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Volk ohne Anwalt

Die Kurden: Das ist ein Volk von geschätzten dreißig Millionen Menschen, mit einem Siedlungsgebiet von annähernd einer halben Million Quadratkilometern, das auf fünf Staaten aufgeteilt ist – Türkei, Syrien, Irak, Iran und Armenien. Der Autor Günther Deschner hat sein Wissen über „das letzte große Volk der Erde ohne eigenen Staat“ nicht an Hotelbars oder im Internet gesammelt, sondern im Land selbst recherchiert und die einflußreichen Repräsentanten dieses „Volks ohne Staat“ befragt. Und das nicht nur einmal, aus einem vom Nachrichtenbetrieb bestimmten „aktuellen Anlaß“, sondern über dreißig Jahre hinweg. Daß diesem Volk – der Zahl nach das viertgrößte im Nahen Osten nach Arabern, Türken und Persern und – bis heute das Recht auf nationale Selbstbestimmung in einem eigenen Gemeinwesen verweigert wird, führt Deschner in erster Linie auf das zynische geopolitische Spiel der Großmächte zurück. Das Spiel begann mit der Errichtung neuer Staaten im Vorderen und Mittleren Orient nach dem Ersten Weltkrieg, als Großbritannien und Frankreich die osmanische Beute nach eigener Interessenlage aufteilten. Nicht nur die zum Aufstand angestachelten Araber gehörten zu den Getäuschten, sondern eben auch die Kurden, die dieser bis heute bestehenden Grenzziehung ihre territoriale Zersplitterung verdanken. Der erstarkenden türkischen Republik Kemal Atatürks, die sich zu mehr als einem Viertel auf kurdischem Boden ausbreitete, wollte nach dem Scheitern der von Großmachtträumen besessenen Griechen niemand mehr entgegentreten. Doch die Kurden in diesem „Nordwest-Kurdistan“, deren PKK die deutsche Öffentlichkeit nachhaltig beschäftigte und mit der kurdischen Problematik konfrontierte, sind nicht Deschners Hauptthema, wenngleich er selbstverständlich auch mit PKK-Chef Abdullah Öcalan mehrfach persönlich gesprochen hat und dem Schicksal der Kurden auf türkischem Staatsgebiet ein knappes und aussagekräftiges Kapitel widmet. Besonders interessieren den Autor die Kurden im Nordirak und im Nordwesten des Irans, die er am besten kennt; im Zentrum seiner Darstellung steht der 1979 verstorbene legendäre Kurdenführer Mulla Mustafa Barsani, den er 1973 am Vorabend seines letzten und größten Aufstandes erstmals getroffen hatte. Der vergebliche Kampf um staatliche Freiheit prägt das Schicksal des kurdischen Volkes im zwanzigsten Jahrhundert. In Persien schien der Einmarsch sowjetischer und britischer Truppen während des Zweiten Weltkrieges die entscheidende Chance zu bieten. Im Januar 1946 proklamierte das von der sowjetischen Besatzungsmacht geförderte „Komitee zur Auferstehung Kurdistans“ die Republik von Mahabad. Moskau ließ sie noch vor Jahresende ebenso fallen wie das in Täbris errichtete stalinistische Marionettenregime. Barsani, der sich der Bewegung angeschlossen hatte und zum kurdischen General aufgestiegen war, erlebte seine erste Enttäuschung. In den sechziger und siebziger Jahren war es der Schah von Persien selbst, der wiederholt die kurdische Karte gegen den gefährlichen Nachbarn Irak spielte. Ausführlich beschreibt Deschner die diplomatischen Ränkespiele der Großmächte mit den regionalen Herren und den kurdischen Unabhängigkeitskämpfern unter ihrem erfahrenen Guerillaführer Barsani. Wir erfahren, wie die irakischen Kurden in einem neunjährigen blutigen Krieg von 1961 bis 1970 ein Autonomieversprechen erkämpften, das vom Bagdader Baath-Regime niemals umgesetzt wurde; wir erleben in der packenden Schilderung des Zeitzeugen Deschner mit, wie Barsani, von Washington und Teheran hinhaltend unterstützt, schließlich in einem weiteren großen Krieg die irakische Armee samt ihren sowjetischen Ausbildern und mitkämpfenden „Beratern“ an den Rand der Niederlage bringt, bevor er im zynischen Spiel von US-Präsi­dent Richard Nixon und seinem Außenminister, dem Metternich-Verehrer Henry Kissinger, um eines günstigen Arrangements im Nahostkonflikt willen kaltblütig fallengelassen und geopfert wird. Deschner schreibt mit kaum verhohlener Sympathie für die Kurden, die zu den ältesten Kulturvölkern der Erde gehören. Vor fünftausend Jahren werden sie erstmals in Keilschriftquellen erwähnt. Sie haben großartige Persönlichkeiten hervorgebracht wie Sultan Saladin, den Eroberer Jerusalems im Krieg gegen die mittelalterlichen Kreuzfahrer, der aus Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit stammte. Das eigene Reich blieb ihnen jedoch bis heute verwehrt. Das hat auch Gründe, die im Wesen dieses Volkes selbst liegen – zu denken wäre an rivalisierende Clans und Loyalitäten, deren Existenz den Feinden Kurdistans immer wieder erlaubte, „Kollaborateure“ zu gewinnen, so wie Saddam Hussein sich gar einen der Söhne Mustafa Barsanis dienstbar machte. Deschner nennt die Zersplitterung als weitere Ursachen für die kurdische Tragödie. Der Richtigkeit seiner These, daß der Traum der Kurden vom eigenen Staat nicht an eigenen Fähigkeiten, sondern an der Weltpolitik gescheitert sei, ändert dies wenig. „In der Interessenpolitik der großen Staaten sind wir auf der Strecke geblieben“, zitiert er den Kurdenführer in einem Interview, das er Deschner im März 1975 gab – sein letztes auf heimatlichem Boden. „Das politische Denken des Westens ist zur Zeit vom Öl vernebelt. (…) Der größte Fehler meines Lebens war, den USA zu vertrauen.“ Sein Sohn Massud, den Deschner als pragmatisch, klug, aber ohne das Charisma des Vaters beschreibt, hat aus dem zweimaligen „Verrat“ der Amerikaner – das Wechselspiel der Instrumentalisierung und taktischen Opferung wiederholte sich bekanntlich 1991 unter Bush senior – gelernt. Von „blindem Vertrauen“ in die USA könne keine Rede sein, sagte er zu Deschner kurz vor Kriegsausbruch. „Jeder muß sich um seine ureigensten Interessen kümmern. Und derzeit liegen eben – was Bagdad angeht – unsere Interessen und die der Amerikaner sehr eng beisammen.“ Auf dem jungen Barsani ruht eine gewaltige Verantwortung: Nüchterne Realpolitik zu treiben in einem nach wie vor feindlichen geopolitischen Umfeld. Günther Deschner: Die Kurden. Volk ohne Staat. Geschichte und Hoffnung. Herbig Verlag, München 2003, gebunden, 349 Seiten, 24,90 Euro

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