Ich kann niemals sterben

Der Filmregisseur Werner Herzog nannte ihn das einzige Genie, dem er je begegnet sei. Selbst wenn sein „liebster Feind“ diesen Ritterschlag später relativierte, der Apothekersohn Klaus Kinski bleibt ein mythisches Mysterium. Mit engelhafter Judas-Zunge spielte er vor über dreißig Jahren den“Jesus Christus Erlöser“, jetzt lassen vierzehn Vertreter elektronischer Disco-Musik den Ende 1991 verstorbenen Kinski auferstehen. Thomas D., Schiller, U 96 & Co. huldigen auf „The Kinski Files“ (BMG) dem Show-Messias, sie kleiden sein Evangelium in einen hippen Love-Parade-Sound, zwischen Apokalypse und Weltuntergang. „Die Menschen werden von mir sagen, daß ich tot bin“, prophezeite Kinski zu Lebzeiten. „Glaube ihnen nicht! Sie lügen! Ich kann niemals sterben.“ Und tatsächlich sieht man ihn als Schauspieler in „Aguirre, der Zorn Gottes“, als „Jack the Ripper“, als Edgar Wallaces „Der Rächer“ vor sich, würgend, zeternd, zersetzend sorgt seine zart-malancholische Stimme für Gänsehaut, Kribbeln und Herzklopfen. „Habt Ihr immer noch nicht begriffen, daß die einzige Macht, die Euch retten kann, die Liebe ist?“ lautet sein Credo. Thomas D., Mitglied der Fantastischen Vier, taucht in „Gesucht wird Jesus Christus“ Kinskis empathische Methaphorik in zart-pathetische Piano-Klänge. Entwaffnend schön ist Schillers sphärenhaft entrücktes „Glücklich“, Stimmenverzerrungen und Klangcollagen offenbaren des Rebellen verletzliche, sentimentale Ader. Alle Trance- und Techno-Jünger bedienen die Tracks von Sash, U 96, Sleepwalker und Yanou, schrill-hämmernde Beats und lasziv-kokettierende Synthyklänge tradieren des Meisters wilden Erdbeermund aus dem Jenseits direkt auf die Tanzfläche, DJ Klaus K. goes Disco und Ekstase. Einen Glanzpunkt setzt die Anarcho-Gruppe Boytronic: „Wehe Euch, Gesetzgebern, Euch wahren Kriminellen“, scheppert es provozierend aus den Lautsprechern. „Wäret Ihr doch wenigstens heiß, oder wenigstens kalt. Aber Ihr seid nur lauwarm!“ Der stakkatohafte Neue-Deutsche-Welle-Sound bildet die perfekte Symbiose zu Klaus Kinskis Kampfansage gegen Windmühlen. Er bleibt omnipräsent, als Wahrsager, Provokateur und Genie.

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