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Querkopf mit Giftspritze

Die Stadt Bad Homburg v. d. H. ragt als Höhepunkt der gegenwärtigen deutschen Städteniedertracht gleich wie die gleichsam verlotterte Offenbarung der allgemeinen landesüblichen Verdüsterung, Verrohung und Verwahrlosung zugleich. Intellektualgemeinheit und Infernalverrottung reichen in Bad Homburg einander die Hand zum tödlichen Bündnis schwerster Verstörung im Kainszeichen verruchter Integralinfamie. Lärmende Widernatürlichkeit geht einher mit verheerender Irritation, Stumpf- und Starrsinn paaren sich mit Heimtücke und größter Verschlamptheit. Wenn man die Gemeinheit dieser Stadt und der sie bevölkernden Einwohner und Bewohner mit beider Fürchterlichkeit und Verderbtheit vermißt und verrechnet, so kommen wir sofort und unwiderruflich in den kompletten Schwachsinn, in die absolute Geistesschwäche und ins vollkommene Verbrechen.“ „Erledigte Fälle“ nannte Eckhard Henscheid jene ursprünglich für die Titanic geschriebenen Fetz- und Finsternis-Orgien, in denen die unsäglichsten und „quatschnasigsten“ unserer heimatlichen Medien- und Polit-Zombies ihr wohlverdientes Fett abbekamen. Irgendwie geriet da zwischen Hildegard Hamm-Brücher („Krampfhenna“), Marcel Reich-Ranicki („Unser Lautester“), Hanns Dieter Hüsch („Der Al-lerunausstehlichste“), Gerhard Zwerenz („Halunke No.1“), Hans Küng und Dorothe Sölle („Zwei starke Theologen“) und die von Henscheid mit besonderer Lust und Verve auf die Schippe genommene und als „Ruise Linser“ oder – noch besser – „Ruile Nieser“ verballhornte Luise Rinser („75 Jahre“) der wunderschöne Haßgesang „Saustall Bad Homburg“, mit dem wir jedoch zunächst nicht so recht etwas anzufangen wußten, bis uns Armin Mohler in Criticón aufklärte, daß wir einer grandiosen Thomas Bernhard-Parodie aufgesessen waren. Aber Henscheid, 1941 im oberpfälzischen Amberg zur Welt gekommen und in sehr jungen Jahren in einer der 23 Amberger Kirchen als Meßdiener tätig gewesen, ist ohnehin ein Meister der Camouflage. Parallel zum Studium der Germanistik und Zeitungswissenschaften in München sammelte er erste journalistische Erfahrungen bei der Amberger Kreisausgabe der Mittelbayrischen Zeitung. Mit einer Arbeit über Gottfried Keller schloß er als Magister Artium 1967 das Studium ab, zur gleichen Zeit entstand unter dem Pseudonym Hans Eckhard Sepp der erste Roman „Im Kreis“, der jedoch nur als Privatdruck erschien. Ein purer Zufall führte ihn in die Metropole Frankfurt am Main und hier zur Satire-Zeitschrift Pardon, in deren Redaktion jene Kräfte herrschten, die als „Neue Frankfurter Schule“ (gegenüber der alten, Adorno/Horkheimerschen) zu „Deutschlands erfolgreichster Boygroup“ avancierten: Chlodwig Poth, Hans Traxler, F. K. Waechter, F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Peter Knorr. Ende der Siebziger gehörte Henscheid für kurze Zeit der Gründungsredaktion von Titanic an. Doch das „stil- und schulbildendste“ Mitglied der NFS hatte inzwischen eine publizistische und literarische Bandbreite erreicht, die von schwebeleichten Essays und Feuilletons („Sudelblätter“, „Die Wolken ziehn dahin“) über musiktheoretische Aufsätze („Verdi ist der Mozart Wagners. Ein Opernführer“), kleinteilige Polemiken, anekdotische Parodien („Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte“), Fernseh- und Hörspiele, die sich wie seine Sammlung „Unser Goethe“ häufig mit der Weimarer Klassik auseinandersetzten, bis zu Fußball-Dramoletten („Standardsituationen“) und poetischer Prosa („Dolce Madonna Bionda“, „Maria Schnee. Eine Idylle“) beinahe alle Textgattungen auf vorzügliche, vor allem aber unnachahmliche Weise abdeckt. Henscheid identifiziert sich heute übrigens am wenigsten mit der NFS. Als seinen sieben Mitschülern von damals kürzlich im Frankfurter Römer der Binding-Kulturpreis 2003 verliehen wurde, war der vor preisverteilenden Juroren, überschätzten Literaturkritikern und dummschwätzenden Talkshow-Moderatoren notorisch fliehende Schriftsteller nicht mit von der Partie. Henscheids Werk deckt fast alle Textgattungen ab Wie auch immer, jedenfalls können endlich sowohl die eher kanonfesten Intellektuellen und auch die naiven Fans Henscheids aufatmen. Zu Beginn dieses Jahres hatte sich der Meister zur Eröffnung seiner Werkausgabe entschlossen. Eine Wahnsinnsarbeit, wenn man allein das Korrekturlesen von 15.000 Seiten bedenkt. Dreißig Bände soll das Gesamtwerk umfassen, die ersten drei liegen inzwischen bereits vor. Natürlich beginnt alles mit der populären „Trilogie des laufenden Schwachsinns“, die der Autor gemeinsam mit einem Leser mit Erläuterungen angereichert hat. Hinzu kommen eine Editorische Notiz und beigelegte Illustrationen von F. K. Waechter, R. Gernhardt und F. W. Bernstein. Über die einzelnen Bände der Roman-Trilogie muß man eigentlich nicht mehr viel sagen. Die Auflagenhöhe spricht für sich. Nur soviel: In „Die Vollidioten“, einem „historischen Roman aus dem Jahr 1972“, der im Frankfurter Nord-end spielt, passiert im Prinzip recht wenig, außer daß einer der Protagonisten einmal einen „Verein zur Abschaffung der Sexualität wegen unerträglicher Trivialität der dabei anfallenden Vorgänge“ gründen wollte, es dann aber doch lieber bleiben ließ und der Ich-Erzähler von der lokalen Glasreiniger-Innung für einen nie angefertigten Schriftsatz einen Scheck über 550 Mark ausgestellt bekommt. Schon etwas höher her geht es da im zweiten und besten Band der Trilogie „Geht in Ordnung – sowieso – genau“. Zwar gibt die in Philosophiegeschichte besser bewanderte Fraktion der intellektuellen Henscheid-Fans dem dritten Band „Die Mätresse des Bischofs“ eindeutig den Vorzug. Dieses Urteil vermag das Lesevergnügen nicht zu trüben, wenn Alfred Leobold, der Geschäftsführer des ANO-Teppichladens (lat. ano: „im Arsch“) und sein ebenso versoffener Untergebener Hans Duschke („Ich bin der siebtbeste Teppichverkäufer der Welt!“) hier irgendwo in der fränkischen Provinz in „einer Art Großbaracke, vollgepfropft mit mächtigen Ballen, Rollen und sonstigem Teppichbodenzeug – dem letzten Humbug“ tagsüber ihr Unwesen treiben und – nur ab und zu unterbrochen von in den Laden eindringender Kundschaft – mächtig dem Alkohol zusprechen und sich ansonsten gegenseitig in außerordentlicher Haßliebe zugetan sind. Bei Sechsämtertropfen, Knaddel-Daddel, Strohrum und allerlei dunklen Altweiber-Likörchen treffen sich die Herren dann abends zur Schlachtplatte mit Freunden und Bekannten im Gasthaus Blödt, in der „Glückauf“-Wirtschaft oder im „Seelburger Hof“, der nicht zufällig in der Gasse „In der Brüh“ liegt. Hier regieren dann Wein, Weib und Gesang, und während Moppel, der Erzähler, immer noch an seinem erotischen Desaster mit den beiden Schwestern Sabine und Susanne laboriert, besorgt sich Alfred Leobold, seines Geschäftsführer-Jobs und gleichzeitig seiner Gemahlin verlustig gegangen, zudem an Lunge, Leber, Magen und Niere erkrankt, einen Revolver, um das irdische Jammertal endgültig hinter sich zu lassen. Bei jedem anderen Autor als Henscheid wäre dies zur bloßen Spießer-Klamotte mißraten, aber hier wird daraus eine minutiös beobachtete Tragikomödie, in der noch die lächerlichsten und traurigsten Gestalten unversehens zu Helden des Alltags werden. Der zweite Band der Werkausgabe enthält neben der „Mätresse des Bischofs“, dem letzten Teil der „Trilogie“, den Roman „Im Kreis“. Dabei handelt es sich wie bereits erwähnt um einen Erstling, ein noch nicht ganz offizielles Debut-Romanwerk, eine Art Opus Null des Autors, von dem bislang – titelgerecht – nur ein paar Exemplare im engsten Freundes- und Bekanntenkreis zirkulierten. Zwar werden manche Leser in ihm wohl eine Vorfassung der „Vollidioten“ wähnen, aber das Werk spielt nicht im Umfeld der „Neuen Frankfurter Schule“, jenem „ironischen Hort des Guten, Wahren, Schönen“ (Wolfgang Schneider) und überhaupt der Main-Metropole, sondern ganz eindeutig in München. Der dritte Band schließlich versammelt die „Polemiken“, mit den eingangs vorgestellten „Erledigten Fällen“, den „Briefen an die Leser“ (aus der Titanic – 1979ff.), den „TV-Zombies“ (mit F. W. Bernstein), den einzigartigen „Sudelblättern“, die Mitte der achtziger Jahre immerhin 19 Wochen lang in der Zeit erscheinen konnten, bis der Gräfin schließlich endgültig der Kragen platzte, den „Worten der Woche“ (mit Oliver Maria Schmitt), dem die notorischen Frankfurter Rundschau-Leser in schöner Regelmäßigkeit alle vier Wochen folternden „Gewäsch des Monats“ und den immer noch von Altersmilde verschonten „Wahrworten des Monats“. Henscheids bösartige Porträts all jener berufsmäßigen Schleimproduzenten, professionellen Dumpfbacken und Weltmeistern des politisch-korrekten Dummgeschwätzes und leimigen Betroffenheitsjargons zeugen von geradezu messerscharfer Beobachtungsgabe und genialischer Querköpfigkeit. Grausame Strafgerichte sind das, die der allüberall vorherrschenden Mediokrität, Peinlichkeit, Verschnulzung und Verkitschung, ja dem ganzen lächerlich Seichten und faselnd Bauernfängerischen des deutschen Medien-, Kultur- und Politbetriebs ebenso unfreundlich wie unmißverständlich in die Parade fahren und die Meinung geigen, daß – der klapsmühlenverdächtigen „Entfeindungskultur“ (W. Thierse) und der dümmlich schlingernden „Schamkultur“ (H.-E. Richter) zum Trotz – die Fetzen nur so fliegen. Da bleibt zum Schluß nur ein einziger Wunsch offen: Bitte mehr davon! Werner Olles Eckhard Henscheid: Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Zweitausendeins, Frankfurt am Main, je Band 25 Euro.

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