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Herbstzeitloses

Georg Katzer, der 1935 im schlesischen Habelschwerdt geborene namhafte Avantgardist aus Zeuthen bei Berlin, wurde vor etwa zehn Jahren durch den außerordentlich innovativen Akkordeonisten Gerhard Scherer zur Komposition etlicher Stücke für das Instrument angeregt. Neben Solo-Stücken entstand eine Reihe bemerkenswerter Kammermusiken wie „SaitenZungenSpiel“ (für Violine und Akkordeon), „Dialog imaginär“ (für Akkordeon und Tonband), „Versuchte Annäherung“ (für Cello und Akkordeon) und etliches mehr. „Für mich ist das Akkordeon ein kleiner Bruder der Orgel, ein polyphon spielbares Windinstrument, nicht weniger reizvoll, für es zu komponieren als für jedes andere Instrument“, erläutert der Komponist seine Faszination. Produziert wurde die „Kammermusik mit Akkordeon“ (kreuzberg records, kr 100 54) in Trossingen, im Zentrum der akkordeonistischen Welt also, und es spielen außer Gerhard Scherer mit Claudia Buder und Ivan Koval zwei bemerkenswerte Vertreter der Weimarer Akkordeon-Zunft. Auch alle anderen Interpreten sind erste Wahl und bewältigen die zum Teil außergewöhnlichen Schwierigkeiten der verteufelt ausgetüftelten Katzerschen Strukturen bravourös. Nicht für jeden Geschmack sicherlich, aber sehr anregend! Die unlängst veröffentlichte CD „Barbara Kellerbauer singt Heinrich Heine“ – aufgenommen im großen Sendesaal des Deutschlandfunks Köln – begibt sich auf einen Grenzgang zwischen den Genres Lied und Chanson, indem sie Musik, Poesie und Politik verknüpft. Lieder von Heinrich Heine stehen zur Diskussion, in zeitgenössischen Vertonungen der Komponisten Reiner Bredemeyer, Helmut Frommhold, Barbara Kellerbauer u.a. „Ob all des Flüchtigen, Vergeblichen, ja ob der Vergänglichkeit des Augenblicks geradezu getränkt von Melancholie“ – so begegnet Mitte der 1920er Jahre Heinrich Heine dem Leser seiner Lyrik. Sein „Lebensgruß“, enthalten in den Romanzen im frühen „Buch der Lieder“, weist ihn als Romantiker aus. Der Ferne gilt alle Sehnsucht, Aufbrüche dorthin sind – zumindest noch hier – aufgeladen mit Utopie. Noch sind Heines Denken und Vers voll von Toleranz und Wunschfantasie. Angedeutet jedoch sind auch manch spätere Brüche: Frühreif erhebt der Autor Einspruch gegen das Vergehen der Zeit. Sein Liebeslied lebt von der Tragik, und zwischenmenschliche Kälte spricht aus seinem Gesellschaftsgedicht. Natur dient als Metapher gefährdeter, wenn nicht gar gestörter Menschlichkeit. Im Konzept der CD „Lebensgruß“ (Kreuzberg Records, kr 10067) erscheint insgesamt weniger der Romantiker als vielmehr ein junger Lyriker mit gesellschaftspolitischem Scharfblick, mit Ironie und dem Gespür für mancherlei Doppelsinn. So, wie sein Naturgedicht ins Satirische kippt, so tangiert sein Liebeslied Politik und soziales Befinden. An welcher Schnittstelle sich die Musiker hier in Sachen Heine begegnen, ist weniger leicht gesagt. Ihr Terrain ist ein Experimentierfeld – darin berühren und überlagern sich die Genres Chanson und Klassisches Lied, Erfahrungen mit politischem Lied, Lieder-Theater und Neuer Musik. Die Lieder aus der Feder der Sängerin betonen Lebenslust und Vitalität – entsprechend Barbara Kellerbauers langjähriger künstlerischer Botschaft und bisherigem sängerischem Signet. Wo sich die experimentierfreudige Berliner Künstlerin allerdings an Lieder zeitgenössischer Komponisten heranwagt, die ihrerseits den hohen Elfenbeinturm Neuer Musik verlassen, klingen auch ungewohnte Töne auf. Reibungen entstehen, Spannungen. Und jene Widerspruchsfelder erwachsen, die unabdingbar sind, um „mittels Heine dicht am Heute zu sein“ (Frank Kämpfer).

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