Joachim Kuhs

 

Pankraz, Widmann und das Ende der Renommiergois

Ätzenden Hohn goß Arno Widmann in der Berliner Zeitung über den Suhrkamp Verlag aus, weil dieser – nach massivem Druck aus jüdischen Kreisen – ein Buch des kanadischen Moralphilosophen Ted Honderich mit dem Titel "Nach dem Terror" aus dem Verkehr gezogen hat. Das Buch enthalte, so wurde gesagt, "antisemitische Passagen". In Wirklichkeit geht es um eine Kritik Honderichs an der aktuellen israelischen Politik in der Palästinafrage. Jürgen Habermas, einer der Chefberater des Frankfurter Verlages, hatte die Publikation ausdrücklich befürwortet.

Widmann nennt das Verhalten Suhrkamps "verrückt" und empfiehlt dem Lesepublikum, sich künftig bei Bedürfnis nach gediegener Information "nach einem anderen Verlag umzusehen", der kontroverse Standpunkte zulasse und dem Leser ermögliche, "sich ein eigenes Urteil zu bilden". Das ist zweifellos eine gute Empfehlung, aber ist sie auch realistisch? Wo gibt es denn in Deutschland einen Verlag, der es mit Suhrkamp an Einfluß aufnehmen kann und der trotzdem nicht sofort einknickt, wenn ihm der Vorwurf des Antisemitismus um die Ohren geschlagen wird? Einen solchen Verlag wird man nicht finden, auch wenn man mit der Lupe sucht.

So wie die Dinge liegen, kann man sogar Verständnis für Suhrkamp aufbringen. Gerade mal ein Jahr ist es her, daß man dort vor einer ganz ähnlichen Situation stand wie heute. Ein neuer Roman von Martin Walser sollte erscheinen, und plötzlich – das Buch war noch gar nicht auf dem Markt – brachte die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Mär auf, der Roman sei antisemitisch, transportiere "antisemitische Mordphantasien". Damals blieb Suhrkamp standhaft und brachte den neuen Walser trotzdem heraus. Gut möglich, daß man diesmal "nicht schon wieder die alte Leier erdulden" wollte und deshalb den (weniger lukrativen) Honderich opferte, um endlich Ruhe zu kriegen und die alte Affäre vergessen zu machen.

D as Klima im deutschen Geistesleben ist, was jüdische Fragen und Fragen der israelischen Politik betrifft, seit langem durch und durch vergiftet. Angeblich leben wir in einer "Gesellschaft des Diskurses", aber bei Juden- und Israelfragen hört jeglicher Diskurs sofort auf. Wer Kritik an Juden wagt, steht sofort mit einem Bein im Zuchthaus, auch wenn die Kritik noch so berechtigt sein mag und noch so dezent und interessant vorgetragen wird. Ganze Kohorten von Staatsanwälten und publizistischen PC-Wächtern stehen bereit, um "Abweichler" zu verbellen, zu kriminalisieren und aus dem bürgerlichen Leben auszuschalten.

Viele Medien sind dazu übergegangen, sich Beiträge, die Kritik an der Politik Israels äußern, nur noch von Juden liefern zu lassen, um ja nicht in Schwierigkeiten zu geraten. So wie es in Amerika in bestimmten, entschieden jüdischen Anstalten üblich ist, sich einen sogenannten "Renommiergoi" zu halten, der nötigenfalls die unbequemen Sachen sagt, so halten sich deutsche Anstalten "Renommierjuden", die hoch gefragt sind und in Aktion treten, sobald einmal eine Kritik an Scharon unerläßlich wird. Man kann dann den PC-Wächtern entgegenhalten: "Was willst du, Herr Tabori (oder Herr Zadek oder Herr Nagel) ist doch selber Jude."

Sehr oft sind die betreffenden Herrschaften gar keine Juden, sondern haben lediglich einen jüdischen "Hintergrund", jüdische Verwandte oder jüdische Ahnen, in deren Schatten sie also unbehelligt diskutieren können. Sie sind – so wie sie im Dritten Reich nach 1933 unterprivilegiert gewesen wären – überprivilegiert, dürfen sich Dinge leisten, die sich ein "normaler Deutscher" nicht leisten darf. Es waltet eine Art umgekehrtes Drittes Reich, und dieser Status schleift sich nicht ab, sondern gewinnt immer härtere Kontur. Das ist grotesk, "verrückt", da hat Arno Widmann vollkommen recht.

N iemandem ist mit solchen Verrücktheiten gedient, den Juden am allerwenigsten, nicht nur weil nun eventuell alte, längst überwunden geglaubte Klischees neu hervorgekramt werden und sogar an Glaubwürdigkeit gewinnen könnten, sondern auch weil sich unter den Juden selbst ein unangenehmer Typ von Konjunkturritter etabliert, der bewußt auf dem "Juden-Ticket" fährt, um gesellschaftliche Vorteile zu gewinnen. Keine Gemeinschaft wird durch derlei Typen verbessert, denn Verbesserung resultiert allein aus Bewährung in der Not, nicht aus Konjunkturritterei.

Um aber noch einmal auf den Suhrkamp Verlag zurückzukommen: Arno Widmann rät ihm sarkastisch, sich nun schleunigst auch von einigen seiner berühmten verstorbenen Hausautoren zu trennen, weil man denen Ähnliches hätte unterstellen können wie jetzt Ted Honderich, er nennt Mircea Eliade, Cioran, Gerschom Scholem (und hätte noch Ernst Bloch und manchen anderen nennen können). Suhrkamp, so Widmann, sei dabei, sich zum "Komplizen der Verdummung des Lesers" zu machen, und "es wäre nicht zum ersten Mal".

Damit wird offenbar auf die Zeit der "Studentenrevolte" angespielt, als die 68er (Arno Widmann war einer von ihnen) ausgerechnet im Namen der "Suhrkampkultur" anerkannte Suhrkamp-Autoren wie Theodor W. Adorno in schlimmster Weise attackierten und in den Tod hetzten, ohne daß sich der Verlag dagegen zur Wehr gesetzt hätte. Man muß sich in der Tat gegen Zumutungen wehren. Doch das gilt weiß Gott nicht nur für Suhrkamp, vielmehr ist das ganze gegenwärtige Geistesleben gefordert, das durch die nun in Deutschland zur Macht gekommenen 68er regelrecht verdummt wird, unter anderem auch und nicht zuletzt mit monströsen Antisemitismus-Vorwürfen.

Mag das inkriminierte und eliminierte Buch von Ted Honderich schlecht oder sonstwie sein, sein deutscher Titel jedenfalls klingt gut und hoffnungsträchtig: "Nach dem Terror". Ja, wir warten auf das Ende des (Geistes-)Terrors, bei Suhrkamp und anderswo.

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