Laura und Lottchen als Hardcore-Titel

Mädchen, verliebt euch nicht in Dichter, laßt es bei ihnen wenigstens nicht zum Äußersten kommen! Sonst kann es euch passieren, daß ihr eines Tages plötzlich in voller Öffentlichkeit mit Namen und Hausnummer als „schlimme Nutten“ oder „bloße Fickvorlagen“ beschrieben werdet, wie es soeben den (ehemaligen) Lebensgefährtinnen der bekannten Schriftsteller M. B., A. N. H. und M. L. erging. Das ist auch in modernen Zeiten nicht schön. Längst vorbei sind die Tage der Laura oder Lottchen, denen es zur höchsten Ehre und zu ewigem Ruhm gereichte, von Poeten wie Petrarca oder Goethe abgebildet und angesungen zu werden. Heutige Liebesromane, zumindest solche, die in den Feuilletons und Kultursendungen besprochen werden, sind, wie die Psychologen sagen, vollkommen „entsublimiert“, ihre Sprache ist grob und direkt, ihre Figuren taugen allenfalls noch fürs Titelblatt von Hardcore-Pornos. Wer sich in ihnen abgebildet findet, sieht sich zu Recht in seiner Intimsphäre verletzt und läuft zum Kadi, um das Machwerk einschwärzen zu lassen. Denn das ist das besonders Fatale: Die neuen Liebesdichter haben nicht nur keinen Geschmack mehr, sondern – und zwar ebenfalls zu Recht – auch kein Vertrauen mehr zur Unterhaltungskraft ihrer belletristischen Fiktionen. Sie müssen „authentisch“ sein, um von sich reden zu machen, der Leser soll erkennen: „Ach, das ist doch die und die. So eine ist das also. Na, dann gute Nacht!“ Man will gar keine Literatur mehr, sondern Skandal, und so bekommt man ihn denn – und trifft sich im Gerichtssaal wieder. Dort lauern sowieso die „richtigen Reporter“, die dafür sorgen, daß die Sache sofort ohne Umwege in die Medien kommt. Und direkt in die Medien kommen bedeutet Ruhm und Auflage. Wie sprach schon vor Jahren der große US-amerikanische Dichter Henry Miller? „Die kürzeste Strecke zum Ruhm führt durch die Unterhose.“

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