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Stundenlang wortlos geweint

Am 17. Februar 2003 jährte sich der Tod Ernst Jüngers zum fünften Mal. Immer noch wird der im Alter von 102 Jahren verstorbene Jahrhundertschriftsteller wegen seines angeblichen Militarismus angegriffen oder einfach ignoriert. Auch wenn er sich selbst öfter einmal als „Krieger“ bezeichnet hat, ist dieses Verdikt alles andere als gerecht. Das Erlebnis des Ersten Weltkrieges – Ernst Jünger meldet sich freiwillig und zieht, nach bestandenem Notabi-tur, von Hannover aus an die Front in die Champagne – schlägt sich, schrecklich und berauschend zugleich, in seinem ersten und bis heute erfolgreichsten Buch nieder: „In Stahlgewittern – Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers“. Es erschien 1920 im Selbstverlag und wurde vom Hausknecht der väterlichen Apotheke in einer schnell vergriffenen Ausgabe von 2.000 Exemplaren verpackt und versandt. Jünger blieb nach dem Krieg noch fünf Jahre in der Reichswehr; erst 1923 schied er aus und begann ein Studium der Zoologie und Philosophie in Leipzig und Neapel. In den folgenden Jahren schrieb er mehrere Kriegsbücher und engagierte sich in nationalrevolutionären Kreisen, für deren Zeitschriften er flammende Artikel für eine deutsche Erneuerung verfaßte. Seine anderen Kriegsbücher – „Der Kampf als inneres Erlebnis“ (1922), „Das Wäldchen 125“ (1924) und „Feuer und Blut“ (1925) – finden in der Kriegsgeneration begeisterte Leser. Er nimmt Kontakt mit dem Frontsoldatenbund „Stahlhelm“ auf und arbeitet als Mitherausgeber an dieser und einigen weiteren von den Gedanken einer rechten Erneuerung inspirierten Schriften mit, was zu einer nachhaltigen Angreifbarkeit durch alle führen mußte, denen Parlamentarismus und Demokratie am Herzen lagen. Zweifellos gehörte Jünger nicht zu ihnen, und man hat ihn häufig in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt – sehr zu Unrecht. Als die Nationalsozialisten ihm 1927 ein Reichstagsmandat anboten, verweigerte sich Jünger, weil ihn „der pöbelhafte Stil der Nazis offensichtlich anwiderte“, wie ein kritischer Biograph (Franz Baumer) schreibt. Auch der vom ihm hochgeschätzte Nationalbolschewist Ernst Niekisch, Autor der Broschüre „Hitler – ein deutsches Verhängnis“, schrieb: „Der pöbelhafte Geist der Bewegung vor allen Dingen war es, der ihn abstieß. Jüngers aristokratischer Instinkt war von überzarter Feinheit.“ Nach der Machtergreifung wollte die NS-Führung ihn zum Mitglied der Dichterakademie sowie erneut zum Reichstagsabgeordneten machen. Jünger verweigerte sich wieder. Er verbat sich auch, im Völkischen Beobachter gedruckt zu werden, lehnte Rundfunkinterviews ab und alles, was als Identifizierung mit dem System hätte ausgelegt werden können. Jünger verweigerte sich dem Nationalsozialismus Seine Bücher wurden anfangs in die Soldatenbibliothek aufgenommen und in hohen Auflagen über die Frontbüchereien vertrieben. Dies gilt auch für sein Weltkrieg II-Tagebuch „Gärten und Straßen“ von 1942. Erst ein Jahr nach dessen Erscheinen muß Goebbels oder seinen Zensoren die Stelle aufgefallen sein, die zu einem ernsten Konflikt führte. An seinem 45. Geburtstag, am 29. März 1940, notiert Jünger in sein Tagebuch: „Am Morgen dieses 45. Geburtstages schien die Sonne sehr schön im lichten Pappelhain. Wie immer kam Rehm als erster in die Hütte, gratulierte und stellte Blumen und Orangen auf den Tisch. Dann zog ich mich an und las am offenen Fenster den 73. Psalm.“ Goebbels‘ Büro ließ Jünger wissen, er möge die Erwähnung des 73. Psalms streichen, sonst könne die neue Auflage nicht mehr in die Frontbücherei aufgenommen werden. Man muß den Psalm lesen, um die Empörung zu verstehen, aber auch die Provokation und das geradezu lebensgefährliche Risiko zu begreifen, das allein schon die Erwähnung dieses Psalms wie eine verschlüsselte Botschaft enthält. Im 73. Psalm heißt es unter anderem: „Denn es verdroß mich auf die Ruhmredigen, da ich sah, daß es den Gottlosen so wohl ging. (…)Sie achten alles für nichts, und reden übel davon, und reden und lästern hoch her. (…) Darum fällt ihnen ihr Pöbel zu, und laufen ihnen zu in Haufen, wie Wasser (…) Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glückselig in der Welt, und werden reich.“ Von nun an wird von mehreren Stellen, vom Propagandaministerium bis zur Reichskanzlei, seine Beobachtung und schließlich seine Verhaftung gefordert – ohne Erfolg, weil offenbar durch Hitler verhindert („Dem Jünger geschieht nichts!“), der nach wie vor den Pour le mérite-Träger und tapferen Frontsoldaten, aber wohl auch den brillanten Autor der Kriegsbücher bewundert. Umgekehrt hat die immer deutlicher zu Tage tretende Fratze des Nationalsozialismus Jünger vor der Korrumpierung und der geistigen Unterwerfung unter das System bewahrt. Mit der Erzählung „Auf den Marmorklippen“ (1939) war sein Engagement für den Widerstand zwar verschlüsselt, aber für den aufmerksamen Leser deutlich erkennbar. In der Gestalt des Oberförsters konnten sich wechselweise Hitler und Göring wiederfinden, mit den Schinderhütten antizipierte Jünger die Konzentrationslager („darinnen auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schändung der Menschenwürde und Menschenfreiheit schauerlich ergötzt“). Im Jahr 1942 schrieb die Londoner Literaturzeitschrift 19th Century and After über diesen Roman und damit über Ernst Jünger. „Der Genius Deutschlands hat begonnen, sich selbst wiederzufinden angesichts der Katastrophe – das macht Jüngers Buch zu einem Meisterwerk der Weltliteratur.“ Eine Friedensschrift an die Jugend der Welt Mitten im Krieg verfaßt er eine Friedensschrift für eine künftige europäische Ordnung, gerichtet an die Jugend Europas, an die Jugend der Welt. Gedanken dazu trug er erstmals im Januar 1942 einem kleinen Hörerkreis, der Georgsrunde, im Kasino des Militärbefehslhabers von Frankreich vor. Beendet im September 1943, kursierte der Text in diversen Abschriften. Als Buch veröffentlicht werden konnte die Schrift jedoch erst nach dem Krieg, zunächst 1946 in Holland, später dann im Schweizer Verlag der Arche. Im Jahr 1949 erschienen im Tübinger Heliopolis-Verlag die „Strahlungen“. In diesem Tagebuch leuchtete seine Weltsicht des stereoskopischen Sehens, das Durchsehen durch die sichtbare Wirklichkeit in eine magisch-mythische, wie in einem Transparent auf – das, was Curt Hohoff die „intellektuelle Sinnlichkeit“ nennt. Sie begegnet uns in diesen ersten Nachkriegsjahren in den Reisetagebüchern „Atlantische Fahrt“ (1947), „Ein Inselfrühling“ (1948) und „Am Sarazenenturm“ (1955). Denk- und Traumwelten eines Seismographen Das Geheimnis, die magischen Schnittpunkte von Natur und Geschichte, die Grenzscheiden der Wirklichkeit, vor allem aber die Gefahr, übrigens auch Ekstase und Drogenrausch – so in dem Buch „Annäherungen“ (1970) – ziehen ihn magisch an. Er probiert – gemeinsam mit dem Chemiker Albert Hofmann – Drogen aus und registriert ihre Wirkung auf das Bewußtsein und den unbewußten Eisberg unserer Existenz unter der Oberfläche. Das Risiko ist groß, aber nicht tödlich – ähnlich wie seinerzeit auf der Flucht in die Fremdenlegion, als sich der Achtzehnjährige die Pistole an die Schläfe setzte und den Abzugshahn haarscharf bis zum Druckpunkt durchzog, um die Gefahr zu kosten. Auch die Faszination von Krieg und Feuer, Verfolgung und Gefährdung treibt in jeder Phase aufs neue die Lebensintensität auf die Spitze. In Angst und Schmerz, die in Tapferkeit und Freiheit umschlagen, wenn sie durchgestanden werden, erfährt sich der Autor, der vor allem der Autor seines eigenen Lebens ist. Wer in seinem Werk nach Botschaften sucht, wird wahrscheinlich enttäuscht: Das Medium ist die Message, das Leben, das Tagebuch, der Stil und die bis in die äußersten Grenzen der Vorstellungskraft getriebene Denk- und Traumwelt eines Seismographen inmitten der Erdbeben. Er selbst sagte einmal: „Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen ein. Man kann jedoch die Barometer nicht für die Taifune büßen lassen, falls man nicht zu den Primitiven zählen will.“ In den späten Büchern „Aladins Problem“ (1983) und „Die Schere“ (1990) setzt er sich mit dem persönlichen Übergang aus der Zeit in die Ewigkeit auseinander. Auch hier sieht er schonungslos und unbestechlich dem Schicksal ins Auge, ohne den Tod zu fürchten. Er rät vielmehr, sich „den Tod zum Freund zu machen“. Er, der als junger Mann nicht hoffen konnte, auch nur dreißig Jahre alt zu werden, schrieb schon früh, nämlich in dem Essay „Das spanische Mondhorn“ (1962): „Der Augenblick ist näher als das Jahrhundert an der Ewigkeit.“ So lebte er gleichsam zeitlos, in allen Wandlungen und Widersprüchen mit sich identisch und in aller Identität doch voller Facetten: analytisch beobachtend und ganzheitlich schauend, rational reflektierend und mythisch ahnend, diszipliniert und anarchisch, zart und heroisch, dionysisch rauschhaft und kristallinisch geschliffen, kosmopolitisch und heimatverwurzelt, asketisch und genießend, preußisch traditionsbewußt und prophetisch träumend, Mensch des 19. und wohl auch schon des 21. Jahrhunderts: umstritten gerade unter den Deutschen und wohl unbestritten der deutscheste unter den Autoren seines Jahrhunderts – getreu dem Worte Friedrich Hölderlins aus demHyperion: „Ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre als die Deutschen“. Alliierte Besatzer fuhren mit ihm nach Bergen-Belsen Wohl darum auch ist das Urteil der Nachwelt über Ernst Jünger so uneins. Aber ist es wirklich die gerechteste Perspektive, aus der Position der Wissenden nach dem Ende eines Jahrhunderts, den, der am Anfang stand, für alle Zeiten auf seine Anfänge festzunageln, denen er selbst längst entrückt war? Mehr als alles andere vielleicht belegt dies eine persönliche Bezeugung, die weder in einem seiner Tagebücher noch in der Sekundärliteratur enthalten ist: Ein Freund von mir flüchtete in den ersten Apriltagen des Jahres 1945 als Flakhelfer vor den Panzern der alliierten Sieger bei ihrem Einmarsch nach Hannover auf der Straße zwischen Celle und Hannover in irgendein Haus und versteckte sich auf dem Dachboden. Es war das Pfarrhaus von Kirchhorst, in dem die Jüngers zu dieser Zeit wohnten. Gretha Jünger entdeckte den jungen Flüchtling in seinem Versteck, nahm ihn in die Hausgemeinschaft auf und fütterte ihn mit durch. Jünger wußte nichts mehr von dem Erlebten Der Name Ernst Jünger sagte ihm damals noch nicht viel, aber er kann sich auf einige beeindruckende Gespräche besinnen – vor allem aber darauf, daß Jünger täglich von den Besatzern abgeholt und ins KZ Bergen-Belsen gebracht wurde, damit er mit eigenen Augen die Folgen des Verbrechens sehe. Er sei tief erschüttert zurückgekommen und habe Stunden hindurch weinend und wortlos vor Trauer dagesessen. Als ich Ernst Jünger später mit diesem Freund zusammen besuchte und er ihn an das Erleben jener Tage erinnerte, wußte Jünger nichts mehr davon. Offenbar war der Schmerz zu groß gewesen und das – ohne jeden Zweifel bezeugte – Erleben von ihm verdrängt worden. Der Freund – später Leiter einer großen Stuttgarter Frauenklinik – hätte keinen Grund gehabt, Derartiges zu erfinden. Jüngers Protokolle setzen Distanz und Verarbeitung voraus; wenn die Ereignisse zu nahe rücken, versagt das Instrumentarium der Beschreibung, und das Erleben sinkt ins Unbewußte ab, wirkt dort aber weiter und trägt zur Wandlung des Menschen bei, der solches erlebt. Wen es nicht härter macht, den macht es menschlicher. Foto: Ernst Jünger beim Lesen von Korrekturfahnen, Wilflingen, um 1950: Der Autor ist vor allem der Autor seines eigenen Lebens Prof. Dr. Ulrich Beer , Jahrgang 1932, ist Psychologe und Psychotherapeut. In der JF schrieb er zuletzt über das „Massenschicksal Einsamkeit“ (JF 5/03).

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