Patrioten und Nicht-Patrioten

Die Welt der amerikanischen Neokonservativen ist schön übersichtlich: Auf der einen Seite stehen die, die im Schulterschluß mit den USA weltweit für Frieden, Demokratie und die Menschenrechtsvision eines Martin Luther King kämpfen. Auf der anderen finden sich nur Terroristen, Nazis und Neandertaler. Im Leitartikel der aktuellen Ausgabe der National Review führt David Frum einen heftigen Schlag gegen alle, die nicht links sind, aber dennoch nicht fahnenschwingend in den Krieg ziehen wollten. Patrick Buchanan und Richard Novak, sowie eine ganze Reihe Publizisten und Wissenschaftler (darunter auch der Autor dieser Zeilen), seien „unpatriotische Konservative“, wie die Überschrift seines Artikels verkündete. „Das hätte niemals sein dürfen: Einige der führenden Personen der Kriegsgegnerbewegung nennen sich ‚Konservative'“, schimpft Frum, der bis vor wenigen Wochen noch Redenschreiber im Weißen Haus war und als Wort-Schöpfer der „Achse des Bösen“ gilt. Frum spickt seine Abrechnung mit Zitaten aus Buchanans Aufsatz „Whose War?“, der wohl an ein Tabu rührte. (Eine deutsche Übersetzung dieses Textes erschien vergangene Woche exklusiv in der JUNGEN FREIHEIT.) Vor kurzem hat es den demokratischen Kongreßabgeordneten Jim Moran erwischt. Ihm war bei einer Diskussion herausgerutscht, die „jüdische Gemeinde“ in der USA sei die treibende Kraft hinter den Kriegsvorbereitungen gewesen. Nach schriller Kritik auch aus der eigenen Partei mußte Moran seinen Hut nehmen. Im Weekly Standard, einer der Regierung eng verbundenen Zeitschrift der „Neocons“, schreibt Jonah Goldberg nun, zwar gebe es einige amerikanische Juden, die kräftig auf den Krieg hingearbeitet hätten, doch läge der Grund nicht in ihrer Beziehung zu Israel. „Vielmehr sind die moralischen Argumente so, daß amerikanische Juden wie fast alle anderen auch – ungeachtet sonstiger ideologischer Differenzen – von der Sache des Präsidenten überzeugt sind. Eine anschwellende moralische Welle hebt alle Boote, auch die jüdischen.“ Mit Ausnahme der Evangelikalen gibt es in den USA wohl keine Gruppe, die sich ähnlich wie die Juden um Israels Schicksal kümmern. Häufig wird behauptet, Israel sei „die einzige Demokratie des Nahen Ostens“ und daher besonderer Aufmerksamkeit wert. Aber glaubt Goldberg wirklich, daß seine Freunde Israel deshalb lieben, weil es so eine mustergültige Demokratie ist? Die Realität ist etwas komplexer: Israel basiert als Staat auf dem Prinzip der Ethnizität und hat mit linksliberaler „Diversität“ nicht viel am Hut. Es gibt zahlreiche Belege dafür, wie die politisch-militärische Führungsschicht Christen und Muslime vom öffentlichen Leben ausschließt. All das ist Sache der Israelis, und sie mögen damit sogar recht haben. Aber Amerikas Neocons sollen nicht lügen, indem sie Israel zu einer „modernen Demokratie“ stilisieren. Alle Versuche, die israelische Rechte als rein defensive, global denkende Demokraten hinzustellen, sind atemberaubend unehrlich. In diesem Lager geben ethnische Nationalisten den Ton an, deren weltanschauliche Wurzeln in der explizit expansionistischen Heirut Partei und dem Revisionistischen Zionismus der Zwischenkriegsjahre liegen. Wie der Historiker Renzo De Felice in seiner Geschichte der italienischen Juden zeigt, gab es unter den historischen Vorfahren des Likud-Blocks eifrige Bewunderer Mussolinis, die im faschistischen Italien trainierten, um ein Großisrael zu beiden Seiten des Jordans zu errichten. Diese Leute machten keinen Hehl aus ihrer Ansicht, daß die Araber (wie die Abessinier, die Mussolini eroberte) ihren zukünftigen Eroberern rassisch unterlegen seien. Während des Zweiten Weltkriegs gab es gar Teile der zionistischen Rechten, vor allem die paramilitärische Organisation Irgun Tsvai-Leumi, der die späteren Premierminister Begin und Shamir verbunden waren, die selbst von Nazi-Deutschland Waffen annahmen, um die Engländer aus Palästina zu werfen. David Yisraeli diskutiert diese Phase der zionistischen Rechten in seiner Monographie „The Palestine Problem in German Politics“ (Ramat Gan, 1974), und der Militärhistoriker Amos Perlmutter widmet ihr beträchtlichen Raum in seiner Biographie „The Life and Times of Menachem Begin“ (Doubleday, 1987). Neocons wie Peter Beinert, David Horowitz und Charles Krauthammer sind stets empört über Vorwürfe eines „Apartheidregimes“ in Israel, denn zwischen den global denkenden Demokraten der israelischen Rechten und den üblen Südafrikanern bestehe ein Riesenunterschied. Allerdings ist es geschichtliche Haarspalterei, die engen Beziehungen der israelischen Regierung zur prä-ANC-Herrschaft zu leugnen. Man beachte bitte, daß ich diese Bemerkungen sicher nicht als Gegner Israels mache, sondern um die Nebelschwaden der neokonservativen Heuchelei zu durchstechen. Die Zuneigung vieler Neocons zur „einzigen Demokratie des Nahen Ostens“ ist nicht rein philosophischer Natur. Buchanan hat in seinem Essay in The American Conservative nochmals auf die Beratungstätigkeit einiger neokonservativer US-Regierungsmitglieder für die israelische Rechte hingewiesen. Richard Perle und David Wurmser unterbreiteten dem damaligen israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu detaillierte Pläne für eine Reihe von Kriegen mit diversen arabischen Ländern, um „das Herrschaftsgebiet sicher zu machen“. Dieselben Pläne liegen heute auf Bushs Tisch und laufen unter dem Titel „Demokratisierung der Region“. Angesichts solcher Querverbindungen kommen schnell Vorwürfe der „Strippenzieherei“ auf, wie sie Goldberg beklagt. Doch niemand, der bei Sinnen ist, würde behaupten, alle amerikanischen Juden kollaborierten mit einem Richard Perle oder Bill Kristol. Es gibt aber eine Konvergenz der Interessen, bei der die Neocons eine Schlüsselrolle spielen. Sie kontrollieren heute fast alle „konservativen“ Think Tanks, die „konservativen“ Fernsehsender, das Wall Street Journal, die New York Post und verschiedene andere Großzeitungen, dazu noch fast jede Zeitschrift und jedes Magazin, das konservativ zu sein vorgibt. Das heikle Thema „Einwanderung“ ist deshalb von der Agenda der konservativen Bewegung verschwunden, weil die Neocons jede Opposition zu ungehinderter Einwanderung mit „Nativismus“ oder Antisemitismus assoziieren. Es bräuchte dicke Bände zu erklären, wie die Übernahme der Rechten durch die Neokonservativen vonstatten ging, aber eine „jüdische Verschwörung“ war es bestimmt nicht. Die Neocons konnten die Rechte aufsaugen, weil die meisten vermeintlichen Rechten sich ihnen in die Arme geschmissen haben und weil sie reichlich Geld von vermögenden Förderern mitbrachten. Inzwischen drücken sie der amerikanischen Außenpolitik unübersehbar ihren Stempel auf, und was auf den Meinungsseiten des Weekly Standard schon seit Jahren offen diskutiert wird, entwickelt sich zur offiziellen Regierungslinie: Die Vision eines Amerikanischen Empires. Die Neocons sind ein einziger Etikettenschwindel. Sie sind nicht konservativ, sondern besessen von leftistischem, revolutionärem Furor. Man lasse sich noch einmal die Worte aus Michael Ledeens Buch „The War against the Terror Masters“ auf der Zunge zergehen: „Kreative Zerstörung ist unser Zeichen, sowohl innerhalb der Gesellschaft wie auch im Ausland. Jeden Tag reißen wir die alte Ordnung ein. (…) Unsere Feinde haben diesen Wirbelwind an Energie und Kreativität stets gehaßt. (…) Wir müssen sie zerstören, um unsere historische Mission voranzutreiben.“ Das klingt nach dem Wutausbruch eines russischen Nihilisten aus den 1880er Jahren, vielleicht eine Figur aus einem Dostojewski-Roman. Warum irgendwer solche Knallköpfe als Konservative ansehen könnte, entzieht sich meinem Verständnis. Es sind hochtrabende Schwätzer, die daran arbeiten, mit freundlicher Genehmigung der US-Regierung eine weltweite, permanente Revolution zu entfachen. Prof. Dr. Paul Gottfried , Sohn österreichisch-jüdischer Emigranten, lehrt Politologie am Elizabethtown College in Pennsylvania, USA. Er ist Autor von „After Liberalism“ (Princeton University Press, 1999) und „Multiculturalism and the Politics of Guilt“ (University of Missouri Press, 2002).

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