Pankraz, J. W. L. Gleim und das Versinken im Rokoko

Muß man sich heuer an den einst hochberühmten und vielgeliebten "Vater Gleim" erinnern, den Rokoko-Poeten Johann Wilhelm Ludwig Gleim, der vor zweihundert Jahren, am 18. Februar 1803, im Alter von dreiundachtzig in Halberstadt verstarb, vom Zeitgeist überholt und in die Ecke gestellt wie selten ein Dichter? Gewichtigere Gedenktage aus derselben Epoche stehen doch an, Herder, Klopstock, was soll uns da Vater Gleim?

Nun, man könnte ihn immerhin als den neidlosesten Literaten feiern, der je gelebt hat, als das absolute Muster für Kollegialität und Mitfreuenkönnen, als einsames Licht in der sonst üblichen Nacht von gegenseitiger Poeten-Mißgunst, Häme und hinterhältiger Schlechtmacherei. Gleim war ein begnadeter Talentsucher mit einem untrüglichen Gespür für Genie und Begabung. Er gründete dauernd "Dichterkreise", in Halle, in Berlin, im heimatlichen Halberstadt, wo er als Sekretär des Domkapitels sein Auskommen fand. Hatte er einmal ein Talent entdeckt, so lobte und förderte er es, wo er nur konnte, auch wenn es sichtbar größer war als er selbst und eine völlig andere Auffassung von Poesie hegte.

Gleims eigene Auffassung von Poesie, so wie er sie bevorzugte und ausübte, war begrenzt und gleichsam veilchenblumenhaft. Er gilt als Begründer und Hauptfigur der "deutschen Anakreontik" (benannt nach dem griechischen Dichter Anakreon aus dem sechsten Jahrhundert v. Chr.). Uns Heutigen, die wir mit Natur- und Gefühlslyrik aller Klassen und Lagen regelrecht gebeizt sind, sagt diese Form der Reimerei nichts mehr, sie kommt uns kitschig vor wie eine Stammbuchblume, wir können darüber nur noch lächeln.

Damals freilich war die Anakreontik das Feinste und Modernste, was es an den Buchständen gab, auch Lessing und der junge Goethe huldigten ihr. Es war das Zeitalter des Rokoko, wo die Frauen herrschten und den Stil der Politik und der Kultur bestimmten. In Österreich und Rußland regierten Frauen, in Frankreich schrieben Madame Pompadour und Madame Dubarry den Königen vor, was die zu machen hatten. Die Männer parfümierten sich, stelzten auf Stöckelschühchen und parlierten in zierlichen Flötentönen wie indische Reisfinken.

Im vorhergehenden Barock war es dröhnend, verstandesmäßig und schwülstig zugegangen, alles war muskelbepackt und pathetisch. Die Poesie verhielt sich strikt "objektiv", es gab in ihr kein Ich, nur allgemeine Ideen, Vergänglichkeit, Ruhm, Friedenssehnsucht usw. Das Rokoko war die Reaktion darauf. Aber nicht das Ich als solches wurde gegen Rationalismus und Pathos aufgerufen, sondern "das Weibliche". Seine Bestandteile waren Zierlichkeit, galanter Formelkram, Boudoir-Atmosphäre, "süße Düfte", indirektes, anspielungsreiches Sprechen – und natürlich "die Liebe".

Dieses Rokoko war nur ein weltgeschichtlicher Augenblick, etwa die Zeit zwischen 1740 und 1760, und Gleim und die Seinen aus den diversen Dichterkreisen, die Hagedorn, Uz, Götz, waren die Lyriker dieses Augenblicks. In ihren Gedichten wimmelte es von Zierlichkeiten und Anspielungen, die Liebesschwüre traten sich gegenseitig auf die Füße. Trotzdem war das kein unebenes Geschäft, es erforderte Geschmack, semantisches Geschick, Sinn für Melodie und niedliche Staffage. A la longue konnte sich freilich kein stürmischer, tieferer Geist damit begnügen. Das Korsett war von Anfang an da, und es war zu eng.

Weiblichkeit allein, so kam heraus, war keine wirkliche Alternative zu Formalismus und Ich-Unterdrückung, sie lieferte lediglich die Kehrseite dazu. Vorne roch es nach Kavalleristenschweiß und Sattelleder, hinten nach Veilchen und Lavendel, aber die Münze war ein und dieselbe, es war die alte, bloßes Zeremoniell einwechselnde Barock- und Rationalismus-Münze. Die Philosophen und die Romanschreiber merkten es zuerst, Rousseau und Shaftesbury, Richardson und Gold-smith, bei uns Wieland und Kant. Es kam zur Betonung des Gefühls auch und vor allem bei Männern, zum "sentimentalen" Roman und schließlich, bei Kant, zur gründlichen, systematischen Kritik der Urteilskraft, nicht nur der speziell männlichen, sondern der Urteilskraft überhaupt.

Bei den Lyrikern dauerte es etwas länger, wie nicht zuletzt die Gedichte Goethes zeigen, wo anakreontische Töne und Redewendungen bis weit in die Periode seines Sturms und Drangs und seiner Klassik hineinreichen. Gleim schaffte den Absprung gar nicht, er verharrte auf dem anakreontischen Ufer. Doch seine Hervorbringungen wurden nun zunehmend brüchig, bekamen einen Stich. Die zierlich tändelnden Verse platzten auf wie überreife Früchte, und aus der geplatzten Schale schauten hier und da schon modernere lyrische Gestalten heraus: das romantische Volkslied, die von putzigen Schäferszenen unverstellte Landschaft. Nichts paßte am Ende mehr zusammen.

Fast möchte man von einer schöpferischen Tragödie des Johann Wilhelm Gleim sprechen. Er war ein bißchen wie Moses, der das gelobte Land sah, ohne es betreten zu dürfen. Deshalb der liebevolle Einsatz für Kollegen, die ihn sichtbar überstiegen und in den Schatten rückten. Und deshalb das herbe Urteil vieler Literaturhistoriker, die besonders seine späteren Sachen verachten und sie negativ gegen Hagedorn abheben.

Tatsächlich kann man sich das ganze Rokoko leicht aus der Kulturgeschichte wegdenken. Es hätte vom Barock gleich in die Rousseau- und Goethezeit weitergehen können, niemand würde im Rückblick etwas merken, die historische Logik der damaligen "Aufklärung" erschiene sogar plausibler. Doch was würde uns alles entgangen sein! In der bildenden Kunst Watteau und die schönsten Schöpfungen aus der Meißner Porzellanmanufaktur, in der Architektur Schloß Sanssouci und die Wallfahrtskirche in der Wies, in der Musik Philipp Emanuel Bach und Scarlatti. Und in der Literatur der liebenswerte Gleim.

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