freiheit, die Bedienung gängiger Klischees über die römische Inquisition, die im Gegensatz zur spanischen geradezu eine tolerante Veranstaltung war, und eine gewagte Verschiebung der Akzente, Luthers Motivation für seine Rebellion gegen Rom betreffend. In der Tat wurde Papst Leo X. das Wort nachgesagt: „Der Herr hat mir das Papsttum gegeben. Ich möchte es genießen!“ Die Bischöfe gingen auf die Jagd, nahmen ihre Mätressen, es gab spezielle Bordelle für die römischen und auswärtigen Kleriker; die Verhältnisse, die Luther bei seiner Pilgerfahrt in Rom wahrnahm, waren moralisch unter aller Kritik. Er empörte sich über den Ablaßhandel, doch war dies nur der äußere Anlaß für seine Auseinandersetzungen mit der Kirche. Entscheidend war vielmehr seine Ablehnung der Tradition als Glaubensquelle – er anerkannte nur die Heilige Schrift – und seine Ablehnung der Sakramente, abgesehen von der Taufe und dem Abendmahl, die jedoch nach seiner Lehre auch nicht aus sich, sondern nur als Bekräftigungsmittel wirken. Die bischöfliche Sukzession und das von einem geweihten Priester vollzogene Meßopfer galten ihm gar als „götzendienerisch“. Das päpstliche Primat griff er immer heftiger an („Das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet“) und verstand dabei nicht, daß auch die päpstliche Unfehlbarkeit nie etwas anderes als die Unterwerfung des Oberhauptes der Kirche unter die Offenbarung und die Autorität Gottes bedeutete. Für Luther konnte jedoch nur die „unsichtbar“ bleibende Kirche, als Gemeinschaft der Heiligen und in Jesus Christus geglaubt, die Einheit der Christenheit wahren. Und so glaubte er persönlich auch nicht, eine neue Kirche gegründet, sondern nur die alte eigentliche Kirche wiederhergestellt zu haben. Aber während seine Anhänger, der Übersetzung Luthers folgend, „das Neue Testament im Blute Christi“ feierten, beteten die Katholiken – der Tradition folgend – weiter „den Kelch des Neuen und Ewigen Bundes“ an. Damit war das Schisma vollzogen. Es mag von einem Spielfilm zuviel verlangt sein, derartig komplexe theologische Fragen in den Vordergrund zu stellen. Tatsächlich hat heute kaum noch jemand eine Ahnung von der Theologie der Väter oder vermag die christliche Vorstellung von Gott als einem gerechten Vergelter – was übrigens mit Rache nichts zu tun hat – überhaupt zu begreifen. Statt dessen kursieren massenhaft theologische Standpunkte, die keinen Pfifferling wert sind. Insofern tut Gills „Luther“ gut daran, nichts vertiefen zu wollen, wo nichts ist. Doch selbst das „Menschelnde“ in der Person Luthers, dem Joseph Fiennes („Shakespeare in Love“) immerhin überzeugend Gestalt verleiht, kommt nicht so recht zum Zuge. Den sichtbarsten Bruch in seinem persönlichen Leben mit dem Mönchsdasein, seine Hochzeit mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora, vollzieht der Film wie irgendeine beliebige und banale Festivität. Dabei wurde hier die Keimzelle des evangelischen Pfarrhauses geboren, eine bis heute viel zu lange unterschätzte kulturprotestantische Institution. Doch dem Britisch-Kanadier Till, der bereits mit „Bonhoeffer – Die letzte Stufe“ einige ausgeprägte inszenatorische Ungeschicklichkeiten bewies, gelingt es auch diesmal nicht, der Vielfältigkeit seiner Hauptfigur gerecht zu werden. Sein Luther ist abwechselnd ein frommer Mönch, ein wütender Ketzer und ein mutiger Reformator. Aber Luther war auch ein großer Verschwender, der das Beste und Schönste an der Kirche auf den Müll geworfen hat: die Liturgie und die heilige Kunst, ihre wertvollsten Symbole. Luthers Traum einer reinen „Geistkirche“ im Geiste der Gläubigen war bereits in den Exzessen der Bilderstürme nach den Hetzpredigten seines einstigen Lehrers Andreas Bodenstein von Carlstadt zerstoben. „Sie hauen hinein wie in ein Gebüsch und Wald, gleichviel ob sie einen Altar oder Gemälde treffen“, beklagte sich der Schüler voller Schrecken, als er sah, welche fatalen Folgen seine Schriften zeitigten. Im Film steht er dann auch fassungslos vor den Trümmern einer alten Kirche und kann die Grabschändungen und Bücherverbrennungen, an denen er nicht unschuldig war, nicht verstehen. Die letztlich unauflösbare Spannung zwischen protestantischer Freiheit und katholischer Wahrheit konnte Luther nicht aufheben. Der von der amerikanischen Versicherungsgesellschaft Thri-vent Financial for Lutherans und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unterstützte Film „Luther“ kann es noch weniger. Martin Luther (Joseph Fiennes) hält im Mai 1506 seine erste Messe: Das „Menschelnde“ kommt nicht recht zum Zuge

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