Pankraz, Charles Baudelaire und der gute deutsche Stil

Allmählich nervt es, das Dauergezeter des Merkur-Herausgebers Karl Heinz Bohrer über die angebliche "Stillosigkeit" der Deutschen. Jetzt hat er irgendeinen Preis dafür gekriegt, und in seiner Dankesrede (abgedruckt im Mitteilungsblatt des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft) ging es wieder nur endlos über unsere "Stillosigkeit". Engländer und Franzosen, heißt es, hätten Stil, die Deutschen hätten ihn nicht. Vor Jahren habe er, Bohrer, an der Eröffnung einer deutschen Sparkassenfiliale in London teilgenommen, und bei der Eröffnungsparty habe man es wieder einmal sehen können: die eingeladenen Engländer waren witzig, die Deutschen "stillos".

Dabei wird nie genau gesagt, was das denn eigentlich sei: "Stil". Am ehesten kann man der Suada entnehmen, daß eine allgemeine Lebenshaltung gemeint ist, eine Art, sich zu geben, zu spucken und zu schwadronieren. Demnach müßten jeder einzelne und jede Gemeinschaft vorab ihren Stil haben. Aber dann wird wieder nahegelegt, Stil sei etwas Erworbenes, Höfisches und Elitäres, die lässige Befolgung eines verabredeten oder überkommenen Benimm-Kanons, gute Erziehung, Symbolbewußtsein. Die Bestimmungen schwanken hin und her, und unterm Strich kommt lediglich folgendes heraus: Die Deutschen sind von Natur aus Rüpel, Waldschrats, Provinzler, und ich, Karl Heinz Bohrer aus Kölle am Rhein, möchte mit ihnen nichts zu tun haben, ich bin was Besseres.

So spricht an sich jeder gehobene Wohlstandsspießer, der sich von seiner Umgebung abheben will und den es zu Höherem zieht. Als Beitrag zu einer Soziologie der Sitten und Gebräuche taugt dergleichen nicht, auch nicht als Kritik an der zweifellos vorhandenen Proletenhaftigkeit und horrenden Unerzogenheit des gegenwärtigen Politik- und Kultur-Establishments in der BRD.

Bohrer hätte sich darauf einlassen müssen, die Ursachen für diese Entartung zu untersuchen: die zwei verheerenden Niederlagen im Zeitalter der Weltkriege, das Fallen und Umkommen gerade der Besten, die Zerschlagung der alten deutschen Eliten durch Revolution und Siegerwillkür, das Hochkommen der zweiten Garnitur auf allen Gebieten, die offizielle, in sämtlichen Erziehungsprogrammen fest etablierte Anbetung des "kleinen Mannes" und seines Geschmacks aus zweiter Hand, der seit alten 68er-Tagen grassierende Mut zur Nichterziehung, zur frechen Breitmäuligkeit, zur Abschaffung aller symbolischen Formen. Aber solches anzusprechen ist der Mann aus Köln wohl zu feige.

Statt dessen verschafft er den gegenwärtigen Rüpeln an den Schalthebeln auch noch ein vornehmes Pedigree, indem er ihr Treiben auf große, hochberühmte deutsche Geistestraditionen zurückführt, auf den "Sturm und Drang" um Goethe und Schiller, auf Luther und den äußerst witzigen und fruchtbaren "Grobianismus" der deutschen Renaissance, auf den Pietismus der Spener und Francke am Ende des siebzehnten Jahrhunderts. Das ist schlimme Demagogie. Denn keine einzige dieser Bewegungen läßt sich ernsthaft als Wurzelgrund für die heutige Misere haftbar machen.

Es stimmt, allen diesen Richtungen wohnte ein Moment vehementen Protestes gegen höfische Formen, theologische Dogmen und rationalistischen Schulbetrieb inne; deshalb hat der scharfsichtige Dostojewski die Deutschen "das von Natur aus protestierende Volk" genannt. Sie mobilisierten die Dialektik gegen die mechanisch klappernde Logik, das tiefe religiöse Gefühl gegen erstarrte, leer gewordene Glaubenskanons, das wildhinschaffende Genie gegen den bedächtig reimenden Schulfuchs, den Schillerkragen gegen das Spitzenjabot. Gleichzeitig aber entfalteten sie ein gewaltiges organisatorisches Geschick, um nicht ins Russisch-Anarchische zu verströmen, die Dinge im Rahmen zu halten und ihnen Figur und Hintergrund zu verschaffen.

Wenn man will, kann man dies den klassischen deutschen Stil nennen: die Verbindung von Herzensergießung und Organisationstalent, das Maßhaltenkönnen zwischen Rationalismus und Anarchismus. Ein solcher Stil erfordert nicht weniger Zusammennehmen als das Befolgen französischer Hofetikette, eher mehr, eben weil er nicht blind einer vorgegebenen Form folgt, sondern jede Geste extra bedenken und mit dem Gefühl in Einklang bringen will.

Das verschafft deutschen Partyteilnehmern im Vergleich zu französischen möglicherweise einen habituellen Nachteil, macht sie etwas langsamer und hölzerner, aber das kann auch sehr sympathisch wirken, es kann daraus eine eigene Art von Charme entstehen, der auch von draußen wahrgenommen wird. Von einer prinzipiellen, gleichsam naturgegebenen deutschen "Stillosigkeit" kann indessen nicht die Rede sein. Wer das Gegenteil behauptet, mag sich damit als politisch korrekt Umerzogener zu erkennen geben, als ernstzunehmender Völkerpsychologe scheidet er aus.

Der deutsche Stil hat das abendländische Geistesleben übrigens nicht weniger tief geprägt als der französische oder englische. Der deutsche Pietismus mit seiner Herzensfrömmigkeit hat überall in der Welt geradezu ungeheure Folgen gezeitigt, in Amerika, in Rußland, sogar in Asien und Afrika. Der vom jungen Goethe und seinen Sturm & Drang-Kumpanen ausgehende Geniekult hat seinerzeit in Europa, vor allem in Frankreich, außerordentlichen Eindruck gemacht und viele Geistesgrößen zur Nachahmung gereizt. Und ohne Richard Wagner, zweifellos ein typisch deutscher Stil-Repräsentant, wäre Baudelaire gar nicht denkbar gewesen.

Aber was heißt schon Stil! Jeder Stil, sagt Schopenhauer, erhält seine Form und Schönheit vom Gedanken, der in ihm steckt. Wer inhaltlich nichts zu bieten hat, der kann auch keinen Stil haben, geschweige denn einen guten Stil. Sein Benehmen wird schnell als leere Attitüde durchschaubar, die immer das Gegenteil von gutem Stil ist und nach Abschaffung oder Gelächter ruft.

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