Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Pankraz, das Vierte Gebot und der Ausflug am Vatertag

Meditation zum Vatertag. Keine Figur ist während der letzten hundert Jahre so heruntergemacht, so dem Haß und der Lächerlichkeit preisgegeben worden wie die des Vaters. Und dabei steht doch im Dekalog, und zwar ganz oben, gleich nach den drei ersten Geboten, die den Umgang mit Gott selber regeln: "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebst auf Erden". Wie konnte es zu solch einer Häresie kommen?

Keine Rede kann doch davon sein, daß erst in den letzten hundert Jahren erkannt worden wäre, wie kompliziert und spannungsreich das Verhältnis zwischen Vätern und Kindern, speziell zwischen Vätern und Söhnen, ist. Die Weltliteratur war von Anfang an voll mit Vater-Sohn-Konflikten. Man darf das Urteil riskieren: Gerade weil schon die Alten erkannten, daß der "Vatermord" gewissermaßen im Plan der Natur einprogrammiert ist, haben sie das Vierte (genauer: das erste zwischenmenschliche) Gebot erlassen. Von Anfang an sollte der Natur ein Riegel vorgeschoben werden – damit der Mensch überhaupt erst einmal zum Menschen werden konnte, damit sich Kultur und Sitte entfalten und befestigen konnten.

Das war also Komment durch die Jahrtausende. Und dann plötzlich, in der Zeit der "Aufklärung" und sogenannten Verwissenschaftlichung: "Am besten wär’s, euch alle" (nämlich die Väter) "totzuschlagen". Besonders im deutschen Geistesleben gab es von da ab kein Halten mehr; der Vaterhaß erreichte irrwitzige Höhen. Väter waren in der Perspektive des expressionistischen Theaters nicht nur sadistische Quälgeister und Kaputtmacher ihrer Söhne, sie waren das Böse schlechthin, lagen quer zu jeglicher Kulturentwicklung, man stritt nicht mehr mit ihnen, sondern benutzte sie nur noch als Fußabtreter.

Eine nochmalige Steigerung erreichten Vaterhaß und Vaterverachtung in der "Kulturrevolution" der 68er, als diese darangingen, "die Vergangenheit zu bewältigen". Und dabei waren viele dieser 68er bereits Angehörige der sprichwörtlich "vaterlosen Generation", das heißt ihre Väter waren im Krieg gefallen oder in der Gefangenschaft umgekommen, sie selbst waren von Müttern und Tanten aufgezogen und geprägt worden.

Aber das hinderte sie nicht daran, im nachhinein und völlig gnadenlos (weil ohne persönliche Kenntnis der genaueren Umstände) mit den toten, machtlosen Vätern "abzurechnen", immer wieder und immer wieder, auch als sie längst schon selbst zu Vätern geworden waren. Der Vaterhaß ist heute zu einem Ausweis für "Gutmenschentum" geworden, zum Ticket für Karriere- und Wohlfühlchancen. Man "trägt" ihn, wie man ein Paar Hosen trägt.

Daß dergleichen auf Dauer nicht gutgeht, zeigt sich bereits jetzt in vielen Bereichen. Väter – wie immer die einzelnen sich anstellen mögen – vermitteln eine Art primärer Sozialisation, die keine mütterliche Erziehung leisten kann. "Mütter sind Ammen", konstatiert Rousseau gleich am Anfang seines "Emile", "Väter dagegen sind Lehrer". Der mütterliche Einfluß zielt immer auf Natur, der des Vaters auf Kultur, auf das, was man nicht von vornherein be-sitzt, was einem nicht organisch zuwächst, was man vielmehr erlernen und extra erwerben muß, womit dann eine gewisse Entfremdung von der Natur und von dem, was sich "eigentlich von selbst versteht", verbunden ist.

"Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen". Der Vater führt in die Fremde, und nur wer in die Fremde geht, kann – um es im Stile Rousseaus oder Schillers zu sagen – wirklich nach Hause kommen, kann wirklich Neues erschaffen und just dadurch den Bestand der Kultur für die Zukunft garantieren. Väter sind die Scharniere zwischen Tradition und Innovation.

Genau deshalb ja die leidenschaftlichen, oft erbitterten Generationenkämpfe zwischen Vätern und Söhnen. Es geht nicht nur darum, daß der Sohn auf eigenen Füßen stehen und den Vater aufs Altenteil abschieben will, es geht auch und sogar in erster Linie um das Ausmaß des Traditionsbestandes, der übernommen bzw. verworfen werden soll. Das Vater kämpft in der Regel um das Bestehende, und allein in der Auseinandersetzung mit ihm lernt der Sohn, das Über-lieferte wahrhaft einzuschätzen und sein eigenes Verlangen nach Innovation genau und glaubhaft zu rechtfertigen.

Vaterlose Generationen und solche, denen beigebracht worden ist, die Väter zu verachten, empfinden diesen tragischen Kulturkampf gar nicht mehr. Sie glauben (ausschließlich mütterlich geprägt, wie sie sind), daß das natürliche Recht der Jungen, Kommenden, den kulturellen Bestand ganz von allein sichern werde, oder sie glau-ben sogar, daß es einen originär kulturellen Bestand, der sich von dem der Natur abhebt, überhaupt nicht geben dürfe, daß das nur "unnatürliche" Gewalt, Bevormundung, Unterdrückung sei. Die Gesellschaft wird zum Kindergarten, sie infantilisiert sich.

Die alten Kulturen haben das, wie gesagt, schon früh erkannt und dagegen ihre Vierten Gebote erlassen. Wie ernst sie es meinten, geht aus vielen grimmigen Hoheliedern und Heldensagen hervor. "Ein Auge, das den Vater verspottet, das müssen die Raben am Bach aus-hacken und die jungen Adler fressen" (Sprüche Salomonis, 30/17).

Freilich auch: "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen" (Evangelium Johannis, 14/2). Will sagen: Die Kultur ist eine elastische, weiträumige Sache. Sie bietet Gelegenheit zu vielen fruchtbringenden Mutationen, und der Selektionsprozeß, der die Mutationen prüft, erfordert sowohl Kampfesbereitschaft als auch Ver-ständnis und Lebensklugheit.

Gute Väter wissen das selbstverständlich, und sie sind in der Überzahl, wenn es auch die brutalen Säufer und feigen Drückeberger sind, die im zeitgenössischen Roman dominieren, wo sie die dunkle Folie zum Heldentum alleinerziehender Mütter abgeben. Läppische Vereinfachungen das!

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