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Konservativer Neuklassiker

D er Harz als Wiege der „Konservativen Revolution“? Immerhin erblickten die beiden Blankenburger Oswald Spengler und August Winnig in dieser lieblichen Mittelgebirgslandschaft das Licht der Welt. Und das waren unter den Exponenten der Konservativen Revolution bekanntlich keine Leichtgewichte. Genauso wenig wie der 1866 im benachbarten Elbingerode geborene, im Mai 1933 im steiermärkischen St. Georgen verstorbene Paul Ernst (1866­-­1933), den Armin Mohlers Handbuch allerdings mehr ihrem „dichterischen Umkreis“ zuordnet. Rein quantitativ, mit Blick auf die acht Bände theoretischer Schriften, die den elf Bänden „Dichtung“ in den zwischen 1928 und 1942 edierten „Gesammelten Schriften“ Ernsts zur Seite stehen, mag Mohler den Poeten zu Recht für bedeutsamer als den politischen Denker gehalten haben. Aber der Dichter des schon zu Lebzeiten kaum gelesenen Versepos „Das Kaiserbuch“ (1928) – noch in der Volksausgabe von 1935 unzumutbare 2.300 Seiten dick – wäre 2003 allenfalls noch in Literaturlexika präsent, mit einem kurzen Eintrag als Vorreiter einer kurzlebigen neuklassischen „Bewegung“ in Dramatik und Novellistik um 1905. Darum gilt: der Paul Ernst, der, gefördert auch von einer in Neu-Ulm angesiedelten, unter dem Germanisten Horst Thomé recht rührigen Gesellschaft, die den Namen des gutsherrlichen „Patriarchen von St. Georgen“ trägt, der heute ein mehr als lexikalisches Interesse beanspruchen darf, der politischer Publizist und konservativer Kulturkritiker ist. Auch Hildegard Châtellier, seit langem an der Erforschung der „rechten Intelligenz“ zwischen 1871 und 1933 beteiligt, konzentriert ihre Monographie deshalb ausschließlich auf Ernsts politische Ideenwelt. Sie verfährt dabei zweigleisig. Zunächst biographisch, wenn sie den Wandel vom aktiven Sozialdemokraten und Naturalisten (bis 1895) zum Marx-Kritiker und Gegner der Ebert-SPD (ab 1919), schließlich zum Programmredner der von Hugenbergs Deutschnationaler Partei abgespaltenen Volkskonservativen Vereinigung (1931) nachzeichnet. Dann systematisch, indem sie wesentliche Elemente des „bildungsbürgerlichen Antimodernismus“ analysiert, als da sind Anti-Liberalismus, Anti-Kapitalismus und Anti-Materialismus, die Ausrichtung am Ideal einer religiös inspirierten, weltanschaulich homogenen Gesellschaftsordnung nach dem Vorbild des idealisierten Mittelalters, ein ständischer Aristokratismus und die obligate großstadtfeindliche Verklärung vorindustrieller Lebensformen. Doch trotz aller Gründlichkeit, die auch nicht vergißt nachzuweisen, daß die „Judenfrage“ in Ernsts Publizistik kaum eine Rolle gespielt habe und sich schon deshalb die Distanz des Konservativen zur aufsteigenden Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ergab, kann Châtellier ideengeschichtlich wenig Neues zu Tage fördern. Das ist kein Versagen der versierten Historikerin, sondern das ergibt sich aus der Natur der Sache: Ihr Held war als politischer Denker eher ein Typus als ein Original, so daß bei ihm wenig zu finden ist, was nicht aus der Analyse jungkonservativer Ideologeme schon bekannt wäre. Deshalb operiert Châtellier in gut erkundetem Gelände, so daß sie diese weltanschaulichen Kernelemente nur noch auf das Werk Ernsts anwenden mußte. Der systematische Teil ihrer Monographie eignet sich darum bestens für eine Einführung in die „Grundzüge“ konservativer Reaktionsmuster auf die Krisen der Moderne. Vor den Interpretationsfolien, die Châtellier vorfand und die sie für ihre vergleichende Untersuchung nutzt, hebt sich Ernst in vieler Hinsicht als ein Mann des 19. Jahrhunderts ab. Das trifft nicht nur für den Gesamtkomplex des „Rassendiskurses“ einschließlich der „Judenfrage“ zu, der dem Idealisten biologistisch-materialistisch erschien. Auch für den modernen, am Volksbegriff ausgerichteten Nationalismus zeigte er wenig Verständnis. Die Erwartung, so Châtellier, als konservativer Revolutionär habe Ernst einen „entschiedenen Nationalismus“ vertreten müssen, bestätige sich nicht. Noch während des Ersten Weltkrieges habe er die „Menschheit“ eindeutig über das „Volk“ gestellt. So bleibe seine Einstellung gegenüber der Nation mindestens „zwiespältig und widersprüchlich“. Man könnte hier allerdings auch gegen Châtellier einwenden, was denn, wenn so markante Abweichungen zu konstatieren sind, Ernst, dessen ganzes Schaffen „durchdrungen von christlicher Weltanschauung“ gewesen sei, mit jüngeren Ideologen der Konservativen Revolution wie Ernst Niekisch oder Oswald Spengler noch verbinde. Mehr mit christlichem Caritas-Empfinden als mit sozialpolitischem Verständnis der „Klassenfrage“ hat zudem Ernsts Sozialismusbegriff zu tun. Darum hätte die Untersuchung im zweiten Teil des Werkes vielleicht durch vergleichende Betrachtungen, etwa zwischen der Sozialismus-Kritik Ernsts und der seines Landsmannes, des sehr viel länger in der SPD engagierten August Winnig, gewinnen können. Hildegard Châtellier: Die Verwerfung der Bürgerlichkeit. Wandlungen des Konservatismus am Beispiel Paul Ernst (1899*-1933). Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, 253 Seiten, 30 Euro

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