Rückkehr zur Ortsfestigkeit

Rüdiger Safranski, bekannt als Autor philosophischer Biographien, zuletzt über Nietzsche (2000), und Co-Moderator des Philosophischen Quartetts, hat mit seiner vorgelegten Kritik an der Globalisierung große Zustimmung erregt. Das ist erfreulich, weil seine Schrift dies verdient, und es ist verständlich, weil dem Autor ein schlanker und doch perspektivenreicher Text literarisch geglückt ist, der den Weg auch zum philosophisch nicht vorgebildeten Leser findet – um so mehr, als seine Problematik uns alle umtreibt. Dabei ist es ihm gelungen, mit großer Eleganz gewichtige Positionen und komplizierte Fragestellungen der Tradition reflexiv einzuschmelzen und als lapidare Motive seinem essayistischen Duktus dienstbar zu machen. Diplomatischem Geschick endlich verdankt sich die unspektakuläre, aber folgenreiche Einarbeitung „umstrittener“ Themen und Autoren, deren nominelle Anrüchigkeit umgangen, deren Substanz um so mehr dafür bestätigt wird. Zehn Betrachtungen variieren und umkreisen das Globalisierungsproblem, reflektieren es aus anthropologischer Perspektive und räumen überraschend mit einigen „zeitgeistlichen“ Dogmen auf, so der wohlfeilen Leidenschaft für Fernethik und „Hypermoral“ oder dem vorgeblichen Anachronismus von Heimat und Grenze. Wie auch Norbert Bolz durchschaut Safranski das aktuelle Globalisierungsgeschehen als undialektische und verantwortungslose Hypostasierung, deren Voraussetzungen wie Folgen undurchschaut bleiben. Dazu gehört die Ignoranz gegenüber dem Plural der „Globalisierungen“ und eine Ideologie, die „Ungleichzeitigkeiten und Entwicklungsdifferenzen“ verdrängt. Solch normativen „Globalismus“ nun zeigt Safranski in drei Varianten auf: als „vulgärmarxistischen“ Neoliberalismus, westlichen Anti-Nationalismus und ökologischen Globalismus. Die Management-Ideologie der Davos-Gruppe wird auf die selbstbezügliche Hermetik ihrer Argumentation hin befragt, dem „Postnationalismus“ die Notwendigkeit, „Mobilität und Weltoffenheit durch Ortsfestigkeit auszubalancieren“ entgegengestellt und den Ökologen bedeutet, nur konkrete Staaten, keine nebulöse „Menschheit“, seien realistisch handlungsfähig im verantwortlichen Naturumgang. Als historisches Modell globalen Denkens erscheint das alte Kosmopolitentum der Aufklärer. Safranski interpretiert es als idealistische „Öffnungs-Klausel“ in einer damals kleinräumigen und erfahrungsarmen Welt. Gerade umgekehrt macht heute das Faktum der planetarischen Integration die Räume eng. So wird die moderne Weltgesellschaft als klaustrophobisches Resultat einer historisch beispiellosen kommunikativen Verdichtung und Sozialisierung der Individuen beschrieben. Mit der APO kann man getrost von „struktureller Gewalt“ sprechen, stellen doch umfassende Politisierung und allgegenwärtiger Ökonomismus als reduktionistische Weltformeln eine effiziente neue Herrschaftsform dar. Die Säkularisierung hat die letzten Fragen in „gesellschaftlich-politische verwandelt“, und der moderne Kapitalismus „weckt die Vorstellung eines letztlich monotonen Universums aus Arbeitshaus, Markt, Geldströmen und Warenverkehr“. Dieses „globale Dorf“ (McLuhan) „ent-fernt“ gerade die Ferne als Weite, nivelliert die Kulturen und entzaubert die Welt als Geheimnis und Tiefe. Dies ein äußeres Korrelat zum Wegfall innerer Transzendenz, dem religiösen Erlösungsmysterium. Demgegenüber sei „es wichtig, zu wissen“, so unverhohlen Ernst Jünger, „daß jeder Mensch unsterblich und daß ein ewiges Leben in ihm ist“. Schon sein „Waldgang“ (1951) argumentierte aktueller Globalisierungskritik nicht unähnlich, entwarf jedoch dagegen das Symbol des Waldes als ein Konzept ursprünglicher Freiheit und esoterischer Verinnerlichung. Auch Safranski geht es um Wald und Lichtung; und er weist sogar darauf hin, daß nach Auslöschung des Geheimnisses das Dickicht jetzt dialektisch zurückschlage als irrationaler Dschungel der Informationen und Zeichen. Auch er will sich nicht an politischen Reformstrategien gegen die eindimensionale Globalisierung beteiligen; das erledigen andere besser. Auch ihm geht es um die Situation des einzelnen. Gleichwohl zieht er nicht Jüngers oder Heideggers radikalen Konsequenzen. Zwar plädiert er wohltuend für einen kulturellen „Immunschutz“ des Körpers und Geistes statt „allseitiger Öffnung“ und empfiehlt gegen „globalistische Hysterie“: Verlangsamung, Eigensinn, Ortssinn, Abschalten und Unerreichbar-Sein. Gewiß ist am Ende nur derjenige souverän, „wer selbst darüber entscheidet, worin er sich verwickeln und was er auf sich beruhen läßt“. Doch votiert er selbst schließlich für einen Bildungsindividualismus als persönliche Kultur und letzte Weisheit. Nun besaß das humanistische Bildungsideal eine ehrwürdige Tradition seit der Renaissance und einen auratischen Glanz im deutschen Idealismus. Gegenüber der subjektiven Willkür und Kontingenz des postmodernen „Individualismus“ in der Massengesellschaft war der bürgerliche Individualitätsglaube ein „patrizisches“ Ideal, das anspruchsvolle Programm allseitiger Entfaltung der Person zu „konkreter Totalität“ und umfassender Selbstorientierung in der Welt. Das zwanzigste Jahrhundert hat freilich dies nicht demokratisierbare Ideal aus vielerlei Gründen zerstört. Mag es heute noch einen Residualwert als Fluchtpunkt privaten Glücks bedeuten, als objektive Kulturform ist es verschwunden. „Bürgerliche Bildung“ war als Geistesgestalt der Neuzeit von deren Voraussetzungen abhängig und verfiel gemeinsam mit dem „bürgerlichen Interim“, wie Marx es prophezeit hatte. So hat die Moderne „sogar noch diesen Glauben, den Humanismus im öffentlichen Bewußtsein getötet und das Leben ohne jede metaphysische, geschichtliche oder natürliche Autorität und Verheißung (…) zum praktischen, ja politischen Postulat erhoben.“ (H. Plessner) Das Ende der Persönlichkeitskultur haben schon in den Zwanzigern feindliche Intellektuellenfraktionen wie Ernst Jünger oder Bert Brecht erkannt. Nachdem auch die sozialistische Utopie von der Geschichte erledigt ist, könnte uns jetzt nur die Vision einer menschlichen Tiefenschicht, einer „übergeschichtlichen Urgeschichte“ weiterführen. Würde der spätmoderne Mensch das Individuelle selbst verlieren, fände sich in diesem „Heiligtum des Waldes“ doch vielleicht ein Unzerstörbares: die Quelle, der Reichtum alter Bilder, das ursprüngliche Wort. Bis dahin aber kann uns Safranskis informierender und inspirierender Essay als freundschaftlicher Kompaß in der Globalisierungswüste dienen. Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Carl Hanser Verlag, München 2003, gebunden, 120 Seiten, 14,90 Euro

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