Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Sprachpanscher gestoppt

Nach der Wende kamen die „shops“. Was vorher selbstverständlich ein „bolt“ (Laden) war, sollte durch die anglizistische Wiedertaufe zum Symbol des Westens und des Fortschritts werden. Allerdings nahmen die ausländischen Bezeichnungen in der ungarischen Wirtschaft derart zu, daß – ähnlich wie in Frankreich – bis in höchste politische Kreise über einen rechtlichen Schutz des Magyarischen nachgedacht wurde. Während der bürgerlichen Regierung unter Ministerpräsident Orbán (1998-2002) mündeten die zum Teil sehr heftig geführten Diskussionen 2001 in einem „Gesetz über wirtschaftliche Reklame, Ladenaufschriften und sonstige Verlautbarungen in ungarischer Sprache (2001/XCVI.)“. Das sogenannte Reklamegesetz ist seit dem 1. Januar 2003 in Kraft getreten. Der Erlaß sieht vor, daß ausländische Begriffe, die noch nicht als Allgemeingut der ungarischen Sprache gelten, entweder übersetzt werden müssen, oder eine Übersetzung in der gleichen Größe neben der ausländischen Bezeichnung anzubringen ist. Ein „Liquor store“ wird also entweder wieder vom guten alten „Italbolt“ ersetzt oder muß in exakt gleichen Maßen neben dem Anglizismus stehen. Einzige Ausnahme: Wenn es sich um einen registrierten Markennamen handelt, ist eine Übersetzung nicht notwendig – ein „Volkswagen“ wird also auch in Zukunft nicht zum „népkocsi“. Trotz dieser Ausnahmeregelung verzeichnet das Patentamt keine vermehrten Anträge zur Registrierung eines Markennamens. Während der Staat in den ersten Wochen seit Inkrafttreten des Reklamegesetzes die Verstöße nachsichtig behandelt hat, soll jetzt offiziell keine Gnade mehr walten. Ertappte Sprachpanscher müssen ab sofort mit saftigen Geldstrafen rechnen oder gar die Schließung ihres Ladens befürchten. In der Praxis scheint man die offizielle Verlautbarung selbst nicht ganz ernst zu nehmen, denn die vorschriftsmäßigen Maße einer Übersetzung werden nur per Augenmaß kontrolliert, wie die zuständige Behörde versichert. Zudem kann man an von Touristen frequentierten Orten in Budapest, in der westlichen Landeshälfte oder am Balaton kaum Änderungen in der Beschriftungspraxis entdecken. „Wir versuchen zuerst mit den Ladenbesitzern zu reden, wir verweisen zuerst auf das Reklamegesetz, bevor wir mit Sanktionen drohen“, erklärte der Chef des Ödenburger Ordnungsamtes, Rezsö Becher. Der Verbraucherschutz des Komitats Somogy, zuständig für das ganze Südufer des Plattensees, will erst mit Beginn der Badesaison auf die Ladenbesitzer zugehen, da ja zur Zeit sowieso die meisten Geschäfte geschlossen sind. Ebenfalls keinen besonderen Eifer für den Sprachenschutz entwickeln die Mitarbeiter der Verkehrsaufsicht: Man achte nicht extra auf die Fahrzeugbeschriftung, erklärte László Török, sondern werde höchstens bei den üblichen Kontrollen einen zusätzlichen Blick auf etwaige Schriftzüge werfen. „Dabei werden wir nicht streng sein“, so Török, „denn das Reklamegesetz wäre kontraproduktiv, wenn ein Pizza-Taxi nur noch als Rundfladenlieferant bezeichnet werden dürfte“. Liberale: Gesetz ist provinziell und wirtschaftsfeindlich Ähnlich liberal dürften auch die obersten Hüter des Sprachgesetzes eingestellt sein. Ein Gremium, das für strittige Fragen bei der ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) eingesetzt wurde, wird von dem Linguisten Ferenc Kiefer geleitet, der schon 1997 erklärte, daß man eine Sprache nicht durch Verordnungen von unerwünschten Einflüssen bewahren könne. Man könne nicht mit wissenschaftlichen Methoden ermitteln, welche Begriffe schon als integriert gelten: „Hier geht es um Stilfragen – subjektive Eindrücke und Gefühle kann man aber nicht wissenschaftlich verkaufen, und schon gar nicht sollte man sie per Gesetz anderen aufzwingen“, so Kiefer in einer Stellungnahme zum Reklamegesetz. Ein weiteres Problem sehen die Sprachwissenschaftler in der allgemeinen Dynamik der Sprachentwicklung. Was heute noch als fremd erachtet wird, könnte schon nach einem Jahr als integrierter Begriff gelten, meint zumindest István Kenesei, Direktor des Linguistischen Instituts an der MTA. Keneseis Mitarbeiter haben eine Beratungsstelle eingerichtet, bei der ratlose Ladenbesitzer ungarische Übersetzungen für ihre ausländischen Begriffe anfordern können. Besonders problematisch seien die neuen Sportarten: „Squash“ könne man als „Wandball“ weitgehend stimmig übersetzen, aber „Bowling“ sei eben kein „Kegeln“ (ung: Teke), da es sich um zwei verschiedene Spiele handele. Trotz dieser stichhaltigen Argumente dürfte auch die aktuelle politische Landschaft zur Phantasielosigkeit und dem laxen Umgang mit den Sprachpanschern beitragen: Das unter der Ägide der bürgerlichen Orbán-Regierung zustande gekommene Gesetz wurde vor allem von dem Liberalen Bund (SZDSZ) als wirtschaftsfeindlich und provinziell bekämpft. Seit den Wahlen im vergangenen Jahr stellt der SZDSZ mit vier Ministern den kleinen Koalitionspartner in einem Regierungsbündnis mit den Sozialisten (MSZP), es ist daher nicht ausgeschlossen, daß das Reklamegesetz bei nächster Gelegenheit wegen „Ineffizienz“ wieder einkassiert wird. Dabei kann man gerade in Frankreich sehen, daß ein Volk nicht kleinkariert sein muß, nur weil es seine Sprache pflegt. In Mitteleuropa ist man von dieser Einsicht leider noch weit entfernt.

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