Tief in die Beziehungskiste gegriffen

Die verschneite Wildschönau in Tirol, Winter 1982/83: Ingo (Hans Jochen Wagner) und Nadja (Valerie Koch) haben sich auf die einsame Almhütte von Nadjas Eltern zurückgezogen. Es gilt aufzuarbeiten, was die beiden ihre Beziehung nennen: eine offene, versteht sich. Während die schöne Nadja bereits drauf und dran ist, sich umzuorientieren, muß der feiste Ingo, äußerlich gediegener Mittdreißiger, nach zahlreichen Geschichten in anderen Betten nun einsehen, daß seine Felle langsam davonschwimmen. Um so angespannter wird die Atmosphäre, als ein lärmender Haufen Skitouristen in die öde Einsamkeit des Paar-Diskurses einfällt: Freunde von Nadjas Bruder Knut wollen hier eine tolle Woche verbringen, zwei alleinerzogene Kinder inklusive. Allein Knut selbst fehlt. Wie seine bunten Bekannten ist er – irgendwie jedenfalls – „in politischen Zusammenhängen“ unterwegs. Bald dringt die Nachricht auf die Alm, daß „sie“ Knut haben. Die Bullen. Der Staat. Die elende Willkür. Wo Knut festgehalten wird, wer Genaueres wissen könnte, welche Handlungsmöglichkeiten wem offenstehen, interessiert und beschäftigt die Skiurlauber in unterschiedlichem Maße: Der Himmel ist blau, tags lockt Neuschnee wie abends der Wein, und eigentlich wollte man sich ja vergnügen. Während Wolfgang (Drehbuchautor Daniel Nocke), Phänotyp des beleibten, vollbärtigen PoWi-Studenten, Stunde um Stunde am Telefon hängt und notizblockbewehrt mit Leidensmiene im Urlauberplenum die mangelhaften gruppendynamischen Prozesse anmahnt, wissen manche anderen Politik und Privates zu trennen und letzterem den Vorzug zu geben. Die Betten quietschen, doch zwischen Ingo und Nadja wird das Private politisch und zu Dialogen, wie sie Loriot hätte schreiben können: „Nadja, wenn du mit Jan schlafen willst, hast du natürlich alles Recht dazu … Du darfst ruhig rübergehen.“ Eigentlich will Nadja gar nicht: „Du willst, daß ich gehe?“ „Nein. Aber ich habe nicht das Recht, dich zu halten.“ „Also würde es dir nichts ausmachen, wenn ich ginge?“ Als Nadja eingesteht, in den langen Jahren ihrer Beziehung nie einen anderen Mann gehabt zu haben, nicht einmal das Interesse dafür, gerät mit Ingos Gesicht seine Welt aus den Fugen. Warum bloß, und warum habe sie seine eifersüchtigen Vorwürfe diesbezüglich nie abgestritten? Nadja: „Ich kam mir einfach so blöd vor.“ Dem halbwüchsigem Sohn von Birgit, dem stillen, heimlich aber hochaggressiven Lars, dagegen kommt etwas anderes blöd vor: die Männer, vor allem die, die seine Mutter lieben, und das sind viele. In den Augen des Pubertierenden ist er umgeben von weichen Schwächlingen, Männern, die es nicht wert sind, solche genannt zu werden. Wenn’s wenigstens beim Vögeln bliebe, hofft er darum, aber „die zeugen ja auch Kinder“! Der Filmtitel löst sich recht bald im Aberwitz aus: Knuts Festnahme war ein harmloses Mißverständnis, der sonnige Hallodri war nach seiner sofortigen Freilassung ein paar Tage bei Freunden gewesen und platzt lachend in die Hütte, als gerade einmal mehr ein Strategieforum zur Befreiung des vermeintlichen politischen Häftlings anberaumt wird. Und freilich ist der im Raum stehende, nur verhalten geäußerte Vorwurf wegen Knuts Verantwortungslosigkeit gegen das Gebot der Lässigkeit jener Generation, denen die alten 68er-Ideale längst zum bloßen Lifestyle verkommen sind. An Handlung bleibt nun nicht viel in der zweiten Filmhälfte, seziert werden dafür die wohl typischen kommunikativen Prozesse jener Ära zwischen idealisiertem Kommunismus und Konsum. Wer noch den inhaltlich und szenisch verwandten Tykwer-Film „Winterschläfer“ vor Augen hat und nach der Kommunen-Parodie „Zusammen“ vor zwei Jahren unter Gesichtsmuskelkater gelitten hatte, mag den Vergleich mit „Sie haben Knut“ vielleicht scheuen. Dennoch liefern Regisseur Stefan Krohme, mehrfacher Grimme-Preisträger, und Produzent Peter Rommel („Halbe Treppe“) einen durch und durch unterhaltsamen Film. Foto: Nadja (Valerie Koch) und Jan (Markus Sieber): Gruppendynamische Prozesse im Urlauberplenum

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